Die Europäischen Religionskriege – Eine interdisziplinäre Neubewertung von Ursprüngen, Mythen und Interpretationen

Anfang Juni fand an der Theologischen Fakultät der Universität Innsbruck die Abschlusstagung der ARGE „Religion – Politik – Gewalt“ zum Thema „The European Wars of Religion“ statt. Den Veranstaltern war es gelungen, dafür international hoch renommierte Wissenschaftler wie Charles Taylor, José Casanova, Paul Dumouchel und William Cavanaugh nach Innsbruck zu holen.
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Bild: Wolfgang Palaver und Charles Taylor (von links; Fotonachweis: Dietmar Regensburger).

Von 7. bis 9. Juni fand die jährliche Fachtagung der ÖFG-Arbeitsgemeinschaft statt, nunmehr bereits zum vierten Mal an der Universität Innsbruck. Mitveranstaltet wurde die Tagung wiederum von der interfakultären Forschungsplattform „Politik – Religion – Kunst“ und der Theologischen Fakutät der Universität Innsbruck. Nationale und internationale Experten und Expertinnen aus den Bereichen Geschichte, Politologie, Soziologie, Ökonomie, Philosophie und Theologie trugen im voll besetzten Rokoko-Saal der Theologischen Fakultät ihre Thesen einem interessierten Fachpublikum vor.

Im Mittelpunkt der siebten und letzten ARGE-Fachtagung stand die bis heute weit verbreitete und viel diskutierte These, wonach die Kriege des 16. und 17. Jahrhunderts in Europa primär religiös motiviert waren (vgl. Begriff Religionskriege), und die mit ihr verbundene „Zwillingsthese“, dass es durch die Bildung der modernen (säkularen) Staaten und der Verdrängung der Religionen aus dem öffentlichen zu einer Befriedung gekommen sei.

Die Religionskriege ­– historischer Fakt oder moderner Mythos

In der Keynote Lecture, die die Tagung eröffnete und zugleich als Raymund-Schwager-Religionspolitische Vorlesung ausgewiesen war, präsentierte der US-Amerikanische Theologe William Cavanaugh von der DePaul University in Chicago gleich zu Beginn seine steile These, wonach in den sog. „Religionskriegen“ nicht religiöse Fragen und Probleme der damaligen Zeit im Mittelpunkt gestanden hätten, sondern dass aus heutiger Sicht diese Kriege als Geburtswehen bei der Herausbildung der modernen Nationalstaaten und damit verbundener gewaltsamer Konflikte anzusehen seien.

Diese von den Organisatoren der Tagung dramaturgisch geschickt angelegte Steilvorlage ließ – wie nicht anders zu erwarten – Ein- und Widersprüche nicht lange auf sich warten. Schon in der unmittelbaren Response auf Cavanaugh wies Brigitte Mazohl, Historikerin und Leiterin der interfakultären Forschungsplattform diese These als zu pauschalierend zurück und plädierte im Gegenzug für eine genaue Analyse einzelner historischer Ereignisse und Dokumente. Ein Anliegen, das auch die beiden Hauptreferenten des historischen Panels, Mark Mersiowsky und Harriet Rudolph (beide Historiker an der Universität Innsbruck), am Freitag Vormittag unterstrichen und mit Annäherungen zur religiösen Gewalt aus der Sicht der modernen Geschichtswissenschaft vom Mittelalter (vgl. Kriege Karls des Großen, Kreuzzüge) bis hin zu den französischen Religionskriegen zu veranschaulichen versuchten.

Soziologische und philosophische Perspektiven

Am Freitag Nachmittag wechselte der perspektivische Zugang zum Thema in Richtung Sozialwissenschaften und Philosophie. José Casanova, Religionssoziologe an der Georgetown University in Washington und Ehrendoktor der Universität Innsbruck, griff die Grundthese Cavanaughs weitgehend positiv auf und kritisierte in seinem Referat die Rede und Vorstellung der Europäischen Kriege an der Schwelle zur Neuzeit von „Religionskriegen“ als eine problematische moderne Meta-Erzählung. Paul Dumouchel, derzeit Philosoph an der Ritsumeikan University in Kyoto/Japan, griff in seinem Paper zum modernen Staat vor allem auf die Werke von Thomas Hobbes, der für viele als „Urvater“ der modernen Trennung zwischen Staat und Kirche, zwischen Glaube und Politik gilt, positiv zurück.

Am Samstag Vormittag gelang es dem mit Charles Taylor (Philosoph an der McGill University in Canada), Wolfgang Palaver (Leiter der ARGE und Theologe an der Universität Innsbruck) und Harriet Rudolph hochkarätig besetztes Podium die bei der Tagung ausgespannten Fäden nochmals überblicksartig zusammen zu tragen. Die konzentrierte Rückschau und ergänzende Ausblicke weckten beim interessierten Fachpublikum, das sich durch die zeitliche Disziplin und gute Moderation bereits während der Tagung gut in die Diskussion einbringen konnte, nochmals den Appetit auf eine lebendige Diskussion.

Rückblick auf die siebenjährige Forschungsreise der ARGE

Als Schlusspunkt der Tagung hatten die Veranstalter noch einen Rückblick auf die in den sieben Jahren (2006–2012) geleistete Forschungsarbeit angesetzt. Was sonst leicht zum langweiligen Rückblick gerinnt, zeigte durch die pointierten, zum Teil sehr persönlichen  Zugänge der fünf Panelisten nochmals die Vielfalt und Wichtigkeit der geleisteten Arbeit in dem Spanungsfeld von Religion, Politik und Gewalt auf, etwa wenn Elisabeth Dörler, Islam-Beauftragte der Diözese Feldkirch, ihre Mitarbeit in der ARGE als besonders wichtig und fruchtbar für die Entwicklung des ersten österreichischen rein islamischen Friedhofes in Altach/Vorarlberg hervor hob.

(Dietmar Regensburger)