Lebensqualität in Tirol – Jugend gestaltet mit

Die Aula der Uni Innsbruck gehörte am 4. Juni der Jugend Tirols. Unter dem Motto „Lebensqualität für Tirols Zukunft – Jugend gestaltet mit!“ organisierte das Institut für Geographie eine Veranstaltung, die jungen Menschen aus Nord- und Südtirol eine Bühne bot, um ihre Visionen für ein lebenswertes Tirol nach außen zu tragen und mit Entscheidungsträgerinnen und -trägern zu diskutieren.
Anfang Juni präsentierten Schülerinnen und Schüler die im Rahmen von LQ4U entstandenen Forschungsergebnisse.
Bild: Anfang Juni präsentierten Schülerinnen und Schüler die im Rahmen von LQ4U entstandenen Forschungsergebnisse.

Die Vorarbeit dazu wurde im Forschungsprojekt „LQ4U – Nord- und Südtiroler Jugendliche entwickeln Zukunftsvisionen zum Nachhaltigkeitsziel Lebensqualität“ geleistet, in dem über zwei Jahre hinweg ca. 90 Jugendliche mit WissenschaftlerInnen des Instituts für Geographie der Universität Innsbruck zusammenarbeiteten. In jedem Schuljahr waren jeweils eine Klasse des Meinhardinum Stams (AT) und eine Klasse der Wirtschaftsfachoberschule Sterzing (IT) beteiligt. Im Zentrum dieser transdisziplinären Forschungs-Bildungs-Kooperation standen die Leitbegriffe „Lebensqualität“, „Nachhaltigkeit“, „Jugend“, „Zukunft“, „Tirol“. Das Projekt bot Jugendlichen die Möglichkeit, sich selbstständig als Lebensqualitäts-ForscherInnen mit ihren eigenen „Fragen an Tirols Zukunft“ auseinanderzusetzen. „Steigt die Lebensqualität, wenn man die Schule mit der Natur verbindet?“, „Werden Jugendliche in Tirol in Zukunft immer mehr kontrolliert und überwacht?“, „Wie stark wird die Lebensqualität von Jugendlichen durch weitere Verbauung eingeschränkt?“, „Wie verändern sich die Ernährung und das Ernährungsbewusstsein Jugendlicher?“, „Inwiefern sind Jugendliche in Tirol von elektronischen Medien abhängig?“, „Welche Möglichkeiten/Freizeitangebote brauchen Jugendliche, um vom Medienkonsum wegzukommen?“ – Dies waren die Fragestellungen, mit denen sich die Jugendlichen in international zusammengesetzten Forschungsgruppen über Monate hinweg intensiv auseinandersetzten.

1500 Befragte

Gemeinsam erarbeiteten die projektbeteiligten SchülerInnen u.a. einen Online-Fragebogen, mit dem sie 1.500 Jugendliche aus Nord- und Südtirol zu Ihren Einstellungen, Wünschen, Hoffnungen und Befürchtungen für die Zukunft befragten. Aufbauend auf die Ergebnisse entwickelten sie Visionen für zukünftige Lebensqualität in Tirol, die sie in der Aula präsentierten und mit den Gästen diskutierten. Anwesend waren u.a. Nachhaltigkeitskoordinatorin des Landes Tirol, Frau Dipl.-Ing. Karin Hartl-Hubmann, Leiterin der Abteilung JUFF der Tiroler Landesregierung, Frau Dr. Waltraud Fuchs-Mair, Leiter des Deutschen Bildungsressorts der Autonomen Provinz Bozen-Südtirol, Dr. Peter Höllrigl, sowie Dr. Thomas Plankensteiner, Landesschulinspektor der AHS des Landesschulrats für Tirol. Die Fragen, die Jugendliche beschäftigen, wenn sie an ihre Zukunft in der Region denken, regten die Anwesenden aus Politik, Gesellschaft und Wissenschaft zu spannenden Diskussionen über die zukünftige Gestaltung nachhaltiger Lebensqualität in Tirol an. Mehr politische Bildung und mehr Möglichkeiten der Partizipation – diese Aspekte kamen dabei öfters zur Sprache. Jugendliche wollen sich selbst eine Meinung bilden (können!) und mitentscheiden. Die Schülerinnen fordern dabei aber auch, dass der Unterricht sie besser darauf vorbereitet, z.B. in einem eigenen Fach, das sich der politischen Bildung widmen könnte.

