Studie „Wir LANDSCHAFTmacher“ tourte durch die Lande

Die Studie „Kultur.Land.(Wirt)schaft“ (KuLaWi) sorgt für Diskussionen. Das Forum dazu bot eine Veranstaltungsreihe unter dem Titel „Wir LANDSCHFTmacher“, in deren Rahmen die beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ihre Forschungsresultate präsentierten und mit den Menschen vor Ort diskutierten - nördlich des Brenners in Stanzach im Lechtal und in Neustift im Stubaital.
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Bild: Das Podium bei der Diskussion in Neustift: LH-Stv. Anton Steixner, Minister Karlheinz Töcherle, Dekanin Ulrike Tappeiner, Historiker und Kurator Gerhard Siegl und Eduard Tasser, Moderator des Abends.

„Einmal mehr haben die Universität Innsbruck und die Europäische Akademie Bozen mit dieser Studie einen wertvollen Beitrag für die Berglandschaft und die Berglandwirtschaft geleistet. Damit stellen sie nicht nur ihre Führungsrolle im Bereich Landschafts- und Klimaforschung unter Beweis, sondern untermauern auch die Bedeutung einer wissenschaftlichen Begleitung und Analyse von Entwicklungen in diesen Bereichen“, streute Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle den an der Interreg-IV-Österreich-Italien-Studie beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern Rosen. Töchterle nahm selbst als Diskutant an der Veranstaltung in Neustift teil.

Drei Jahre Forschungsarbeit

Drei Jahre lang haben die Institute für Ökologie, Soziologie sowie Geschichtswissenschaft und Europäische Ethnologie der Universität Innsbruck, das Institut für Alpine Umwelt der Europäischen Akademie Bozen und das Ländliche Fortbildungsinstitut Tirol den Wandel der Kulturlandschaft in Nord-, Ost- und Südtirol untersucht. Geleitet wurde das Projekt vom EURAC-Mitarbeiter Erich Tasser, die Projektkoordination in Tirol oblag Ulrike Tappeiner, der Dekanin der Fakultät für Biologie.

Fest steht: Der Mensch gestaltet und verändert Landschaft – immer. Alles menschliche Tun hinterlässt Spuren in der Umwelt. Selbst, wenn der Mensch nichts mehr tut, wenn er sich aus der Landschaft zurückzieht, hat das Auswirkungen. Und alle Veränderung zerstört und stört das, was ist, um Neues zu ermöglichen. Ob der Zugriff des Menschen auf die Landschaft dieser – ökologisch, wirtschaftlich und ästhetisch – letztendlich mehr schadet oder mehr nutzt, daran scheiden sich die Geister. Zumindest taten sie das bei den Diskussionen der Ergebnisse aus besagter Studie.

Gelegenheit dazu gab es in den vergangenen Wochen gleich viermal: Am 24. August in Sand in Taufers im Pustertal, am 31. August in Stanzach im Lechtal, am 7. September in Neustift im Stubaital und am 14. September schließlich noch in Mals im Vinschgau. Die vier Talschaften waren aufgrund ihrer geografischen Lage und ihrer sozialhistorischen Entwicklung als exemplarische Untersuchungsgebiete ausgewählt worden. Dort stellten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Ergebnisse ihrer Arbeit vor und luden zur Diskussion. Im Rahmenprogramm der Abschlussveranstaltungen wurden zudem eine Wanderausstellung und die Projektpublikation „Wir LANDSCHAFTmacher“ präsentiert.

Wenn der Wald von der Landschaft Besitz ergreift

Der Mehrzwecksaal der Gemeinde Stanzach vermochte die Interessierten kaum zu fassen, die der Einladung zum „KuLaWi“-Projektabschluss gefolgt waren. Diese fand im Lechtal unter dem Dach der Traditionsveranstaltung „Zukunftsforum Außerfern“ statt. Am Podium diskutierten der Vizerektor der Uni Innsbruck Wolfgang Meixner, der Soziologe Prof. Markus Schermer, der Ortsplaner Armin Walch sowie der Bauer und Bezirksobmann der Landwirtschaftskammer Franz Kögl.

