Inklusive Schulentwicklung

Die Lehr- und Forschungsbereiche „Migration und Bildung“ und „Inklusive Pädagogik und Disability Studies“ veranstalteten am 13. November eine Podiumsdiskussion zum Thema „Österreichs Schulen brauchen inklusive Schulentwicklung. Bedingungen, Fortschritte und Barrieren einer Politik der Vielfalt.“ Die Veranstaltung wurde von "bidok", der digitalen Volltextbibliothek, mitorganisiert.
Inklusive Schulentwicklung
Bild: Der Große Saal im ÖGB-Gebäude bot einen entsprechenden Rahmen für die Podiumsdiskussion zu inklusiver Schulentwicklung.

Als Gastvortragende an diesem Abend konnten Prof. Dr. Ewald Feyerer, Leiter des Instituts für Inklusive Pädagogik an der Pädagogischen Hochschule Oberösterreich, Prof. Mag. Dr. Inci Dirim, Professorin für Deutsch als Fremd- und Zweitsprache am Institut für Germanistik der Universität Wien und Dr. Mikael Luciak, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Bildungswissenschaft der Universität Wien, begrüßt werden.

Vortrag, Kommentar, Diskussion

Welche sind die Kriterien, die einer Diagnostizierung eines „sonderpädagogischen Förderungsbedarfs“ vorangehen? Welche Prozesse des „Andersmachens“, des „Otherings“ kommen dabei zu tragen und legitimieren die Aussonderung von Kindern, die nicht den schulischen Normalitätsannahmen entsprechen? Welche Folgen, Effekte ergeben sich aus dieser Praxis und was bedeutet dies in Hinblick auf die Notwendigkeit bildungspolitischer Reformen?
Diese und weitere Fragestellungen wurden in den Impulsreferaten der ReferentInnen aufgegriffen und unter verschiedenen Gesichtspunkten diskutiert.
Ein grundlegendes Umdenken in der pädagogischen Haltung, so Ewald Feyerer, stellt eine der zentralen Herausforderungen im Zusammenhang mit inklusiver Schulentwicklung dar. So bedarf es einer Förderorientierung anstatt einer Selektionsorientierung, die bislang für das österreichische Schul- und Bildungswesen kennzeichnend ist. Inklusion ist daher als ein ständiger Prozess der Weiterentwicklung zu denken, dessen Aufgabe es ist, qualitativ gute Bildung für alle anzubieten unter Berücksichtigung der Diversität, der unterschiedlichen Bedarfe und Erwartungen der Lernenden, Lehrenden und der Gemeinden.
Der Frage nach dem Umgang mit Mehrsprachigkeit im österreichischen Bildungssystem geht Inci Dirim in ihrem Vortrag nach. Die sprachliche Vielfalt von SchülerInnen stellt keine gesellschaftliche Besonderheit, sondern die Normalität in modernen urbanen Bildungskontexten dar. An österreichischen Schulen wird der sprachlichen Vielfalt jedoch unzureichend und meistens nur unter dem Vorzeichen der „Sprachlicher Förderung“ begegnet. Kinder, die als „nicht-muttersprachlich“ gelten, werden also durch vermeintliche Förderung segregiert, was in vielen Fällen zur Zuteilung in die Sonderschule und zur Festschreibung von Bildungsbenachteiligung von Kindern mit sog. Migrationshintergrund führt. Als Alternativmodell zu herkömmlichen Förderungsmaßnahmen stellt Inci Dirim das Konzept der Bildungssprache nach Gogolin und Lange (2010) vor, dass es allen Kindern unabhängig von ihren (mehrsprachigen, dialektalen, ethnolektalen und soziolektalen) Sprachregistern ermöglicht, am Unterrichtsgeschehen zu partizipieren.
Mikael Luciak stellt die Überrepräsentanz von SchülerInnen mit Migrationserfahrung in Zusammenhang mit dem Ausbau integrativer/inklusiver Schulentwicklungen. So korreliert die steigende Zahl an SchülerInnen nicht österreichischer Staatsbürgerschaft in Sonderschulen mit dem Rückgang/der Stagnation der Integration im Regelschulsystem.
Auch Yesim Kasap Cetingök, Vertreterin des Lehr- und Forschungsbereiches Migration und Bildung des Instituts für Erziehungswissenschaft, führt diesen Zusammenhang an und erläutert dieses Verhältnis aus einer organisationstheoretischen Perspektive. Die Legitimierung der Eignungsempfehlung für die niedrigen Schulzweige erfolgt nicht ausschließlich auf Grundlage von – wie auch immer ermittelten - Leistungsmaßstäben, sondern anhand von Kriterien wie soz. Herkunft, wie dies auch Mikael Luciak in seinem Vortrag erläutert, und sog. Migrationshintergrund. Unter Bedingungen von Mehrgliedrigkeit ist eine inklusive Schulentwicklung nicht möglich, weil unter organisationstheoretischen Prinzipien die Sonderschulplätze gefüllt werden müssen. Dies geschieht organisationstheoretisch mittels des Rückgriffs auf im Diskurs etablierte Legitimierungskategorien, wie Behinderung oder Migration. Inklusion kann daher nur gelingen, wenn Heterogenität zu einem allgemeinen Strukturmerkmal der Schule wird, folgert Kasap Centingök.
Volker Schönwiese spricht die nötigen Maßnahmen für eine inklusive Schulentwicklung an und stellt in diesem Zusammenhang die Frage nach dem bildungspolitischen Scheitern dieser Lösungen. Ökonomische und soziale Ungleichheiten lassen sich durch Bildung und Bildungsreformen allein nicht kompensieren. Dennoch können durch die Anerkennung von Verschiedenheit manche Ungleichheitsdimensionen, die das Bildungssystem selbst produziert und fortschreibt, minimiert werden.

Podiumsdiskussion Inklusive Schulentwicklung

Die Podiumsdiskussion zur inklusiven Schulentwicklung zeigte die Notwendigkeit auf, die Debatte über die Zukunft des Bildungssystems in Österreich aus einer Perspektive der Bildungsgerechtigkeit zu betrachten. Eine inklusive Schulentwicklung geht über die Frage nach der „angemessenen Förderung“ wie auch immer benachteiligter SchülerInnen hinaus und fragt nach der Angemessenheit der Schule selbst unter Bedingungen von Diversität und Differenz.

(Oscar Thomas Olalde/ Kerstin Hazibar)