Toleranz-Symposium: „Die Welt mit den Augen der Anderen sehen“

Die Wurzeln und Grenzen der Toleranz, die Vieldeutigkeit des Begriffs und seine Zusammenhänge mit der Aufklärung und der Religion, mit Machtfragen und gesellschaftlichem Pluralismus waren letzten Samstag Gegenstand eines Symposiums im Haus der Begegnung in Innsbruck.
Toleranzsymposium 2012
Bild: Prof. Reinalter initiierte das Toleranzsymposium und hielt den Einführungsvortrag.

Toleranz ist keine Selbstverständlichkeit, sondern historisch gewachsene Notwendigkeit. Bedeutete „tolerare“ anfangs nur zähneknirschende Duldung und war vor allem das Verhältnis der drei monotheistischen Weltreligionen früh von Spannungen geprägt, so kam es doch immer wieder zu Phasen eines im weitesten Sinne toleranten Miteinanders der Kulturen. Doch erst nach leidvollen Religionskriegen wurde in der europäischen Aufklärung und in Zusammenhang mit den Menschenrechten Toleranz als grundlegender Wert formuliert und gefordert. Die fortschreitende Globalisierung und die Etablierung multikultureller Gesellschaften in der Gegenwart verstärkten die Einsicht in die Notwendigkeit von Toleranz, die mit der demokratischen Regierungsform in enger Verbindung steht. "Der Toleranzgedanke ist eine der wichtigsten Einsichten in der historischen Entwicklung Europas", betonte Univ.-Prof. Dr. Helmut Reinalter vom Institut für Geschichte und Europäische Ethnologie. Auf seine Initiative fand am Samstag, 17. 11., im Innsbrucker Haus der Begegnung am Rennweg zu diesem Thema das Toleranz-Symposium statt.Als Veranstalter trat dabei neben dem Privatinstitut für Ideengeschichte und der Universität Innsbruck auch die Europäische Akademie der Wissenschaften und Künste in Erscheinung.

Ehrengäste begrüßten im Zeichen der Toleranz

Eine Reihe von Ehrengästen nahmen an der Eröffnung der Veranstaltung teil: Der Innsbrucker Bischof Dr. Manfred Scheuer sprach von der Bedeutung des Toleranzgedankens für das Christentum und auch den Gefahren allzu großer Toleranz. Die grüne Gemeinderätin Uschi Schwarzl überbrachte die Grußbotschaft der Bürgermeisterin Christine Oppitz-Plörer und lud mit Karl Popper dazu ein, im Namen der Toleranz das Recht zu beanspruchen, die Intoleranz nicht zu tolerieren. Die Vertretung des verhinderten Landeshauptmanns übernahm Bundesrätin Anneliese Junker. Ein weiterer Ehrengast war Alt-Landesrat Dr. Otto Saurer, Präsident des Südtiroler Bildungszentrums (SBZ).
Altrektor Univ.-Prof. Dr. Christian Smekal forderte in seiner Rede zu aktiver Toleranz statt passiver Duldung auf und bezeichnete den Respekt vor dem Standpunkt des Anderen als Quelle des wissenschaftlichen Fortschritts.
Dr. Nikolaus Schwärzler, Großmeister der Großloge von Österreich, erzählte von der Bedeutung der Toleranz für die Freimaurerei und ihre Verbindung mit dem Grundsatz der Humanität.
Univ.-Prof. Dr. Felix Unger, Präsident der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste, bedankte sich in seiner Eröffnungsrede für die Initiative Prof. Reinalters und verwies unter Bezugnahme auf aktuelle Beispiele auf die Diskrepanz von Theorie und Praxis der Toleranz.

Grundkonsens verbindender Werte

In seinem Einführungsvortrag hielt Prof. Reinalter fest, dass der Toleranzgedanke eine der wichtigsten Einsichten in der historischen Entwicklung Europas war. Er umriss die grundlegenden Fragestellungen und Probleme im Zusammenhang mit diesem vieldeutigen Begriff, der ethisch, erkenntnistheoretisch, politisch-pragmatisch und auch religiös unterschiedlich begründet werden kann. Dabei wies er unter Rückgriff auf den US-Philosophen Michael Walzer darauf hin, dass der Toleranzbeziehung immer auch eine Ungleichheit, ein Machtverhältnis, innewohnt; Toleranz und Differenz bedingen sich gegenseitig. Toleranz ist Teil des Konflikts, doch ist, wie die „Erklärung zum Weltethos“ des Parlaments der Weltreligionen in Chicago 1993 nahelegt, ein Grundkonsens verbindender Werte möglich.
Mit einem Zitat aus der Erklärung von Prinzipien der Toleranz“ der UNESCO schloss der Vortrag: „Toleranz ist eine Tugend, die den Frieden ermöglicht, und trägt dazu bei, den Kult des Krieges durch eine Kultur des Friedens zu überwinden.“

Während der Vortrag von Univ.-Prof. Dr. Heinrich Schmidinger, dem Rektor der Universität Salzburg, die Entwicklung der Toleranzidee aus einer historischen Perspektive nachvollzog, standen in den restlichen Referaten Anwendungs- und Gegenwartsbezüge im Vordergrund.
Univ. Prof. Dr. Heiner Bielefeldt beleuchtete in seinem Beitrag den Zusammenhang von Toleranz und Menschenrechten.
Univ.-Prof. Dr. Julian Nida-Rümelin, Dekan der Philosophischen Fakultät der Universität München und Kultusminister a.D., analysierte verschiedene, auch heikle Modelle der Toleranz (Indifferenz, Relativität, Anerkennung der Gruppe und Respekt vor der Individuum) aus politisch-philosophischer Perspektive.
Der abschließende Vortrag wurde von Prof. Dr. Claus Dierksmeier, dem Direktor des Weltethos-Instituts in Tübingen, gehalten, und war dem Dialog der Weltreligionen gewidmet.

Die Moderation der Diskussion übernahmen die Leiterin des Hauses, Dr. Elisabeth Anker, und der Generalsekretär von Christian Solidarity Österreich, Dr. Elmar Kuhn, der das aktuelle Ausmaß der Christenverfolgung weltweit eindringlich ins Bewusstsein rief.
Obwohl wegen der Erkrankung der Theologin Univ.-Prof. Dr. Susanne Heine (Wien) die Programm-Disziplin etwas gelockert werden konnte, wurde die Zeit doch kurz angesichts großteils lebhafter Debatten und der Fragen aus den vor allem am Vormittag recht dicht besetzten Reihen der Zuhörerinnen und Zuhörer.

Das Symposium schloss mit Danksagungen an die Kooperationspartner (neben der Stiftung Weltethos Tübingen, der Großloge von Österreich und dem Südtiroler Bildungszentrum auch das Chapter Österreich des Club of Rome, der ORF Tirol und die Moser-Holding) und mit einem Ausblick auf künftige Projekte.

Dieser Text wurde im Rahmen der Lehrredaktion am Büro für Öffentlichkeitsarbeit und Kulturservice gestaltet.

(Matthias Domanig)