Ostwärts: Eine Tagung von Osteuropa-SpezialistInnen in Maria Waldrast

Vom 20.bis 22. September fand im pittoresk gelegenen Kloster Maria Waldrast, oberhalb von Matrei am Brenner, ein interdisziplinärer und international besetzter Workshop zum Thema Unterwegs-Sein: Figurationen von Mobilität im Osten Europas statt.
Innsbrucker Osteuropa-SpezialistInnen versuchten in einem Workshop die Möglichkeiten für ein gemeinsames Forschungsprojekt auszuloten.
Bild: Innsbrucker Osteuropa-SpezialistInnen versuchten in einem Workshop die Möglichkeiten für ein gemeinsames Forschungsprojekt auszuloten.

Organisiert wurde die Veranstaltung von Andrea Zink, Eva Binder, Kurt Scharr und Sonja Koroliov (Institut für Slawistik, Institut für Geschichtswissenschaften und Europäische Ethnologie) in enger Kooperation mit Harald Stadler (Institut für Archäologien). Die OrganisatorInnen setzten sich zum Ziel, einen konstruktiven Dialog zwischen den Innsbrucker Osteuropa-SpezialistInnen, insbesondere den SlawistInnen und den HistorikerInnen zu eröffnen und die Möglichkeiten für ein gemeinsames Forschungsprojekt auszuloten. Unterstützt wurden sie in ihrem Vorhaben von auswärtigen WissenschaftlerInnen, die ihre teilweise lange Anreise in die Tiroler Berge mit großer Geduld bewältigten und dafür mit bestem Wetter und einem phantastischen Panorama belohnt wurden.

Der Fokus des Workshops beruhte auf der Annahme, dass Bewegung im Raum, verstanden als Wandern, Reisen oder Erobern, aber auch als Flucht im Gefolge von Konflikten zu den wesentlichen Kennzeichen einer osteuropäischen condition humaine gehört und als solche kulturell vermittelt wird: Der Weg und das Unterwegs-Sein stellen charakteristische Merkmale der russischen Kultur dar, Unruhe und Dynamik kennzeichnen ebenso sehr die Selbst- und Fremdwahrnehmungen der Balkan-Region. Die Mobilität schreibt sich dabei in literarische Texte und Filme ein, sie ist in historiographischen Quellen, nicht zuletzt in vergessenen oder verlorenen Gegenständen gegenwärtig.

Die Themenstellung wirkte offenkundig inspirierend, denn das Spektrum der Beiträge und damit auch der skizzierten Mobilitätsfigurationen war beeindruckend. Sie reichten von den schillernden Identitätswechseln eines deutsch-jüdischen, in Baku gebürtigen Schriftstellers (Birgit Menzel, Mainz) über die Kategorie des Ereignisses im russischen Dokumentarfilm (Eva Binder, Innsbruck), die filmisch dokumentierten und inszenierten Gesichter des Ostens (Wolfgang Beilenhoff, Bochum / Berlin), die bewegte Personalität in der russischen Aufklärung (Sonja Koroliov, Innsbruck), das Schicksal der Kosaken in Osttirol (Harald Stadler, Innsbruck), die Selbst-und Fremdinszenierungen der Huzulen (Kurt Scharr, Innsbruck), Ulrike Ottingers Filmreise nach Odessa (Tanja Zimmermann, Konstanz) und die Sibirienreportagen des deutschen Fernsehens (Chistine Engel, Innsbruck) bis hin zur Handlungsführung in der russischen und bosnisch-kroatisch-serbischen Gegenwartsliteratur (Andrea Zink, Innsbruck).

Zwar waren die "echten" Bewegungsmöglichkeiten der TeilnehmerInnen in Maria Waldrast beschränkt, schließlich wollte man sich primär auf die Reflexion des Themas Mobilität und den interdisziplinären Dialog zwischen Filmwissenschaft, Historiographie, Literaturwissenschaft und Archäologie konzentrieren – wofür die Klosteratmosphäre ein ausgesprochen ideales Ambiente bot – doch blieb immer noch genügend Raum für kleinere Spaziergänge, die dem Dialog ebenfalls zuträglich waren und die TeilnehmerInnen sogar mit kundigen Informationen über den Pilgerort Maria Waldrast in historischen Reiseführern versorgten (Kurt Scharr). Die Präsentation eines Roadmovie aus dem späten Jugoslawien rundete das Programm schließlich ab.

Für alle Teilnehmer war die Tagung ein großer Gewinn und ein erster Schritt in Richtung eines gemeinsamen Forschungsprojektes. Die Fortsetzung des Dialogs über Räume und Dynamiken im Osten Europas, zu dem die OrganisatorInnen mit dieser Tagung einen ersten Anstoß gegeben haben, steht außer Frage und soll über den Kreis der bisherigen Teilnehmer ausgeweitet werden. Die Publikation der Beiträge ist für das Frühjahr 2013 geplant. Als Resümee bleibt festzuhalten: Maria Waldrast ist eine Reise wert, auch dann, wenn die intellektuellen Expeditionen, die im Kloster gestartet werden, nicht allein in spirituelle Gebiete führen.

 (Andrea Zink)