Freiwilligenarbeit in der Katastrophenhilfe – unerlässlich in Zeiten des Klimawandels?

Die Wetterkatastrophen der letzten Jahre verlangen nach umfangreichem Katastrophenschutz. Ehrenamtlichen Hilfe bildet hier die Basis in Österreich. Wie diese Hilfe genau aussieht, wie der Klimawandel den Katastrophenschutz verändert und welche Kosten dadurch entstehen, untersucht derzeit das Projekt VOICE am Institut für Interdisziplinäre Gebirgsforschung in Innsbruck.
blog_voice.jpg
Bild: Freiwilligenarbeit ist unerlässlich, wie beim Hochwasser 2005 in Pfunds. (Foto: Gemeinde Pfunds)

Das Hochwasser im Juni 2013 hat in einigen Teilen Österreichs schwere Schäden hinterlassen. In Tirol war die Gemeinde Kössen im Kaiserwinkl von den Ereignissen besonders stark betroffen. Aktuellen Schätzungen zufolge entstanden allein hier Schäden von ca. 25 Mio. €. Von dem Ereignis waren rund 350 Privathaushalte betroffen und ca. 1.500 Haushalte waren kurzzeitig ohne Strom. Österreichweit waren bei der Hochwasserkatastrophe 2013 annähernd 66.000 Einsatzkräfte, hauptsächlich von freiwilligen Feuerwehren, Rotem Kreuz und Wasserrettung im Einsatz.

Ehrenamt als Rückgrat des Katastrophenschutzes

Auch im Jahr 2005 hat es eine Hochwasserkatastrophe in weiten Teilen Europas gegeben. Das Paznauntal und Pfunds waren in Tirol am stärksten betroffen. Doch auch hier waren die Aufräumarbeiten geprägt von starker Solidarität und hunderte freiwillige Helfer legten Hand an. Sogar Urlaubsgäste halfen mit, die Ferienorte von den Spuren der Katastrophe zu befreien. Doch weshalb finden sich in Zeiten von Naturkatastrophen so viele freiwillige Helfer ein, wo doch immer häufiger von einer Krise des Ehrenamts gesprochen wird? Unter anderem wurden in Facebook Gruppen gegründet, durch die sich Helfer des Hochwassers organisiert haben und über Twitter wurde Hilfsbereitschaft signalisiert. Durch die Social-Media-Dienste wird die Katastrophenhilfe zum sozialen Happening und meist sind sogar so viele freiwillige Helfer vor Ort, dass ein eigenes Management benötigt wird.

Allerdings spricht man in diesem Zusammenhang nicht nur von Nachbarschaftshilfe, sondern auch etwa die Mitarbeiter der Freiwilligen Feuerwehren oder des Roten Kreuz arbeiten ehrenamtlich. Sie sind fest in den Strukturen des Katastrophenschutzes etabliert und in der lokalen Bevölkerung verankert. „Ohne ehrenamtliche Organisationen und freiwillige Helfer sind Katastrophen wie jene von 2005 und 2013 nicht zu bewältigen“, sagt der Leiter des Innsbrucker VOICE-Teams, Clemens Pfurtscheller. Doch obwohl die Social-Media-Freiwilligenarbeit zunimmt, wird es immer schwieriger, das Ehrenamt mit den hauptberuflichen Tätigkeiten zu verbinden. Zusätzlich führen die Sparmaßnahmen der öffentlichen Hand und eine teilweise geringere Bereitschaft der Bevölkerung zu langfristigem freiwilligem Engagement zu Schwierigkeiten innerhalb der Einsatzorganisationen. Obwohl kein Zweifel daran besteht, dass die Leistungen der Freiwilligen als „unbezahlbar“ einzuordnen sind, wurde die kürzlich diskutierte Lohngeldfortzahlung für Freiwillige des Katastrophenhilfsdienstes nicht österreichweit beschlossen. Einzig das Bundesland Oberösterreich hat bereits eine derartige Regelung seit 2007.

Ökonomische Analyse der Freiwilligenarbeit

Eben diesen ehrenamtlichen Helfern widmet sich das Projekt VOICE (Voluntary work in disaster management – Challenges for adaptation to climate change), das zusammen mit dem Leadpartner Wegener Center für Klima und Globalen Wandel der Karl-Franzens-Universität Graz, der Umweltbundesamt GmbH und Riocom am Institut für Interdisziplinäre Gebirgsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) in Innsbruck durchgeführt wird. In Innsbruck werden vor allem die ökonomischen Aspekte der Freiwilligenarbeit unter Mithilfe von Lisa Amenda und Anja Brucker untersucht. Das Forschungsprojekt, gefördert durch den österreichischen Klima- und Energiefonds (ACRP), untersucht die zukünftige Rolle der Freiwilligenarbeit im Katastrophenschutz, die vor immer neue Herausforderungen gestellt wird. Der Klimawandel könnte zukünftig zu häufigeren Extremereignissen und damit zu einem verstärkten Anstieg von Einsätzen führen. In diesem Zuge wären die erforderlichen Arbeitsleistungen ohne finanzielle Unterstützung und gesellschaftliche Anerkennung nicht mehr zu erbringen.

Inwiefern die veränderten Klimabedingungen und Bevölkerungsentwicklungen auch veränderte Anforderungen an das regionale Katastrophenmanagement ergeben, wie die Kosten und Nutzen der Freiwilligenarbeit umfassend gesamtwirtschaftlich bewertet werden können und welche Anforderungen das an zukünftige öffentliche Budgets, Organisationsstrukturen und öffentliche Katastrophenschutzpläne stellt, will das Projekt klären. Auf Basis dieser Analysen und Workshops werden Vorschläge für die zukünftige Ausrichtung und Stärkung der Freiwilligenarbeit erarbeitet.

(Clemens Pfurtscheller/Lisa Amenda)