Im Anfang war der „Code civil“

Universitätsrats-Vorsitzender o. Univ.-Prof. DDr. DDr. h.c. Johannes Michael Rainer lud in Kooperation mit dem Frankreich-Schwerpunkt der Universität Innsbruck zu einem Runden Tisch über die universelle Bedeutung des französischen Rechts.
Der Code Civil war Thema eines Runden Tisches an der Universität Innsbruck. Foto:  Wikimedia Commons/ DerHexer
Bild: Der Code Civil war Thema eines Runden Tisches an der Universität Innsbruck. Foto: Wikimedia Commons/ DerHexer

Die Veranstaltung fand im Rahmen der Innsbruck-Exkursion der Salzburger Summer School für europäisches Privatrecht am 10. Juli im Universitäts-Hauptgebäude statt. Neun internationale Wissenschaftler sprachen auf Französisch zum Einfluss des napoleonischen „Code civil“ auf Rechtssystem und Rechtspraxis ihrer jeweiligen Länder und bewiesen so gleichzeitig, dass auch die französische Sprache in der Rechtswissenschaft universelle Bedeutung hat.

„Die Summer School zum europäischen Privatrecht findet seit 13 Jahren an der Universität Salzburg statt“, berichtete der Organisator, Prof. J. Michael Rainer. „Wir freuen uns sehr, dass wir heuer eine Exkursion nach Innsbruck anbieten konnten und noch mehr, dass wir in diese ein dezidiert frankophones Element einbauen konnten.“ Prof. Rainer ist ja für seine ausgezeichneten Französisch- (wie übrigens auch Italienisch-) Kenntnisse bekannt und ergreift immer wieder gerne das Wort in der Fremdsprache.

Beim Runden Tisch, zu dem das internationale frankophone studentische Publikum sehr zahlreich erschienen war, sprach er einleitend über die drei „Väter“ des modernen Privatrechts in Frankreich, Jean Domat, Robert-Joseph Pothier und natürlich den berühmten Jean-Etienne-Marie Portalis, der einer Kommission von vier Juristen vorstand, die in nur wenigen Monaten den monumentalen „Code civil“ verfasste. Eine Ironie der Geschichte war es im übrigen, dass die Schaffung eines einheitlichen, allgemein verständlichen juristischen Regelwerkes, die ein zentrales Anliegen der Französischen Revolution darstellte, erst von Napoleon tatsächlich umgesetzt werden konnte: Der Code civil trat am 21. März 1804 in Kraft.

So meisterlich klar und verständlich ist dieses Gesetzeswerk geschrieben, dass der berühmte Dichter Stendhal („Rot und Schwarz“) in einem Brief an Balzac schrieb, er lese jeden Tag ein paar Absätze des Code civil, um seinen Stil zu schärfen.

„Das Moderne am Code civil ist die Abstraktheit der Artikel,“ lobte Prof. Rainer, „die von der bis dahin üblichen Kasuistik abging und im Gesetzestext, nach römischem Vorbild, nur die Basis sieht, auf der die Richter selbstständig Recht sprechen und Recht schaffen. Das wurde zu einem Beispiel für nahezu ganz Europa und darüber hinaus.“

Das bestätigten die Vortragenden:

David Auer (Salzburg) fand zwischen dem Code civil und dem 1811 publizierten österreichischen ABGB grundlegende Parallelen, in der Berufung auf das römische Recht und auf Montesquieu.

Javier de Los Mozos (Valladolid) zeichnete den tief gehenden und sehr umfassenden Einfluss der französischen Rechtskultur auf die Rechtskulturen Spaniens und Lateinamerikas nach. Da die Kodifizierung in den hispanophonen Ländern spät erfolgte, seien hier auch die Arbeiten der französischen Exegeten des 19. Jahrhunderts, insbesondere von François Gény, intensiv eingeflossen.

