Mobilität nach Art des Taubenschlags

Der interdisziplinäre Frankreich-Schwerpunkt der Universität Innsbruck feierte am 19.11.2012 in der Claudiana, im Beisein des Rektors und des französischen Botschafters, den Frankreich-Tag 2012, mit Festvortrag und Vergabe der Frankreich-Preise.
Gruppenbild vom Taubenschlag: die Frankreich-Preis¬trägerInnen und ihre Laudatoren mit dem französischen Botschafter in der Mitte.
Bild: Gruppenbild vom Taubenschlag: die Frankreich-Preis¬trägerInnen und ihre Laudatoren mit dem französischen Botschafter in der Mitte.

Rektor Univ.-Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Tilmann Märk, und Botschafter S.E. Stéphane Gompertz betonten bei dieser Gelegenheit unisono die ausgezeichneten und privilegierten Beziehungen zwischen der Universität Innsbruck und der Republik Frankreich, die sich nicht nur in der Existenz des Frankreich-Schwerpunkts zeigen, sondern auch in der Tatsche, dass das französische Kulturinstitut vor kurzem seine neuen Räumlichkeiten in der Claudiana, im Gebäude der Uni-Länderschwerpunkte, bezogen hat.

„Wenn wir jedes Jahr im November den Frankreich-Tag feiern“, betonte Rektor Märk, „dann ist das auch, weil wir Frankreich lieben. Aber vor allem ist diese Nähe zu Frankreich für sehr viele ForscherInnen der Universität Innsbruck auch beruflich relevant: Sie kooperieren mit französischen Partnern der verschiedensten Hochschulen und Disziplinen.“ Der Liebe zu Frankreich scheint aber ganz offensichtlich seitens des französischen Botschafters eine mindestens ebensogroße Liebe zu Tirol entgegenzukommen, denn in den sieben Monaten seiner Amtszeit hat er nicht weniger als sechsmal Innsbruck besucht. Dazu mögen die Berge und die Erinnerung an Schiurlaube in der Kindheit beitragen, aber vor allem auch die intensiven Kooperationen mit der Universität und die mannigfachen Frankreich-Aktivitäten in Innsbruck.

Die Leiterin des Frankreich-Schwerpunkts, Prof. Dr. Eva Lavric, verglich in ihrer Festrede den „Pôle d’études françaises“ mit einem Taubenschlag: „Wenn der Frankeich-Schwerpunkt ein Haus wäre, dann wäre er ein Tauben­schlag; denn ein Taubenschlag ist hoch und er ist offen, und ständig gibt es Tauben, die ankommen und andere, die abfliegen. Sie kommen von weither und bringen wichtige Nachrichten, und sie fliegen ebensoweit weg, ebenfalls mit Nachrichten bepackt. Auf diese Weise weben sie ein unsichtbares, aber wirkungs­volles Netz von Verbindungen, Freundschaften, Kooperationen, Solidaritäten. Ein Taubenschlag ist aber auch ein Ort der Kreativität, denn die Brieftauben­züchter werden nicht müde, die verschie­densten Rassen so lange zu kreuzen, bis neue Tauben von ungeanhnter Schönheit entstehen.“

Forscher-Mobilität nach Art der Brieftauben also – und sogar für die Frankreich-Preise fand Prof. Lavric einen Vergleich: die Brieftauben-Wettbewerbe; damit leitete sie zur Preis­verleihung über: Der Preis ging diesmal an:

  • Mag. Stefan Pfurtscheller für seine Diplomarbeit „Brennpunkte österreichischer Geschichte aus französischer Perspektive. Die Epoche Maria Theresias bis zum Ausgleich Österreich-Ungarns in der französischen Historiographie des langen 19. Jahrhunderts“ (Institut für Geschichtswissenschaften und Europäische Ethnologie)
  • Mag. Martina Mayer für ihre Diplomarbeit „Sprachpflege und Sprachnormierung in Frankreich am Beispiel der Fachsprachen. Vom 16. Jahrhundert bis in die Gegen­wart“ (Institut für Translations­wissenschaft)
  • Mag. Dr. Simrit S. Khatra für ihre Diplomarbeit « Je parle française, où? Interlangue française d´un germanophone. Etude longitudinale du lexique » (Institut für Romanistik, Linguistik)
  • Mag. Markus Ludescher für seiner Diplomarbeit « Le courage civil dans l´enseignement du français langue étrangère. (Re-)Découverte d´une vertu démocratique à travers des récits du XXe siècle » (Institut für Romanistik, Literatur)
  • Mag. Dr. Alexander Eberharter für seine Dissertation „Leere und Entscheidung. Ethik und Politik bei Lacan, Badiou und Žižek“ (Institut für Politikwissenschaft)

Zum Abschluss hielt der frankophile Germanist em. o. Univ.-Prof. Dr. Sigurd Paul Scheichl einen Festvortrag zum Thema: „Ein Kapitel aus den kulturellen Beziehungen zwischen Frankreich und Österreich: Johann Nepomuk Nestroy“, in dem er dem amüsiert lauschenden Publikum zeigte, wie intensiv sich Nestroy bei den französischen Vaudeville-Autoren bedient hatte, von denen er oft die ganze Handlung seiner Stücke und immer wieder auch einzelne Witze und Pointen ungeniert übernahm. Viele Pointen wurden allerdings der Zensur geopfert oder dem Wiener Lokalkolorit angepasst; die Kunst und Originalität Nestroys liegt also weniger in der Dramaturgie als in der unvergleichlichen Sprache. „Das Wienerische war damals, viel stärker als heute, eine von allen Ständen geteilte Umgangssprache, während das Hochdeutsche beinahe wie eine Fremdsprache erschien. In Frankreich dagegen war die sprachliche Uniformierung schon viel weiter fort­geschritten, so dass die Vaudevilles, an denen sich Nestroy inspirierte, keine andere Sprache als das Standardfranzösische kannten. Darin besteht die eigentliche Originalität und Kunst Nestroys.“ Nestroy sei aber nicht nur bezüglich der Vaudeville-Stoffe ein Kulturvermittler gewesen, sondern er habe in seiner Eigenschaft als Theaterdirektor die Offenbach-Operette nach Öster­reich gebracht und so die Voraussetzungen für die Wiener Operette geschaffen. „Ohne Nestroy als Kultur­vermittler“, schloss Scheichl, „hätte die Fledermaus nie geschrieben werden können.“

 (Eva Lavric)