Weniger Medienkonsum – mehr Freizeitangebot

Streng mit sich selbst ins Gericht gehen Jugendliche bei der Thematik des Medienkonsums. Jugendliche sind sich großteils bewusst, dass sie viel Zeit mit Smartphone, Computer usw. verbringen und sehen die Abhängigkeit von bestimmten elektronischen Medien und modernen Technologien zunehmen auch als problematisch an. So sind sie beunruhigt über damit verbundene Gefahren, wie z.B. Cybermobbing und Datenmissbrauch. Um die Handy- und Internetabhängigkeit besser in den Griff zu bekommen, wünschen sich viele auch ein besseres Freizeitangebot in der Region, das sich an den Bedürfnissen der jungen Generation ausrichtet. Diesbezüglich haben die Schülerinnen durch ihre Forschungen auch herausgefunden, dass Tirol bereits ein großes Spektrum an Freizeitaktivitäten bietet, Jugendliche aber mehr dazu angeregt werden müssen, es auch verstärkt zu nutzen. Die zentrale Rolle des Bildungswesens in unserer Gesellschaft kam im Laufe der Veranstaltung immer wieder zu Tage. So wünschen sich die Jugendlichen, dass die Schule einen Beitrag dazu leistet, einen kritischeren Umgang mit Medien und sozialen Netzwerken zu entwickeln. Auch zum Ernährungsbewusstsein von Jugendlichen soll Schulunterricht beitragen. Außerdem würden es nahezu alle befragten Jugendlichen begrüßen, wenn mehr Unterricht in der freien Natur stattfinden würde, da sich dies positiv auf das Lernverhalten auswirken würde und das Umweltbewusstsein der Jugendlichen so gestärkt werden könnte. Neben einer stärkeren Verknüpfung von Natur und Schule hoffen die Jugendlichen auch auf mehr und konsequentere Maßnahmen zum Erhalt unbebauter Freiflächen und zur Einschränkung der Umweltzerstörung von Seiten der Regierung. Um Jugendliche selbst zu nachhaltigerem Handeln anzuregen, wünschen sich v.a. die Nordtiroler Jugendlichen mit Nachdruck günstigere öffentliche Verkehrsmittel – die Mobilitäts-Politik von Südtirol könnte hierbei als Vorzeigebeispiel dienen. So motivieren günstige Jahreskarten (z.B. „Südtirol-Pass“, „abo+“) Südtirols Jugendliche, Bus und Bahn nicht nur für den Schulweg sondern auch für die Freizeitgestaltung zu nutzen.

Sichtweise der Jungen berücksichtigen

Der gegenseitige Austausch zwischen der jungen Generation, Wissenschaft und Politik, sowie die Idee, SchülerInnen zu mündiger und aktiver gesellschaftlicher Partizipation im Sinne der „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ zu befähigen, bilden wesentliche Komponenten im Projekt. Neben fachdidaktischen Fragestellungen ist das zentrale geographische Forschungsziel des Projekts das Phänomen Lebensqualität aus der Perspektive Jugendlicher zu erforschen. Die Tatsache, dass die Erwachsenen von morgen bis dato in kaum einer umfassenden Lebensqualitäts-Analyse im Fokus der Betrachtung stehen, zukünftige Lebensqualität und nachhaltiges Handeln aber entscheidend von den Einstellungen und Wünschen der jungen Generation mitbestimmt werden, betont die Relevanz dieser Fragestellung. Den ForscherInnen des „Education and Communication in Geography“-Teams des Instituts für Geographie unter der Leitung von Ass.Prof. Dr. Lars Keller war es darum ein Anliegen, die Perspektive zu wechseln und zu versuchen „Lebensqualität in der Region“ mit den Augen der jungen Generation wahrzunehmen. Als ein wichtiges Ergebnis des Forschungsprojekts wird u.a. ein Modell entstehen, welches das Phänomen Lebensqualität aus der subjektiven Perspektive Jugendlicher darstellt. Durch die Auseinandersetzung mit den Sichtweisen junger Erwachsener liefert das Projekt somit Steuerungswissen von hoher gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und politischer Relevanz.

Ein besonderer Dank gilt den Fördergebern des Projekts, der Autonomen Provinz Bozen-Südtirol, Abteilung Bildungsförderung, Universität und Forschung.

(Anna Oberrauch)