Uni-Wissenschaftler ermitteln Bedüfnisse von Kindern und Jugendlichen in Tiroler Heimen

Am Institut für Psychosoziale Intervention und Kommunikationsforschung (PSYKO) untersuchten Arthur Drexler und Hermann Mitterhofer im Auftrag des Landes Tirol, wie die aktuelle Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen in Tiroler Heimen aussieht. Die Grundlagenstudie ermöglicht stichprobenartige, tiefe Einblicke in die tatsächlichen Bedürfnisse junger HeimbewohnerInnen
Die aktuelle Lebensrealität von Kindern und Jugendlichen steht im Mittelpunkt einer Auftragsstudie des Landes Tirol.
Bild: Symbolbild: Die aktuelle Lebensrealität von Kindern und Jugendlichen steht im Mittelpunkt einer Auftragsstudie des Landes Tirol.

Der konkrete Anlass für die Durchführung einer Studie zur Untersuchung der aktuellen Lebensrealität von Kindern und Jugendlichen in Tiroler Heimen waren die Schilderungen massiver Missbrauchs- und Gewalterfahrungen in Einrichtungen des Landes und der Kirche, die ehemalige Heimkinder in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts erfahren mussten. Der Tiroler Landesrat Gerhard Reheis hat in der Folge die Steuerungsgruppe „Opferschutz“ eingerichtet, die als beratendes Gremium für die Tiroler Landesregierung ehrenamtlich tätig wurde. Diese Steuerungsgruppe erarbeitete eine Reihe von Vorschlägen, die u.a. zu einer Verbesserung der Rahmenbedingungen im Interesse der Betroffenen führen sollten.

Den Empfehlungen der Steuerungsgruppe folgend, hat das Land Tirol 2011 das Institut für Psychosoziale Intervention und Kommunikationsforschung mit der Untersuchung der aktuellen Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen in Tiroler Einrichtungen beauftragt. Nicht zuletzt aufgrund dieses historischen Hintergrunds ist ein inhaltlicher Schwerpunkt des Forschungsprojekts dem Thema Gewalterfahrungen in sozialpädagogischen Wohneinrichtungen gewidmet. Als wissenschaftliche Grundlage dienten Forschungen, die in zahlreichen europäischen Ländern in den letzten Jahren zur Problematik Gewalt und Missbrauch in Heimen durchgeführt wurden. Im Hintergrund des Forschungsprojekts stand als Leitgedanke zum einen der Artikel 20 der UN-Kinderrechtskonvention, in dem der „besondere Schutz und Beistand des Staates“ (Vereinte Nationen 1990) für Kinder außerhalb der familiären Umgebung festgeschrieben ist, sowie zum anderen der Artikel 16 der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen mit der Verpflichtung der behördlichen Überwachung zur Verhinderung von „Ausbeutung, Gewalt und Missbrauch“ (Vereinte Nationen 2006) in Heimen.

Das Team des PSYKO erstellte ein Forschungskonzept mit qualitativen Erhebungsmethoden und kontaktierte in der Folge eine Reihe von Tiroler Einrichtungen, in denen Kinder und Jugendliche fremduntergebracht sind. Von den angefragten Einrichtungen nahmen fünf an der Studie teil.

Da es sich bei diesem Projekt um eine stichprobenartige, erste Erhebung zur Lebensqualität von Kindern und Jugendlichen in Tiroler Heimen handelte, wurden Design und Methodik der Untersuchung an Prinzipien der qualitativen Sozialforschung ausgerichtet. Im Sinne eines explorativen Vorgehens wurden offene, leitfadenorientierte Interviews mit den Jugendlichen in zwei Befragungsrunden durchgeführt. Nach einem Erhebungsdurchgang konnten erste Erkenntnisse gewonnen werden, die anschließend als Basis für ein zweites, vertiefendes Interview mit denselben Kindern und Jugendlichen dienten. Die insgesamt 28 Interviews wurden im Anschluss mittels halb-offener Kodierung ausgewertet.

Die Kinder und Jugendlichen wurden u.a. zu folgenden Themen befragt: Wege in die Einrichtung (Kontext der Zuweisung), Tagesstruktur und Leben in der Wohngemeinschaft, Privatsphäre (beispielsweise eigenes Zimmer, absperrbare Badezimmer und Toiletten), soziale Beziehungen (sowohl zu den MitbewohnerInnen, BetreuerInnen, Eltern wie zur näheren Umgebung im Wohnbereich) und insbesondere aktuelle wie vergangene Gewalterfahrungen. Das zuletzt genannte Thema wurde nicht nur auf Übergriffe von Seiten der BetreuerInnen beschränkt, es wurde auch nach Gewalterfahrungen seitens der MitbewohnerInnen oder außerhalb der Wohneinrichtungen und nach geschlechtsspezifischen Aspekten von Gewalterfahrung gefragt.

Die erörterten Themen lieferten vielfältige authentische Einblicke in die Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen in Heimen und die Ergebnisse werden Gegenstand für weiterführende Maßnahmen seitens des Auftraggebers sein.
Der Abschlussbericht wurde im Juli 2012 der Jugendwohlfahrt des Landes Tirol übergeben.

(Dr. Arthur Drexler und Dr. Hermann Mitterhofer)