Regime der Fürsorge: Forschungsprojekt „Geschichte der Heime in Tirol und Vorarlberg“ startet großen ZeitzeugInnenaufruf

Zwei Forschungsprojekte am Institut für Erziehungswissenschaft untersuchen seit kurzem die Heimgeschichte in Tirol und Vorarlberg von 1945 bis 1990. Dafür sucht das ForscherInnenteam ZeitzeugInnen, die in diesen Jahren in Landeserziehungsheimen in Tirol und Vorarlberg untergebracht oder beschäftigt waren und über ihre Erlebnisse berichten möchten.
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Bild: Ein Schlafsaal in der Fürsorgeerziehungsanstalt für Buben Jagdberg in Schlins in Vorarlberg. (Foto: Vorarlberger Landesarchiv)

Bis in die jüngste Vergangenheit war der Öffentlichkeit kaum bekannt, dass in den ersten Jahrzehnten nach 1945 Tausende Kinder in öffentlichen und privaten Erziehungsheimen Österreichs lebten. Noch weniger bekannt war, dass sie diesen Anstalten auf eine Weise ausgeliefert waren, die heute kaum noch vorstellbar ist. Rund 700 Betroffene haben sich bereits in den vergangenen Jahren an die Opferschutzstellen der Länder Tirol und Vorarlberg gewandt. Ein Grund für die hohe Zahl an Meldungen könnte in der Dichte der öffentlichen und privaten Heime in Tirol und Vorarlberg liegen, aber auch in der spezifischen Konstellation der Länder und ihrer historischen Jugendfürsorgepolitik.

ForscherInnen der Universität Innsbruck untersuchen in den kommenden eineinhalb Jahren das Fürsorgeerziehungssystem der Länder Tirol und Vorarlberg in der Zweiten Republik ebenso wie das Mädchenerziehungsheim St. Martin in Schwaz in einer Detailstudie. Die ErziehungswissenschaftlerInnen und Historikerinnen stellen sich unter anderem die Frage: Warum haben sich die Zustände über die Jahrzehnte – bis in die späten 1980er Jahre hinein – so hartnäckig gehalten, obwohl sich andere gesellschaftliche Bereiche bereits modernisiert hatten? Welche AkteurInnen und Einrichtungen (z.B. Erziehungsheime, Jugendamt, Kinderpsychiatrie, Schule) hatten welchen Anteil an dieser „verzögerten Modernisierung“ in der Heimerziehung? Neben amtlichen Unterlagen der verantwortlichen Institutionen sollen vor allem Interviews mit ehemaligen Heimkindern, ErzieherInnen und Fürsorgerinnen aus Tirol und Vorarlberg Einblicke in das Heimleben in den beiden Bundesländern geben. Die Berichte der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen haben für die ForscherInnen hohen Stellenwert. Anhand persönlicher Schilderungen soll das Leben im Heim genauer rekonstruiert und die Struktur des Fürsorgeerziehungssystem in den beiden Bundesländern nachgezeichnet werden, u.a. auch aus der Perspektive derer, die von dieser Zeit unmittelbar berichten können.

Kontaktmöglichkeiten

Ehemalige Heimkinder und ErzieherInnen, die bereit sind, ihre Erlebnisse in den Tiroler und Vorarlberger Heimen (oder auch Pflegefamilien) zu erzählen, können sich per E-Mail, Telefon oder postalisch bei den ForscherInnen melden. Die lebensgeschichtlichen Interviews sind eine wichtige Grundlage für die wissenschaftliche Aufarbeitung der regionalen Heimgeschichte. Die Interviews werden allein für wissenschaftliche Zwecke unter Wahrung datenschutzrechtlicher Bestimmungen verwendet. Fragen des Opferschutzes und von Entschädigungsansprüchen sind nicht Teil des Forschungsprojektes.


Post-Anschrift:

Forschungsprojekte zur Geschichte der Heimerziehung
Institut für Erziehungswissenschaft
Universität Innsbruck
Liebeneggstraße 8
A-6020 Innsbruck

Telefon: +43 512 507 4053
Die MitarbeiterInnen sind jeden Dienstag von 9:00 bis 12:00 Uhr telefonisch erreichbar, außerhalb dieser Zeiten kann eine Nachricht hinterlassen werden und die MitarbeiterInnen rufen zeitnah zurück.

E-Mail: heimgeschichte-iezw@uibk.ac.at


Zwei Forschungsprojekte zur Heimge­schichte

Foto: Vorarlberger Landesarchiv

Die Fürsorgeerziehungsanstalt für Buben Jagdberg in Schlins in Vorarlberg. (Foto: Vorarlberger Landesarchiv)


Die erste Studie untersucht das Fürsorgeerziehungssystem der Länder Tirol und Vorarlberg in der Zweiten Republik und versucht das spezielle Zusammenwirken von Recht, Politik, Pädagogik und Medizin zu ermitteln.

Die ForscherInnen greifen hier zum einen auf Akten und schriftliche Unterlagen der am Fürsorgeerziehungsregime beteiligten Institutionen zurück, zum anderen spielen Interviews mit ZeitzeugInnen eine wichtige Rolle im Verstehensprozess. Die relevanten Institutionen und Akteure und deren Rolle bei der „verzögerten Modernisierung“ in der Heimerziehung sollen ermittelt werden.

Das Mädchenerziehungsheim St. Martin in Schwaz

In einer Detailstudie suchen die ForscherInnen am Institut für Erziehungswissenschaft die Geschichte des Erziehungsheims St. Martin in Schwaz zu rekonstruieren. Das Erziehungsheim St. Martin war das einzige Heim in Westösterreich für schulentlassene Mädchen und hatte auf Grund dessen eine strategische Bedeutung für die Fürsorgeerziehung. Die Auseinandersetzung mit diesem Heim steht stellvertretend für die Auseinandersetzung mit der regionalen Geschichte der weiblichen Fürsorgeerziehung bis in die 1980er Jahre. Den ForscherInnen geht es dabei darum die Geschichte des Heimes ebenso nachzuzeichnen wie den Alltag der Mädchen (Heimwirklichkeit) vom Ende des Zweiten Weltkrieges bis zur Schließung des Heimes im Jahre 1991. Ziel des Projektes ist es zu ermitteln, welche zeitspezifischen Erziehungsvorstellungen (z.B. „Erziehung durch Arbeit“) nachgewiesen werden können, wie die mangelhaften Ausbildungsmöglichkeiten der Mädchen ausgestaltet waren und wie sich die Geschlechtervorstellungen auf die Fürsorgeerziehung der Mädchen ausgewirkt haben.

Neue Homepage

Als Schnittstelle zwischen ForscherInnen, ehemaligen Heimkindern und der Öffentlichkeit wurde eine Homepage eingerichtet, welche über die laufenden Forschungsarbeiten informiert. Kurzberichte zu den ehemaligen Heimen in Tirol und Vorarlberg liefern erste Informationen zu Geschichte und Werdegang dieser Einrichtungen. Zur Mitte der Laufzeit soll ein Zwischenbericht auf der Homepage veröffentlicht werden. Die Homepage ist unter folgendem Link abrufbar: http://www.uibk.ac.at/iezw/heimgeschichteforschung/

(Christoph Tauber/red)