Das schwierige Erbe einer Vergessenen - zum 25. Todestag von Maria Veronika Rubatscher

Auf Einladung des Forschungsinstituts Brenner-Archiv und des Vereins heimat Brixen Bressanone Persenon fand Anfang September in der Cusanus Akademie Brixen ein Symposium zum 25. Todestag von Maria Veronika Rubatscher statt. In den Referaten sowie in der anschließenden Diskussion eröffneten sich durchwegs kritische Perspektiven auf ihr Werk.
Johann Holzner und Christine Riccabona referierten beim Symposium zum 25. Todestag von Maria Veronika Rubatscher.
Bild: Johann Holzner und Christine Riccabona referierten beim Symposium zum 25. Todestag von Maria Veronika Rubatscher.

Gedenktage sollten ja grundsätzlich nie dazu verleiten, dass Feiern veranstaltet werden, die „im Dithyrambischen stecken bleiben“ (wie Hermann Broch das seinerzeit schon formuliert hat, in seiner Rede zum 50. Geburtstag von James Joyce, 1932 in Wien); sie können aber andererseits doch Anlässe bieten, an vergessene, verschüttete, unterdrückte Dokumente des kulturellen Lebens zu erinnern, die einmal prägend oder gar nachhaltig gewirkt haben, und sie leisten vor allem auch einen gewissen hartnäckigen Widerstand dort, wo „der Strom der Geschichte die Geschichten der Individuen fortschwemmt“ (Karlheinz Roßbacher). – So waren auch die Referate von Johann Holzner, Ferruccio Delle Cave, Rut Bernardi, Christine Riccabona und Josef Feichtinger in Brixen auf den Erkenntniswert fokussiert, den sowohl die Biografie wie der literarische Werdegang Maria Veronika Rubatschers im Hinblick auf ein besseres Verständnis der Vergangenheit vermitteln können.

Obwohl in den 1980er Jahren mit Neuauflagen ihrer Bücher und der Etablierung eines Literaturpreises durch Alfred Gruber der Versuch unternommen wurde, Maria Veronika Rubatscher wieder bekannt zu machen, zählt sie heute zu jenen Autoren und Autorinnen, die aus dem kulturellen Gedächtnis verschwunden sind. Was gute Gründe hat: Ihre Südtirol-Romane der 1930er Jahre basieren auf den typischen Schemata der Heimatkunstbewegung, ihre Hagiographien und Lebensbilder von Märtyrerinnen bedienen eine längst fragwürdig gewordene didaktische Vorbildfunktion. Ihre Bücher bleiben vergriffen, ihre Texte sind für zeitgenössische Leser/innen kaum mehr aktualisierbar. Es kann daher nicht verwundern, dass die 1968er-Generation an das literarische Erbe der Rubatscher nirgendwo anknüpfen konnte, was die reservierte Haltung gegenüber dem Rubatscher-Preis nach 1987 auch deutlich zum Ausdruck brachte.