Pascal Pichonnaz, aus der zweisprachigen Schweizer Stadt Fribourg, zeigte überzeugend auf, wie im Schweizer Recht neben dem dominierenden deutschsprachigen auch der französische Einfluss deutlich spürbar ist, ja, wie manche Rechtsvorschriften klar aus einem Kompromiss zwischen den beiden Systemen hervorgegangen sind.

David Pugsley (Exeter) hatte eine schwierigere Aufgabe, da ja das englische Rechtssystem mit seinem „common law“ einer ganz anderen Kultur und Tradition als das deutsche und französische entspricht. Trotzdem gelang es ihm, versteckte Einflüsse aufzuzeigen, da die englischen Richter sich immer wieder in ihrer Rechtssprechung vom französischen Recht beeinflussen ließen und ihre Deutungen manchmal sogar (insbesondere bezüglich des berühmten Artikels 1384 über die Zivilhaftung) auf dem Umweg über Belgien in die französische Rechtssauslegung zurückflossen.

Eine weitere Verbindung der beiden Rechtssysteme ergab sich über Louisiana, wie der dort tätige Markus Puder bestätigte. In dieser frankophonen Region in den heutigen USA mit ihrer sehr wechselhaften Geschichte überschneiden sich Einflüsse verschiedenartiger Rechtssysteme – französisch, spanisch, anglo-amerikanisch –, was er am Beispiel des (fiktiven) Ehevertrags zwischen Blanche und Stanley in Tennessee Williams‘ „A streetcar named desire“ illustrierte.

Der Organisator des Runden Tischs, Prof. J. Michael Rainer (Salzburg), sprach über den Einfluss des französischen Privatrechts in Italien. Dieser war von Anfang an umfassend, trat doch der Code civil 1804 gleichzeitig in Frankreich und in dem von Frankreich besetzten Italien in Kraft und blieb dort – außer im Kirchenstaat und in Lombardo-Venetien – auch nach dem Sturz Napoleons gültig. 1861 gab sich das als Staat neu gegründete Italien einen „Codice civile“, der bis auf wenige Details völlig dem französischen glich. Wenn auch im 20. Jahrhundert in Italien der Einfluss der deutschen Rechtskultur größer wurde, so steht es heute immer noch, nach der treffenden Formel von Prof. Rainer, „zwei zu eins für Frankreich“.

Mit dem Beitrag von Philip Thomas (Pretoria) wandte sich der Runde Tisch einem weiteren Kontinent zu, und man erfuhr mit Staunen, dass auch im römisch-holländisch-englischen Rechtssystem Südafrikas gewisse Einflüsse des französischen Code civil spürbar sind, die insbesondere über das vom napoleonischen Frankreich besetzte Holland dorthin gelangten.

Im letzten Beitrag sollte Erik von der Haute aus Brüssel den französischen Einfluss auf das belgische Rechtssystem erörtern, aber er bemerkte dazu nur, dass dieser Einfluss immens sei, aber aufgrund der geographischen Nähe nicht als Zeugnis der Universalität französischen Rechts gelten könne. Stattdessen berichtete er von seinen Erfahrungen in Vietnam, wo heute jedes Jahr Hunderte von Studierenden freiwillig Kurse über französisches Recht besuchen, obwohl sie ihnen in ihrem Curriculum nicht angerechnet werden. Wie bei der Sprache sei aber auch hier die Konkurrenz der anglo-amerikanischen Kultur groß, und es käme tatsächlich darauf an, dass der französische Staat weiterhin ausreichend Mittel in seine „juristische“ Ausstrahlung investiere.

Zum Abschluss wies Prof. J. Michael Rainer noch auf eine Reihe weiterer Länder hin, in denen der Einfluss des französischen Code civil weiterhin spürbar ist: „Rumänien, Québec, Haiti, Mauritius, Malta und etliche arabische Staaten bilden weitere Beispiele für die Aktualität und Universalität der juristischen Kultur Frankreichs.“

 (Eva Lavric)