iup-Buchpräsentation der „Tagebuchnotizen aus Auschwitz“

Bei der Präsentation des Buches „Doch der Hund will nicht krepieren – Tagebuchnotizen aus Auschwitz“, herausgegeben vom Innsbrucker Politikwissenschaftler Reinhold Gärtner, las der Schauspieler Gerhard Kasal beeindruckend aus den bedrückenden Tagebuchnotizen des ehemaligen Auschwitz-Häftlings Gustav Kleinmann.
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Bild: Gerhard Kasal und Reinhold Gärtner (von links) bei der Buchpräsentation. (Foto: Birgit Holzner)

Am 27. Januar 1945 befreite die Rote Armee das Konzentrationslager Auschwitz. Das Ende eines unfassbaren Kapitels der Zeitgeschichte. Das Ende ist also bekannt. Aber wann begann Auschwitz? Und wie lässt sich eine Wiederholung der Geschichte verhindern? Mit diesen und ähnlichen Fragen beschäftigte sich Anfang Oktober der Politologe Prof. Reinhold Gärtner im Rahmen der Präsentation des Buches „Doch der Hund will nicht krepieren – Tagebuchnotizen aus Auschwitz“ in der Buchhandlung liber wiederin in Innsbruck. Gerhard Kasal, Schauspieler und Mitglied des Ensembles des Tiroler Landestheaters, las beeindruckend aus den bedrückenden Tagebuchnotizen des Gustav Kleinmann.

Als Häftling der Konzentrationslager Buchenwald, Auschwitz und Bergen-Belsen schrieb der Tapezierer Gustav Kleinmann (1891­1976) unter Lebensgefahr ein Tagebuch, das die Lebenswelt seiner Familie und den Völkermord an den Juden dokumentiert. Gustav Kleinmann wurde zusammen mit seinem 16 Jahre alten Sohn Fritz 1939 in Wien verhaftet. Ihr Leidensweg führte sie in die Konzentrationslager Buchenwald, Auschwitz, Bergen Belsen und Mauthausen. Fritz stieg am 18. Oktober 1942 freiwillig in den Zug nach Auschwitz. Er wollte an der Seite seines Vaters bleiben. Durch einen Zufall seien sie der Selektion entgangen, hin und wieder wurden sie gefragt, ob sie Wertsachen bei sich hätten, „da sie uns nichts mehr nutzen würden“. Damals wusste Fritz noch nichts von dem Tagebuch, das sein Vater vor den Nazis verborgen führte. Das nüchtern geschriebene Tagebuch erzählt auch die Geschichte über das beinahe groteske System der Nazis. Da der Vater ein fleißiger Arbeiter war, wurde er „arisiert“. Gustav und Fritz Kleinmann überlebten im Gegensatz zu Mutter und Schwester den Holocaust, der Vater starb 1976, der Sohn vor drei Jahren.

1984 lernte Reinhold Gärtner Fritz Kleinmann während eines Seminars kennen und die beiden trafen sich später immer wieder bei Vorbereitungen von Studienreisen nach Auschwitz. Er  entschloss sich, das Tagebuch und die Erinnerungen von Fritz Kleinmann  zu publizieren. Es ist auch eine Geschichte über Glück und Mut. Der damals 17-jährige Fritz ignorierte die Warnungen der Mithäftlinge und verlangte nach Essen. „Am Tag danach bekam das ganze Lager wieder volle Verpflegung“, so Fritz Kleinmann. Viele Überlebende haben lange Zeit darüber geschwiegen, nicht zuletzt aus dem Schuldgefühl heraus, im Gegensatz zu anderen Inhaftierten das Konzentrationslager überlebt zu haben. Erst nach Jahren reflektierten viele Zeitzeugen die beklemmende „Grauzone“ zwischen Tätern und Opfern, sprachen über die „Scham“ derer, die das KZ durch Zufall überlebt haben, über den Terror im Lageralltag und über die Notwendigkeit eines Erinnerns an das größte Verbrechen in der Geschichte der Menschheit. „Nicht wir, die Überlebenden, sind die wirklichen Zeugen. Das ist eine unbequeme Einsicht, die mir langsam bewusst geworden ist, während ich die Erinnerungen anderer las und meine eigenen nach einem Abstand von Jahren wiedergelesen habe. Wir Überlebenden sind nicht nur eine verschwindend kleine, sondern auch eine anomale Minderheit; wir sind die, die aufgrund von Pflichtverletzung, aufgrund ihrer Geschicklichkeit oder ihres Glücks den tiefsten Punkt des Abgrunds nicht berührt haben. Wer ihn berührt hat, konnte nicht mehr zurückkehren, um zu berichten, oder er ist stumm geworden.“ (Primo Levi)

In den 80er- und 90er-Jahren wurden Zeitzeugen wie Gustav und Fritz Kleinmann in Schulen eingeladen. Jetzt ist es dafür zu spät. Umso wichtiger sind solche Dokumente. Das in literarischer Form festgehaltene Einzelschicksal vermag – ähnlich wie beispielsweise jenes photographisch dokumentierte der Familie Turteltaub – eine Betroffenheit zu vermitteln, die noch so wahnwitzige Zahlen über die Ermordung von Millionen Juden nicht auszudrücken vermögen.

(Birgit Holzner)