Die Krise in Mali – Herausforderungen und Perspektiven

Zu diesem Thema hielt der Französische Botschafter, S.E. Stéphane Gompertz, der auf Einladung des Institut français d’Innsbruck und des Frankreich-Schwerpunkts der Universität nach Innsbruck gekommen war, einen Vortrag in deutscher Sprache vor einem zahlreichen und sehr interessierten Publikum.
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Bild: Der Botschafter nach seinem Vortrag in intensivem Gespräch mit dem Publikum.

Der Botschafter, der vom Hintergrund her sowohl Geistes- als auch Politikwissenschaftler ist und die prestigeträchtige Kaderschmiede „ENA“ absolviert hat, hat einen Großteil seiner diplomatischen Laufbahn auf Stellen mit Afrika-Bezug verbracht, von den Botschaften in Ägypten und Äthiopien bis zur Leitung der Afrika-Abteilung des französischen Außenministeriums.

Es gelang ihm zu erklären, worin die Problematik der Lage in Mali bestand und warum Frankreich am 11. Jänner 2013 kurzfristig und überraschend eingreifen hatte müssen, warum die Intervention (Operation Serval) von der malischen Bevölkerung begeistert aufgenommen worden war und wie die Zukunft des Landes in Kooperation mit den europäischen und internationalen Partnern gestaltet werden könnte.

„Die Erfolge der Algerischen Regierung im Kampf gegen islamistische Terroristen haben diese über die Grenzen in die Nachbarländer getrieben, wo sie nun eine zunehmende Gefahr darstellen“, schilderte der Botschafter. „Im Norden Malis war die Lage schon länger schwierig, wobei die terroristischen Gruppen sich über Drogenhandel und Entführungen finanzierten. Sie waren aber untereinander zerstritten. Erst als sie sich 2012 zusammenschlossen, wurde die Lage wirklich dramatisch, und sie konnten immer größere Erfolge gegen die schwache malische Armee erzielen und etliche Städte im Norden einnehmen. Als sie schließlich auch die Hauptstadt Bamako bedrohten, wandte sich der Präsident der malischen Übergangsregierung, Dioncounda Traoré, mit einem Hilferuf an Frankreich.

Präsident Hollande veranlasste daraufhin sofort den Militäreinsatz, der durch die Resolution 2085 des UNO-Sicherheitsrats von Dezember 2012 gedeckt war und daher auch von zahlreichen Ländern (inklusive Russland und China) gutgeheißen wurde. Die Unterstützung der Partnerländer konnte allerdings erst später greifen, da Frankreich als einziges Land mit Militärbasen in der Region präsent war und daher einen Überraschungsangriff starten konnte. Dieser war sehr erfolgreich und hat rasch die militärische Lage umgekehrt, so dass relativ bald mit einer Wiederherstellung der territorialen Integrität Malis zu rechnen ist. Dies kann aber nur der erste Schritt in Richtung einer Stabilisierung, Versöhnung und Demokratisierung der Verhältnisse sein.“

Botschafter Gompertz bestätigte auch, was in der Medienberichterstattung zur Mali-Krise sehr auffällig gewesen war: dass nämlich die Bevölkerung die französischen Truppen mit großer Freude empfangen und als Befreier gefeiert hatte – und zwar nicht nur in der Hauptstadt Bamako, sondern auch in dem vormals von den Islamisten besetzten Norden. Diese hatten dort nämlich in unmenschlicher Weise gewütet, hatten heilige Stätten zerstört, die Scharia eingeführt, Musik und Tanz verboten, Frauen misshandelt und etliche Leute verstümmelt. Ein wichtiges Motiv der französischen Intervention war daher der Schutz der Menschenrechte gewesen. Dazu kam der Schutz der mehreren Tausend Ausländer in Bamako, die alle Gefahr liefen, von den Terroristen als Geiseln genommen zu werden. Schließlich hätte die Übernahme Malis durch radikale Islamisten einen Flächenbrand in der Region auslösen können. Jedenfalls waren unmittelbar mehrere Hunderttausend Leben bedroht.

Frankreichs Operation Serval, die auch von Truppen aus dem Tschad unterstützt wurde, war militärisch sehr erfolgreich und wurde auch rasch von zahlreichen europäischen und außereuropäischen Partnern gefördert, darunter auch Österreich, das eine Handvoll Militärberater im medizinischen Bereich entsandte (da es sich ja um eine Aktion auf der Basis einer UNO-Resolution handelte).

„Allerdings ist“, so Stéphane Gompertz, „damit noch lange nicht alles gewonnen. Nun muss eine demokratisch legitimierte Regierung eingesetzt werden; der Wahltermin ist schon festgelegt, und die EU schickt Wahlbeobachter. Dazu ist auch finanzielle Hilfe notwendig, um die Wirtschaft anzukurbeln und den jungen Leuten, die aufgrund der mangelnden Perspektiven von den Islamisten leicht angeheuert werden konnten, andere Lebensentwürfe zu ermöglichen. Die Korruption in der Verwaltung muss bekämpft und die malische Armee muss besser ausgebildet werden, und zwar nicht nur militärisch, sondern auch in Sachen Menschenrechte. Schließlich muss an der nationalen Versöhnung gearbeitet und in Verhandlungen ein Autonomiestatut für die Tuareg akkordiert werden. Allerdings zeigen zahlreiche Beispiele – Niger, Mozambique, Elfenbeinküste, Ghana – dass auch nach schweren Konflikten eine neue Stabilität erreicht und der Weg von Demokratie, Wachstum und Wohlstand beschritten werden kann. Die Zeichen stehen also auf Hoffnung, und ich bin überzeugt, dass wir gemeinsam eine Lösung finden.“

(Eva Lavric)