Österreichische Philosophie in Vietnam

In Vietnam findet im Zuge der zunehmenden Öffnung des Wissenschafts- und Ausbildungssektors die westliche Philosophie zunehmende Aufmerksamkeit. Im Rahmen der Veranstaltungen zum 40. Jubiläum der diplomatischen Beziehungen zwischen Österreich und Vietnam fand kürzlich in Hanoi eine Konferenz zu österreichischer Philosophie statt, zu der auch zwei Innsbrucker Vertreter geladen waren.
"Austrian Philosophy and Its Relevance Today“ war der Titel einer Tagung in Hanoi, an der auch Vertreter der Uni Innsbruck teilnahmen.
Bild: "Austrian Philosophy and Its Relevance Today“ war der Titel einer Tagung in Hanoi, an der auch Vertreter der Uni Innsbruck teilnahmen.

In dem relativ kleinen Land Österreich waren überproportional viele Philosophen von weltweiter Bedeutung zumindest zeitweise tätig (zum Beispiel Wittgenstein, Popper, der Wiener Kreis, Mach, Brentano, Meinong, Hayek u.a.). Ob sich dagegen von einer „Österreichischen Philosophie“ mit inhaltlicher Eigenart sprechen lässt, ist seit Jahrzehnten kontrovers. Die Konferenz  „Austrian Philosophy and Its Relevance Today“ am Institut für Philosophie der Vietnamesischen Akademie für Sozialwissenschaften in Hanoi, die unter anderem dieser Frage nachging, wurde gemeinsam mit der österreichischen Botschaft Hanoi in hervorragender Weise organisiert.

Zwei der acht eingeladenen Sprecher aus Österreicher kamen von der Universität Innsbruck: Prof. Josef Quitterer und Prof. Winfried Löffler, beide vom Institut für Christliche Philosophie. Zu ihrem Erstaunen trafen sie in Hanoi aber noch auf einen dritten „Innsbrucker“: Prof. Tran Van Doan (National Taiwan University, Taipei) hatte in den 70er Jahren am Institut für Christliche Philosophie promoviert. Der österreichische Botschafter in Vietnam, Dr. Georg Heindl, erklärte in seiner Eröffnungsansprache zur Konferenz: „Alle großen Denker gehören der ganzen Menschheit an. Auf die bahnbrechenden österreichischen Philosophen trifft dies ganz besonders zu. Viele von ihnen wanderten, vor dem Hintergrund der Situation in Österreich und Mitteleuropa in der Zwischenkriegszeit in große, globale Zentren der USA und Großbritanniens aus und erlangten dort weltweiten Einfluss. Dass wir heute in Vietnam zusammenkommen und über sie sprechen, zeugt von der Macht ihrer Ideen. Dass diese Konferenz heute in Vietnam stattfindet, ist Zeichen der Globalisierung in bestem Sinne.“

Winfried Löffler zeigte in seinem Vortrag „Developments of the Intentionality Thesis: From Brentano to Meinong, Husserl, Ehrenfels and Mally“ die Entwicklungslinien auf, auf denen sich die oft missverstandene und bis heute umstrittene „Intentionalitätsthese“ Franz Brentanos in verschiedensten Gebieten als philosophisch fruchtbar erwiesen hat (auch wenn sie falsch sein mag); so wurde Brentano zum Vater der Phänomenologie ebenso wie zu einem der Väter der analytischen Philosophie. Tran Van Doan zog in seinem Vortrag über den vietnamesischen Phänomenologen Tran Duc Thao die späteren mittelbaren Entwicklungslinien des Brentanoschen Denkens weiter aus. Josef Quitterer ging in „The Debate about Wittgenstein’s Ladder – Otto Neurath’s Critique of Wittgenstein’s Early Philosophy“ den Beziehungen Wittgensteins zum Wiener Kreis nach und zeigte auf, wo das wenig bekannte Werk Neuraths bereits wichtige Entwicklungen der späteren Wissenschaftstheorie (etwa bei Quine und Kuhn) vorwegnimmt. In einem zweiten Vortrag „Bolzano’s Analytic Philosophy of Religion“ führte Löffler in ein ebenso wenig bekanntes Thema ein. Der vor allem als Mathematiker bekannte Bolzano (1781-1848) wird zunehmend als der Großvater der modernen analytischen Philosophie erkannt und nahm auch auf religionsphilosophischem Gebiet Entwicklungen des 20.Jahrhunderts vorweg. Die restlichen 20 Vorträge der Tagung überspannten ein weites Gebiet, von den Klassikern Wittgenstein, Popper, Hayek, Mach und Carnap über weniger bekannte Figuren wie Günter Anders und Martin Buber bis hin zu Grenzgängern zur Philosophie wie Otto Bauer, Rudolf Steiner, Ludwig von Bertalanffy und Sigmund Freud. Interessant waren dabei insbesondere die Versuche der vietnamesischen KollegInnen, Brückenschläge zu den konfuzianischen und buddhistischen Denkwelten sowie zum Marxismus herzustellen.

Bemerkenswert war das offene und angenehme Gesprächsklima der Tagung; weitere Kooperationsaktivitäten zwischen dem Institut für Christliche Philosophie und der Vietnam National University Hanoi sind bereits für das Frühjahr 2013 fixiert.

(Winfried Löffler)

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