Erziehungswissenschaften untersuchen Heimgeschichte

An die 500 Frauen und Männer haben sich bisher in Tirol und Vorarlberg bei den Opferschutzstellen der Länder mit Beschwerden über Gewalt- und Ausbeutungspraktiken in früheren Erziehungsheimen gemeldet. Ein Team unter der Leitung von A. Univ.-Prof. Michaela Ralser am Institut für Erziehungswissenschaft wurde mit der wissenschaftlichen Aufarbeitung des Themas beauftragt.
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Bild: Das Forschungsteam: Mag. Flavia Guerrini, A. Univ.-Prof. Michaela Ralser, Dr. Anneliese Bechter (von links).

Die hohe Zahl Betroffener von Gewalt und Ausbeutung in Erziehungsheimen in Tirol und Vorarlberg – an die 500 Frauen und Männer haben sich gemeldet – verlangt neben der Klärung individueller Verantwortung eine eingehende wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Strukturen des historischen Fürsorgeerziehungssystems. Das Institut für Erziehungswissenschaft wurde unter Leitung von A. Univ.-Prof. Michaela Ralser mit der Erstellung einer Vorstudie beauftragt, die im Sommer den politischen Entscheidungsträgern und der Öffentlichkeit präsentiert wurde. Im Herbst soll über den Fortgang der Forschungen entschieden werden.

Erzählen – erinnnern – verantworten

Bis in die jüngste Vergangenheit war der Öffentlichkeit kaum bekannt, dass in den ersten Jahrzehnten nach 1945 Tausende Kinder in öffentlichen und privaten Erziehungsheimen Österreichs lebten. Noch weniger bekannt war, dass sie diesen Anstalten auf eine Weise ausgeliefert waren, die heute kaum noch vorstellbar ist. „Dass wir darüber heute in Ansätzen wissen, ist einer neuen politischen und wissenschaftlichen Aufmerksamkeit und einem neuen Mut zur Aussage geschuldet. Fünfhundert Meldungen Betroffener sind eine hohe Zahl. Ein Grund dafür mag in dem überaus dichten und gestuften System an Heimen in Tirol liegen: Kein Bundesland, Wien ausgenommen, verfügte annähernd über derart viele Anstalten öffentlicher wie privater Trägerschaft“, heißt es in der Vorstudie des Teams und Michaela Ralser. Das Forschungsteam der Innsbrucker Erziehungswissenschaften mit Dr. Anneliese Bechter, Mag. Flavia Guerrini und A. Univ.-Prof. Michaela Ralser, das von den Ländern Tirol und Vorarlberg mit der Vorstudie „Geschichte der Tiroler und Vorarlberger Erziehungsheime und Fürsorgeerziehungsregime der 2. Republik“ beauftragt wurde, erachtet es als gesellschaftliche Aufgabe, dieses Stück Geschichte, das konstitutiv zur Vergangenheit der Region gehört und ihr Gedächtnis beansprucht, aufzuarbeiten. Die vorgelegte Studie soll dazu einen Beitrag leisten.

Wie sich die historische Lage der Fürsorgeerziehungslandschaft vor dem Hintergrund der derzeitigen Kenntnis darstellt, welche Voraussetzungen sich der Erforschung quellenseitig bieten, welche Quellensorten überliefert sind und mit welchem Erkenntnisgewinn sie jeweils zu lesen wären, wie die Stimme der Betroffenen als ZeitzeugInnen zu hören wäre, was wie in Angriff genommen werden könnte und sollte, darüber gibt der Bericht ausführlich Auskunft. Er schließt mit fünf Projektvorschlägen für die nahe Zukunft.

