In Vino Lingua

Wein spricht alle Sprachen – das ist das Motto des EU-Projekts „VinoLingua“, dessen Abschluss am Freitag, 19.10.2012, in der Aula der Universität Innsbruck gefeiert wurde.
Projektpartner = Weinbauern aus den fünf Projektregionen präsentierten ihre Weine
Bild: Projektpartner = Weinbauern aus den fünf Projektregionen präsentierten ihre Weine.

Das Projekt der Lifelong-Learning-Schiene hat Sprachlehrbücher für Winzer/innen in Deutsch, Italienisch, Französisch und Spanisch erarbeitet. Unter der Federführung der Universität Innsbruck (Prof. Eva Lavric, Institut für Romanistik) und koordiniert von der Innsbruck-Absolventin Mag. Maria Gnilsen arbeiteten neun Partner aus fünf europäischen Weinregionen daran, die Weinbauern und -bäuerinnen mehrsprachig zu machen. Nach dreijähriger Laufzeit wurden nun in Innsbruck, unter Beteiligung sämtlicher Projektpartner, die Ergebnisse vorgestellt. Auch eine hochkarätige Weinverkostung aus allen Projektregionen (Krems, Südtirol, Burgund, Toskana, Toro) durfte nicht fehlen. Organisiert wurde das Schlussevent von den Innsbrucker Studierenden, die das Projekt sechs Semester lang mit Projektseminaren begleitet und nicht unerheblich zu dessen Gelingen beigetragen hatten.

Die Begrüßungsworte sprach im Namen der Universität Prof. Dr. Wolfgang Stadler, Fakultätsstudienleiter der Philologisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät. „Das Projekt zeigt in vorbildlicher Weise, wie Theorie und Praxis, Linguistik und Didaktik, Forschende und Studierende zusammengebracht werden können, und welche Kreativität und Dynamik sich daraus ergibt. Ich gratuliere den Projektpartnern zu ihrem überaus innovativen und nützlichen Projekt.“

Die Projektpartner kamen nicht nur aus vier europäischen Ländern (Österreich, Italien, Frankreich, Spanien), sie brachten auch die verschiedensten Hintergründe mit: von LinguistInnen, Kultur- und TranslationswissenschaftlerInnen über SprachdidaktikerInnen bis hin zu den wichtigsten Projektpartnern, den Weinbauern und -bäuerinnen selbst. Universitäten (Innsbruck, Siena, Oviedo, Dijon) und Weinbauschulen (Krems, Laimburg, Beaune) kooperierten mit privaten Unternehmen, z.B. einer auf Wein spezialisierten Sprachschule in Toro. Die Studierenden, die das Projekt in den Innsbrucker Projektseminaren unterstützten und begleiteten, konnten so eine Erfahrung in gelebter Interkulturalität und Interdisziplinarität machen. Sie betonten in ihrem Beitrag zum Schluss-Event, wie sehr es sie motivierte, an etwas konkret Anwendbarem mitzuarbeiten und in eine europäische Partnerschaft eingebunden zu sein, in der ihre Sprachkenntnisse, ihr Organisationstalent und ihre kreativen und didaktischen Fähigkeiten gefordert waren.

Zu Beginn des Projekts wurden der Sprachbedarf und die Medien-Präferenzen der Zielgruppe erhoben: Es zeigte sich, dass sich die Winzer/innen ein Lehrbuch wünschten und dass sie als zentrale Aktivität die Weinverkostung in der Fremdsprache lernen wollten. Die Verkostung steht denn auch inhaltlich im Zentrum des VinoLingua-Kurses; darum herum gruppieren sich die Themen Vorstellung des Betriebs, Weingartenarbeit, Kellerarbeit und Verkauf. Situativer Rahmen ist einerseits die Betriebsbesichtigung und andererseits die Beteiligung an einer Weinmesse. Zu diesen Situationen und Aktivitäten wurde ein Corpus authentischer Video-Aufnahmen in den vier Projektsprachen erstellt, dessen linguistische Analyse den sprachlichen Inhalt der Lektionen vorgab.