Drei Schwerpunkte bestimmten die Diskussion:

Das „Bauernsterben“ im Lechtal: Ein Phänomen, das vielen Berggebieten in den Alpen gemeinsam ist, erreicht im Lechtal Ausmaße wie sonst nirgends in Tirol und hinterlässt unübersehbar Spuren im Landschaftsbild.

Der Bevölkerungsrückgang: Es gehört zu den großen Ausnahmen, wenn in einer Tiroler Gemeinde die Einwohnerzahl in den vergangenen 150 Jahren rückläufig ist; auf die untersuchten Lechtaler Gemeinden trifft dies zu – mit nachhaltigen Auswirkungen auf Dorfleben und Wirtschaftskraft.

Die Ausbreitung des Waldes: Tirols Waldfläche nimmt derzeit jährlich um rund 800 Hektar zu. Auch diese Entwicklung ist im Lechtal überdurchschnittlich ausgeprägt. Ehemalige Almen wurden bereits vollständig aufgelassen und verbuschen bzw. verwalden zusehends.

Vizerektor Meixer warnte vor einer Glorifizierung der Vergangenheit: „Ich wünsche mir, die aktuelle Situation und die Entwicklung im Lechtal nicht nur als Verlust zu sehen. Die Landschaft hat früher nicht überall schöner ausgeschaut als heute. Oft waren die Menschen früher aus Not gezwungen, die Landschaft zu verschandeln und auszubeuten. Bäume, wie ich sie noch aus meiner Kindheit kenne, die entlaubt wurden, weil ihr Grünzeug als Futter gebraucht wurde, waren nun wirklich nicht schön. Wir haben heute viel mehr Möglichkeiten und wirtschaftliche Stärke als jemals zuvor in der Geschichte.“ Und er plädierte für ein systemisches Denken und Wirtschaften: „Wer hierzulande auch nur 100 Kühe hält, der weidet sie theoretisch in Rumänien oder in Südamerika, weil er nämlich das Futter von dort importieren muss. So viel Futter kann ein Bauer in Tirol nie und nimmer selber produzieren. Was aber produziert wird, sind Unmengen an Exkrementen, die dann nicht mehr Dünger, sondern einen Problemstoff darstellen. Wir müssen wieder nachhaltiger (land)wirtschaften und systemischer denken.“

Markus Schermer gab zu bedenken, dass das Gravitationsprinzip auch im Siedlungsbereich gelte: „Immer!Größere Zentren saugen kleinere auf. In Außerfern wird Reutte weiter wachsen und die Entvölkerung der entlegenen Dörfer wird sich kaum aufhalten lassen. Der Negativsaldo bei der Bevölkerung im Lechtal ist nur zu stoppen, wenn Arbeitsplätze vor Ort entstehen. Arbeitsplätze im produzierenden Gewerbe, aber auch Arbeitsplätze etwa im Umfeld des Naturparks. Naturschutz und Naturpark können keine Käseglocke sein, die über eine Landschaft gestülpt wird, um alles darunter unverändert zu konservieren. Diese Zeiten sind vorbei. Naturpark heißt Entwicklung und birgt auch wirtschaftliches Potential.“ Zugleich warnte der Agrarökonom und Soziologe der Uni Innsbruck vor zu viel Wald: „Wenn bei uns alles verwaldet, dann wird unsere Gegend austauschbar. Dann macht es keinen Unterschied mehr, ob wir in Kanada sind oder in Tirol. Wir müssen mit unserer Landschaft auch Kultur mitliefern“, so Schermer in seinem Statement.