Die drei Säulen der historischen Fürsorgeerziehung

In sechs Kapiteln entfaltet der Bericht seine Argumentation. Er beginnt damit, das lokale Fürsorgeerziehungssystem als Ensemble zusammenwirkender Kräfte und Machtwirkungen darzustellen und die drei Säulen, die es begründen, herauszuarbeiten: die Fürsorgebehörde, das Erziehungsheim und die Kinderpsychiatrie (hinzu kämen zu diesen dreien noch flankierend die Schule und die Behindertenhilfe). „Es ist die Effizienz der Symbiose zwischen dem System Jugendfürsorge und dem System Heim, welches die historischen Vorgänge am deutlichsten kennzeichnet. Am treffendsten ließe sich das strategische Zusammenwirken der Apparate, Institutionen und Politiken für den Untersuchungszeitraum als Fürsorgeerziehungsregime der 2. Republik bezeichnen,“ erklärt Michaela Ralser. Ohne eine Analyse der Symbiose zwischen Fürsorgepolitik, -behörde und Fürsorgeerziehungsanstalt sei das Funktionieren des geschlossenen Systems Erziehungsheim der ersten Nachkriegsjahrzehnte nicht aufzuklären, so die Autorinnen: „Sie war maßgeblich daran beteiligt, das Erziehungsheim als totale Institution zu institutionalisieren, als solche sie sich zumindest in den ersten Nachkriegsjahrzehnten alle darstellten. Auch in Tirol und Vorarlberg.“ Wie insgesamt von einer „verspäteten Modernisierung“ des Fürsorgesystems in Tirol und Vorarlberg ausgegangen werden müsse, in dem es weitgehend erst in den 1980er Jahren und später zu Veränderungenkam. Diese „verspätete Modernisierung“ betrifft die sozialdisziplinierende Indikationenstellung der Jugendämter ebenso wie die diese flankierende defektdiagnostische Gutachtenstätigkeit der Kinderpsychiatrie und die weitgehend einer „Bewahr- und Strafpädagogik“ verpflichtete Erziehungspraxis der Heime selbst.

Marginalisierte Schichten als Hauptbetroffene und Forschungstagung

Insbesondere die Durchsicht der sogenannten Mündelaktenzeigte den Forscherinnen eindrücklich, dass die marginalisierten sozialen Schichten vom System der Fürsorgeerziehung besonders betroffen waren. Sie „standen unter besonderem Verdacht, für ihren Nachwuchs nicht ausreichend Sorge tragen zu können und diesen nicht ausreichend zuverlässig zu erziehen“. Der zusätzliche Blick in Zöglingsakten zeige, „dass Kinder aus unterprivilegierten Schichten als erste und nahezu einzige im Rahmen von Fürsorgeerziehungsmaßnahmen in eine Erziehungsanstalt gelangten“. Die Indikation der „Verwahrlosung“ ist schließlich der Schlüsselbegriff, welcher die Maßnahme in Gang setzte. Die Fürsorgeerziehungsstatistik schließlich gibt Auskunft nicht nur über die Zahl der Maßnahmen, das Gewicht der Heimunterbringung in den Ländern Tirol und Vorarlberg, sondern auch über die Geschlechterverteilung der Untergebrachten. „Von den in Tirol 1960 angeordneten Fürsorgeerziehungsmaßnahmen etwa zielen 240 auf jugendliche Buben, 220 auf Mädchen“, stellen die Autorinnen fest. Der Geschlechterperspektive, so die Autorinnen der Studie, komme große Bedeutung zu.

„Die zeitgeschichtliche Befassung mit Heimerziehung und Jugendfürsorge nimmt in den Wissen­schaften bis heute eine Randstellung ein, auch in den Erziehungswissenschaften“, sagt Michaela Ralser. So fehlen bislang Überblicksdarstellungen zur Fürsorgeerziehung in Deutschland, der Schweiz und Österreich. Nach einer ersten Welle der Aufmerksamkeit im Zuge der Heimkampagnen in den 1960er und frühen 1970er Jahre sind erst in allerjüngster Zeit verschiedentlich bemerkenswerte Regionalstudien zur Heimgeschichte entstanden. Auch in mehreren österreichischen Bundesländern, wird derzeit zur jüngeren Geschichte der Heimerziehung meist im Auftrag der Länder wissenschaftlich gearbeitet. Dem Austausch der Ergebnisse wird eine erste internationale Tagung im Winter diesen Jahres (7. und 8. Dezember 2012) an den Innsbrucker Erziehungswissenschaften gewidmet sein.

(red)