Die Didaktik des VinoLingua-Projekts, das die Wein-Fachsprache auf Niveau A1 bis B1 des gemeinsamen europäischen Referenzrahmens für Sprachen lehrt, folgt drei wichtigen Prinzipien: 1.) Helix-Progression, 2.) Chunks und „Schummler“ und 3.) authentisches Material. Da der situative Rahmen, der abgedeckt werden muss, relativ eng ist, können die relevanten Situationen im Laufe des Kurses mehrmals präsentiert und dabei immer weiter vertieft werden („zyklische Progression“, „Wendeltreppe“ oder „Helix“). So kommen die meisten Themen dreimal, die Weinverkostung selbst aber sogar sechsmal vor. Jedesmal werden die sprachlichen Mittel und die Ausdrucksmöglichkeiten dabei ein wenig komplexer. Vor allem am Anfang wird stark mit „Chunks“ gearbeitet, das sind fixfertige sprachliche Mehrwort-Einheiten, z.B. „bienvenus au domaine!“ „Nous avons un vin (rouge, blanc, jeune, fruité…)“, „Il a des arômes de (fraise, pamplemousse, chocolat, bois…), also kleine situationsbezogene Sätze, die der Anfänger memorieren und an seine Bedürfnisse adaptieren kann, ohne unbedingt die grammatikalische Struktur zu verstehen. So kann er sehr rasch auf einfache Weise in der Fremdsprache seinen Wein präsentieren. Aus solchen Versatzstücken aufgebaut sind auch die sogenannten „Schummler“, das sind Textvorlagen mit Lücken, die der Weinbauer selbst ausfüllen kann, z.B. „Mein Betrieb“, „Mein Wein“, „Meine Lieferbedingungen“. Auf diese Weise lernt er gezielt jenes sprachliche Material, das er für seine ganz persönlichen beruflichen Bedürfnisse braucht. Im Notfall kann der „Schummler“, wie der Name schon sagt, zum raschen Nachschlagen verwendet werden. Die Chunks und Schummler sind besonders am Anfang des Lernprozesses sehr wertvoll, sie werden dann nach und nach durch das freie Sprechen und eine breitere Palette von Ausdrucksmöglichkeiten ersetzt. Am Ende, in den letzten Lektionen, stehen statt Dialogen in einfacher Sprache Auszüge aus dem Video-Corpus, also authentische mündliche Texte von fremdsprachigen Sprechern, die den Weinbauern befähigen, im Ausland mit der gesprochenen Sprache zurechtzukommen.

Neben den Sprach-Lehrbüchern erstellte das VinoLingua-Team, mit tatkräftiger Hilfe der Studierenden, eine mehrsprachige Kulturbroschüre über die Weinkultur der Projektregionen, sowie eine speziell auf Winzer/innen zugschnittene Terminologie-Datenbank für Deutsch, Französisch, Italienisch und Spanisch. Wissenschaftlich begleitet wurde das Projekt von einer eigens ins Leben gerufenen Tagungsreihe, die Weinsprache, Weindiskurse und Weinkulturen in Europa beleuchtete.

Ganz besonders erwähnenswert sind auch die begleitenden Projektseminare, in denen die Innsbrucker Romanistik-Studierenden mit großer Begeisterung, unter Leitung von Dr. Angelo Pagliardini mit wechselnden Co-Teachern (Prof. Lavric, Prof. Moser, Dr. Rusch) in sämtlichen Projektphasen wichtige Aufgaben übernahmen: Sie erstellten und digitalisierten ein schriftliches Corpus zur Weinsprache, sie transkribierten das Video-Corpus, sie organisierten PR-Veranstaltungen und Exkursionen (u.a. zur EU nach Brüssel), sie halfen mit, das Curriculum zu erstellen, und sie waren schließlich intensiv am Lektionen-Schreiben mitbeiteilgt – natürlich in enger Kooperation mit den Projektpartnern. Auch das Schlussevent mit Musik, Buffet und Weinverkostung hatten zur Gänze die Studierenden organisiert: Das sehr zahlreich erschienene Publikum dankte es ihnen mit Applaus und bester Stimmung.

(Eva Lavric)