Paradigmenwechsel im Umgang mit Intersex-Personen

Die Forschungsgruppe „Körpertheorien / Theorizing the Body“ als Teil der Interfakultären Forschungsplattform Geschlechterforschung lud am 14. Juni 2013 in Kooperation mit der Buchhandlung liber wiederin die Herausgeberinnen eines neuen einschlägigen Handbuchs zur Intersexualität ein.
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Bild: Hertha Richter-Appelt und Katinka Schweizer bei der Präsentation in der Innsbruck Buchhandlung liber wiederin.

„Intersexualität“ – das klingt ziemlich exotisch. Dem Alltagsverständnis nach gibt es nur entweder weiblich oder männlich, Punkt. Diese Grundannahme schreibt sich auch in wissenschaftliche Theorien ein. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich jedoch: Weltweit gibt es zahlreiche Menschen, die sich nicht eindeutig einem dieser beiden Geschlechter zuordnen lassen. „Sex“ im Sinn von „biologischem Geschlecht“ lässt sich über Chromosome, Hormone, Keimdrüsen oder die äußeren Genitale bestimmen. Eine derartige Festlegung, so stellt sich jedoch heraus, führt weder immer zu eindeutigen noch zu kongruenten Ergebnissen. Zahlenschätzungen darüber sind sehr schwierig, denn die konkreten Ausformungen von Intersexualität spielen sich innerhalb einer großen Bandbreite ab. Auch in der historischen Dimension ist eine geschlechtliche Uneindeutigkeit immer als Tatsache sichtbar: Verwiesen sei hier nur auf die klassischen „Hermaphroditen“ der Antike.
In unserer Gesellschaft, in der ein eindeutiges Entweder/Oder spätestens ab der Geburt postuliert wird, stellen sich mit der Intersexualität zunächst Fragen der Zuständigkeit für die Entscheidungsprozesse im medizinischen Bereich. Für Betroffene können verschiedene Behandlungsmaßnahmen zu Leid führen, das noch vermehrt wird durch die gesellschaftliche Tabuisierung: Verstecken, Geheimhaltung, Diskriminierung und Ausgrenzung sind Folgen. Betroffene Menschen nutzen zunehmend das Internet, um aus der individuellen Isolation herauszufinden und gemeinsam an die Öffentlichkeit zu treten.

Medizinischer Paradigmenwechsel

Die Forschungsgruppe „Körpertheorien / Theorizing the Body“ als Teil der Interfakultären Forschungsplattform Geschlechterforschung der Universität Innsbruck lud am 14. Juni 2013 in Kooperation mit der Buchhandlung liber wiederin in Innsbruck die Herausgeberinnen eines neuen einschlägigen Handbuchs zur Intersexualität ein: Die beiden international renommierten Forscherinnen Katinka Schweizer und Hertha Richter-Appelt, beide an der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf tätig, befassen sich seit Jahren mit diesem Thema und legten nun den aktuellen Stand der Forschung in einem umfangreichen und interdisziplinär angelegten Werk vor. Der Band behandelt nicht nur medizinische und psychologische/psychotherapeutische Aspekte der Intersexualität, sondern auch rechtliche Gesichtspunkte, ethische Fragen sowie die wissenschaftlich-theoretische Dimension dieses Themenfeldes.
Sie berichten auch von einem medizinischen Paradigmenwechsel in dieser Frage – weg vom Versuch, um jeden Preis auch durch massive körperliche Eingriffe eine Eindeutigkeit im Sinne der Alltagsüberzeugung herzustellen, hin zu einem behutsamen Vorgehen, das sich an den individuellen Bedürfnissen der Betroffenen orientiert und sich bei Interventionen auf das unbedingt notwendige beschränkt: „Bis vor wenigen Jahren maßte sich die Medizin generell und ohne jede Reflexion an, zu entscheiden, welche Klitoris zu groß und welcher Penis zu klein ist. Während es bei diesen ‚Patienten‘ um körperliche Eigenheiten ging, die nach heutigen Einsichten keiner Behandlung bedürfen und im Falle der Etikettierung der Betroffenen als ‚Zwitter‘ zu einer Traumatisierung und im Falle der Behandlung zu anhaltenden Schmerzen führen, gibt es andere zwischengeschlechtliche Formen, bei denen eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit Ärzten sinnvoll oder sogar notwendig ist, beispielsweise bei einer lebensbedrohlichen Salzverlustkrise“ verdeutlicht das Vorwort den erst in den letzten Jahren erfolgten grundlegenden Perspektivenwechsel im Umgang mit Intersexpersonen. Der Beitrag einer Mutter, die eindrucksvoll ihr eigenes diesbezügliches Lernen mit ihrem Intersex-Kind schildert, unterstreicht dies aus einer anderen Sicht sehr deutlich. Das seit 2000 laufende Hamburger Forschungsprojekt zur Intersexualität, gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, hat wesentlich zu diesem Wandel beigetragen.
Noch gibt es wenig Forschung darüber, dies gilt sowohl für den deutschsprachigen Raum als auch darüber hinaus.

Buchhinweis: Beiträge zur Sexualforschung; 524 Seiten, Broschiert, Format: 148 x 210 mm; Verlag: Psychosozial-Verlag, Erschienen im April 2012. Mit einem Vorwort von Volkmar Sigusch. ISBN-13: 9783837921885, Bestell-Nr.: 2188

(Elisabeth Grabner-Niel)