Raetersiedlung – Uni Innsbruck goes Birgitz

Am 26. Mai 2013 wird das Raetermuseum in Birgitz bei Innsbruck erstmals seine Tore öffnen. Wissenschaftler und Studierende der Universität Innsbruck haben wesentlichen Anteil an der Realisierung dieses Museums und eines archäologischen Lehrpfades auf die Ausgrabungsstätte Hohe Birga.
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Bild: Der archäologische Lehrpfad auf die Ausgrabungsstätte Hohe Birga. (Foto: Institut für Archäologien)

1937 entdeckte der Südtiroler Professor Oswald Menghin die Raetersiedlung auf der Hohen Birga, einem Hügel nördlich von Birgitz. Die Raeter waren ein Volk, das ab dem 6. Jahrhundert v. Chr. im mittleren Alpenraum verbreitet war. Die Siedlung auf der Hohen Birga wurde vor etwa 2300 Jahren angelegt. Rund 80 bis 100 Menschen lebten dort. 15 v. Chr. wurde das Dorf von den einfallenden Römern, die aus strategischen Gründen den Alpenraum besetzten, niedergebrannt.

Dem „Ur-Birgitzer“ auf der Spur

In drei Grabungskampagnen 1937/38 durch Oswald Menghin, nach dem Zweiten Weltkrieg durch Menghins Sohn Osmund und ab 2009 durch Archäologen der Universität Innsbruck konnten wesentliche Teile der Siedlung freigelegt und wichtige Erkenntnisse über die raetische Kultur gewonnen werden. Die letzte Grabungskampagne war von der Gemeinde Birgitz und dem Verein Archaeotop Hohe Birga initiiert worden. „Ich kannte die Mauern noch aus meiner Kindheit“, erinnerte sich Dr. Kurt Haselwandter, Obmann des Vereins und ehemaliger Professor für Mikrobiologie an der Universität Innsbruck. „Als ich in den 80ern festgestellt habe, was aus diesen Mauern geworden ist, war mir klar: da muss etwas unternommen werden.“ Die Hauptanliegen des 2001 gegründeten Vereins waren es, die Ausgrabungen zu schützen und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen sowie ein Museum für die Fundstücke von der Hohen Birga einzurichten.

Interdisziplinäre Mitwirkung

Kurt Haselwandter hat seine Kontakte auf der Universität genutzt, um das Projekt Raetermuseum und archäologischer Lehrpfad von Anfang an auf wissenschaftlicher Basis zu betreiben: „Der erste Professor, den ich mit auf die Hohe Birga genommen habe, war ein Freund von mir, ein Professor für Alte Geschichte. Er hat mich an Gerhard Tomedi verwiesen, Professor für Archäologie. Weitere Beteiligte waren unter anderem Prof. Sigmar Bortenschlager von der Botanik, Prof. Rainer Brandner und Prof. Werner Resch von der Geologie; aber auch ich konnte naturwissenschaftliches Denken einbringen.“ Mit den Grabungen wurde Mag. Dr. Florian Müller vom Institut für Archäologien betraut. Unter seiner Anleitung und fachkundiger Unterstützung durch Bildhauer Franz Brunner ist ein Haus so restauriert worden, dass Interessierte sich jetzt ein Bild von der damaligen Bauweise machen können. Bewusst hat man auf rekonstruktive Ergänzungen verzichtet. Tomedi erläutert: „Architekt Helmut Heinricher aus Birgitz hat dann ein ganz abstraktes Dach darüber geplant, das nur funktionell ist, aber nicht vorgibt, Teil des Originalhauses zu sein. Man hat daraus kein Bauernhäusl oder so was gemacht. Also die Phantasie muss der Besucher der Grabungsstelle mitbringen.“

Kein Heimatmuseum, ein Raetermuseum

Die im Museum ausgestellten Fundstücke machen das Leben der Raeter anschaulich. Das Besondere am Raetermuseum in Birgitz ist laut Haselwandter: „Es ist ein Museum entstanden, das auch über den Tellerrand blickt: Es steht immer noch die Archäologie im Mittelpunkt, nämlich die Raeterkultur. Aber auch viele Fragen, die damit in Zusammenhang stehen, werden bearbeitet, dank dieser Kooperation mit den verschiedenen Universitätsinstituten und sonstigen Forschungseinrichtungen. Archäologie mit Ergänzung. Mit der Zeit wird sich diese Art der Präsentation hoffentlich herumsprechen. Es ist damit kein Heimatmuseum geschaffen, es ist ein Raetermuseum.“
Beispielsweise ist in der Nähe der Ausgrabungsstätte ein Bodenprofil für eine Pollenanalyse entnommen worden. Die Ergebnisse lassen uns wissen, wie die Raeter die Naturlandschaft beeinflusst haben – der Rückgang der Baumpollen im 4. Jh. verweist auf Rodungen, die Zunahme von Getreidepollen auf Landwirtschaft.
Nach archäologischen, historischen und naturwissenschaftlichen Kompetenzen kamen in der Endphase der Museumsgestaltung auch noch die Geisteswissenschaften zum Einsatz: Am Institut für Germanistik wurden im Rahmen einer Lehrveranstaltung unter Leitung von Bernadette Rieder und Heiner Apel fachwissenschaftliche Texte für eine Medienpräsentation in adressaten- und hörgerechte Texte umformuliert und sprecherisch gestaltet, d. h. als Audio-Dateien eingesprochen. Außerdem wurde eine kindergerechte Version dieser Medienpräsentation erstellt. Die angehenden Germanistinnen und Germanisten haben außerdem Texte für einen Werbeflyer formuliert, der an den Instituten für Anglistik und Translationswissenschaft übersetzt wurde.

Eröffnung Ende Mai

Am 26. Mai werden nun das Raetermuseum im Dorfzentrum von Birgitz sowie der archäologische Lehrpfad auf die Hohe Birga feierlich eröffnet. Die Universität freut sich, einen Beitrag zur Realisierung dieser Kultur- und Bildungsprojekte geleistet zu haben. Rektor Tilman Märk wird die Universität bei der Eröffnung vertreten und Prof. Haselwandter zu den Früchten seines langjährigen Engagements gratulieren. „Gehen Sie bloß nicht in den Ruhestand!“, hatte dieser zwei Germanistikstudentinnen beim Interview verschmitzt geraten, weil die Hohe Birga ihm in den letzten Jahren einen reichlich vollen Terminkalender beschert hatte. Nichtsdestotrotz hatte er weitere Ideen für das Museum und die Ausgrabungsstätte. Die Unterstützung seiner zahlreichen ehrenamtlichen Mitarbeitenden im Verein Archaeotop Hohe Birga und der Universität Innsbruck ist ihm dabei gewiss.

Dieser Text wurde von Studierenden im Rahmen der Lehrveranstaltung
„Journalistisches Schreiben“ von Bernadette Rieder erstellt.

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