Der Vortrag „Dichterin, Schriftstellerin, Kulturhistorikerin?“ von Ferruccio Delle Cave zeichnete Konturen einer Kulturphilosophie nach, in deren Zentrum das katholische Wert- und Normensystem stand und in deren Rahmen Maria Veronika Rubatschers Werk auch entstanden ist. Ihr großes Vorbild war die katholische Dichterin Enrica von Handel-Mazzetti, die Rubatscher gefördert und ein Vorwort zu ihrem Buch über Maria Ward, die Gründerin des Ordens der „Englischen Fräulein“, geschrieben hat. Delle-Cave konnte aus Tagebuchnotizen zitieren und Hinweise auf Lektüren etwa von Friedrich Nietzsche oder Paul Keller geben. Rut Bernardi legte die Beziehungen Rubatschers zur ladinischen Kultur frei und untersuchte die Rezeption des „Lusenbergers“, der „Altgrödner Geschichten“ und des „Lutherischen Joggeles“. Bernardi stellte in diesem Zusammenhang die ladinischen Übersetzungen der Texte Rubatschers vor und wies auf den unterschiedlichen sprachlich-kulturellen Kontext hin, in dem die Texte auch anders ‚lesbar‘ wären. Rubatscher verbrachte längere Zeit im Grödnertal, sie lernte dort den Künstler Josef Moroder-Lusenberg kennen, über den sie ihren wohl bekanntesten Künstlerroman „Der Lusenberger“ verfasste. Rubatscher war in den 1930er eine erfolgreiche Autorin, die auf einer ihrer Lesereisen durch Österreich und Deutschland u. a. auch Martin Heidegger kennenlernte. Rubatscher sympathisierte mit der nationalsozialistischen Ideologie und versuchte, den deutschen Charakter von Südtirol hervorzuheben. Josef Feichtinger ging in seinem Referat sehr offen der Frage nach: „Maria Veronika Rubatscher – eine NS-Literatin?“. Er förderte dabei in ihren Texten - auch noch nach 1950 - die Schlacken einer nationalsozialistisch gefärbten Sprache zutage. Dennoch ist die Frage nicht leicht zu beantworten. Rubatscher entschied sich anlässlich der Option 1939 gegen eine Auswanderung nach Deutschland und setzte sich damit zwischen alle Stühle. Ihr Essay „Die Wahrheit über Südtirol“ (der 1940 entstanden ist, freilich erst kurz vor ihrem Tod veröffentlicht werden konnte) ist eines der bemerkenswertesten Dokumente dieser Zeit. Der allmähliche Rückzug Maria Veronika Rubatschers aus der literarischen Öffentlichkeit nach 1945 hatte andererseits wohl auch mit ihrer Schwerpunktsetzung auf religiöse Erbauungsliteratur zu tun. Literarhistorisch betrachtet stehen diese Bücher Rubatschers, wie Christine Riccabona in ihrem Vortrag gezeigt hat, den Strömungen der Literatur nach 1945 sehr fern: Kahlschlag, Gruppe 47, Rezeption der Moderne und Avantgarde der Zwischenkriegszeit waren Wege, die von den nachfolgenden Generationen eingeschlagen wurden. In Bezug auf Religiosität ging es auch in den zeitgenössischen Texten beispielsweise von Luise Rinser und Elisabeth Langgässer, von Stefan Andres, Reinhold Schneider, Gertrud Fussenegger oder Erika Mitterer um den Rückbezug auf lebensweltliche und existentielle Situationen, um ein kritisches Hinterfragen, darum auch vor allem, dem (Glaubens-) Zweifel Ausdruck zu geben, adäquate Formen zu finden für das Brüchige, das Trostlose, auch Unsagbare. Dies musste einer der Antimoderne geschuldeten Textpraxis fremd bleiben, hätte das doch bedeutet, die Statik eines sicheren Glaubensgewölbes aus dem Lot zu bringen.

Dennoch – und dies brachte insbesondere die rege Diskussion der Anwesenden im Anschluss an die Referate zum Ausdruck ­– die Werke Rubatschers stellen historisch gelesen und im Kontext ihrer Zeit betrachtet eine interessante Überlieferung dar. Lässt doch der Blick auf ihr Lebenswerk verdrängte Facetten des kollektiven Gedächtnisses sichtbar werden, etwa im Hinblick auf die religiöse Sozialisation weiter Kreise in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, im Hinblick auf eine gelenkte Volksbildung bzw. Volksfrömmigkeit, im Hinblick auf Voraussetzungen und Bedingungen einer weiblichen Schreibbiografie, und nicht zuletzt im Bezug auf das individuelle Leben der Rubatscher, auf die Problematik einer politischen Haltung zwischen nationalsozialistischem Deutschtum und einer eigenwilligen Heimattreue. Und schließlich auch im Hinblick auf die Mechanismen, mit denen sich historische Schlüsseldaten in das Leben des einzelnen - wie in das der Maria Veronika Rubatscher - einschreiben.

(Johann Holzner/Christine Riccabona)