Cédric Villani und das Abenteuer Mathematik

Wie denkt und arbeitet jemand, der eine der höchsten Auszeichnungen der Mathematik erhalten und der über seine Entdeckungen einen Roman geschrieben hat? Unter diesem Motto stand ein mathematisches Podiumsgespräch zwischen dem FIELDS-Preisträger Cédric Villani und Prof. Walter Schachermayer (Wien) zu dem der Frankreich-Schwerpunkt und das Institut für Mathematik geladen hatten.
Cédric Villani und Erzherzog Leopold V., der Gemahl Claudia de‘ Medicis
Bild: Cédric Villani und Erzherzog Leopold V., der Gemahl Claudia de‘ Medicis

Das am 27. September im Claudiasaal der Universität Innsbrucksehr zahlreich erschienene Publikum rekrutierte sich einerseits aus TeilnehmerInnen des ÖMG-DMV-Kongresses, in dessen Rahmen Villani einen Plenarvortrag gehalten hatte, und andererseits aus „Fans“ aller Altersstufen, denn der – jedenfalls von seinem Äußeren her – exzentrische Mathematik-Genius ist einem breiten Publikum ein Begriff, seit er ein Buch publiziert hat, das die Arbeitsweise und den Alltag in der mathematischen Forschung zum Thema eines spannungs- und emotionsgeladenen Romans macht.

Sämtliche Mathematiker sind Villani seither unendlich dankbar, dass sie ihren Freunden und Verwandten endlich klar machen können, was sie beruflich denn so den ganzen Tag tun; und auch Nicht-Mathematiker können sich mit den Irrungen und Verwirrungen, den vermeintlichen und tatsächlichen Genieblitzen der Mathematiker nun ein ganzes Stück weit identifizieren. Kein Wunder, dass alle den Mann sehen wollten, der das Ringen um mathematische Erkenntnisse mit-vollziehbar macht, ohne dabei dessen immense Schwierigkeit zu verraten.

In dem Podiumsgespräch ging es denn auch um einsames und gemeinsames Nachdenken, um zufällige Zusammentreffen und Kooperationen, die im nachhinein schicksalhaft erscheinen, und um rettende Intuitionen in der Metro, auf dem Weg ins Kino oder sogar im Traum. Um Überprüfungen und Diskussionen, die den genialen Einfall oft als falsche Fährte entlarven, die manchmal aber auch bestätigen, dass damit tatsächlich der Durchbruch gelungen ist.

In der anschließenden Diskussion war unter anderem davon die Rede, wem bei Forschungskooperationen die Verdienste zugeschrieben werden und warum, wie bewusstes Nachdenken und unbewusstes Weiterarbeiten an einem Problem sich ergänzen und ineinanderwirken, was mathematische Forschung so schwierig, so physisch und emotional anstrengend, macht, aber auch davon, warum gerade Frankreich so viele FIELDS-Preisträger hervorgebracht hat. „Welche andere Nation ist so sehr daran interessiert, abstrakte Ideen zu entwickeln und diese dann der ganzen Welt zu erklären?“, fragte der Ehrengast nicht ganz ernsthaft, um dann zu ergänzen: „Wir scheinen aber auch mit der ziemlich elitistischen Ausbildung in den ‚grandes écoles‘, insbesondere der ‚Ecole Normale Supérieure‘, ein System zu haben, das jedenfalls in der Mathematik ausgezeichnete Erfolge bringt.“

Umgänglich, humorvoll und mitteilsam – so wirkte der berühmte Mann und widerlegte damit den Nimbus des in sich gekehrten, hermetische Formeln wiederkäuenden Genies im Elfenbeinturm, der so manche Stars der abstrakten Wissenschaften – vielleicht zu unrecht? – umgibt. So verwunderte es auch nicht, als Villani am Ende die Leitung des berühmten „Institut Henri Poincaré“ nicht als lästige administrative Pflicht, sondern als eine faszinierende menschliche Aufgabe beschrieb, bei der es eben darum ginge, einer Gruppe von Individualisten eine gemeinsame Vision zu geben und dabei jedem einzelnen optimale Bedingungen für seine höchstpersönliche Entfaltung zu garantieren.

Der Abend endete mit einer Signierstunde von Villanis Buch „Théorème vivant“, bei der jeder in der langen Schlange am Ende eine ganz auf ihn zugeschnittene Widmung nach Hause tragen konnte. Und am Ende stand der Gast auch noch bereitwillig Modell für ein Fotoshooting vor dem Porträt des Landesfürsten Erzherzog Leopold V.

(Eva Lavric)