Pragmatische Sichtweisen im Stubai

Außerordentlich gut besucht war auch der Projektabschluss im Freizeitzentrum von Neustift eine Woche später. Die Ergebnisse der Studie kommentierten und diskutierten dort Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle, Landeshauptmann-Stellvertreter Anton Steixner, Dekanin Ulrike Tappeiner und der Historiker Gerhard Siegl von der Uni Innsbruck, zugleich Kurator der Wanderausstellung „Wir LANDSCHAFTmacher“.

In der Stubaier Diskussion waren die Pragmatiker tonangebend. Landeshauptmann-Stellvertreter Anton Steixner brachte es auf den Punkt: „Wir brauchen uns für die Entwicklung in Stubai nicht zu schämen. Gewiss ist viel gebaut und verbaut und die Landschaft nachhaltig verändert worden. Doch das ist die Basis dafür, dass es dem Tal gut geht: Die Wirtschaft blüht. Und die Menschen – Einheimische wie Feriengäste – sind gerne hier und wollen bleiben, im Unterschied zu so manch schwach entwickelter Region im Lechtal oder in Osttirol, aber auch in französischen, spanischen oder slowenischen Berggebieten. Dort ist die Landschaft zwar unberührter, urtümlicher als hierzulande, die Menschen ziehen aber weg, die Wirtschaft stagniert. Solche Gegenden sind – allen Umfragen zum Trotz – auch für Touristen nicht interessant. Tatsache ist, dass auch die Gäste mehrheitlich stets dorthin ziehen, wo schon viele sind.“

Dem wollte auch Bundesminister Töchterle, selbst ein Stubaier mit langjähriger Erfahrung als Gemeinderat, nicht grundsätzlich widersprechen. Er mahnte aber einen behutsamen Umgang mit dem eng begrenzten Lebens- und Wirtschaftsraum in den Tiroler Tälern an. Und er sprach sich für eine verstärkte Förderung der Berglandwirtschaft aus, wenn diese auch Kulturlandschaft und regional gewachsene und veredelte Lebensmittel produziere.

Die Dekanin der Fakultät für Biologie, Ulrike Tappeiner, widerlegte die Meinung, dass es für die Natur eigentlich gut sei, wenn sich der Mensch aus der Landschaft zurückziehe, wenn etwa höher gelegene Almflächen zusehends sich selbst überlassen werden. „Wenn sich der Wald immer mehr ausbreitet, so bedeutet das biologische Einfalt. Die reich strukturierte und über Jahrhunderte gepflegte Kulturlandschaft in den Alpen ist die Basis für eine außergewöhnlich reiche Biodiversität. Extensiv bewirtschaftete Mähwiesen bestechen durch die unerreichte biologische Artenvielfalt. Zudem erbringen solche Flächen unbezahlbare Ökosystemleistungen wie sauberes Trinkwasser oder Schutz vor Erosion, Lawinen und Muren. Überdies gewinnt die Landschaft für Erholung und Wohlbefinden der Menschen zusehends an Wert.“

Der Innsbrucker Historiker Gerhard Siegl zeigte auf, dass der Mensch durch sein Leben und Wirtschaften seit jeher Landschaft gestaltet und verändert. Seine Wirkkraft potenziert sich aber mit den zunehmenden technischen Möglichkeiten. „Jeder von uns – ob Bauer oder Unternehmer, Konsument oder Feriengast, Politiker oder Politisch-Desinteressierter –, jeder ist ein ‚Landschaftmacher’. Dieses Bewusstsein zu schärfen ist unserer Studie gelungen“, so Siegl.

Dem pflichtet der Projektleiter Erich Tasser bei: „Sogar Emotionen konnten wir für die Thematik wecken. Das haben unsere Abschlussveranstaltungen in erfreulichem Ausmaß gezeigt. Auch der Zuspruch für Wanderausstellung und Projektpublikation war so nicht zu erwarten. Schon allein das ist ein schöner Erfolg!“, freut sich Tasser, der auch einen Lehrauftrag am Institut für Ökologie inne hat.

(Eduard Tasser)