Universität Innsbruck

Überblick

Buchprojekt

Hilfsschulpädagogik im Krieg: Übungsschulen für Kopfschussverletzte 1914 bis 1918

Forschungsgegenstand

Anhand umfangreicher medizinischer, psychologischer und pädagogischer Quellentexte zur Rehabilitation von Kopfschussverletzten während des Ersten Weltkriegs wird im Rahmen dieses Buchprojekts die Geschichte der sogenannten Übungsschulen für hirnverletzte Soldaten untersucht, die ab 1915 in Österreich-Ungarn und im Deutschen Kaiserreich an vielen Orten eingerichtet worden sind.

Diese Schulen befanden sich oft in den Räumlichkeiten ehemaliger Hilfsschulen. Ihre Geschichte ist in der pädagogischen Historiographie weitgehend ignoriert worden. Dabei waren dort neben Ärzt*innen, Psycholog*innen und Arbeitstherapeut*innen vornehmlich Heil- und Hilfsschulpädagog*innen tätig, um durch systematische Übung und Unterrichtung der Patienten deren Hirnfunktionen und kognitive Leistungsfähigkeit wiederherzustellen oder zu verbessern.

Projektleitung & Kontakt: Univ.-Prof. Dr. Thomas Hoffmann (thomas.hoffmann@uibk.ac.at); Projektlaufzeit: 2017–2021, finanziert durch Eigenmittel der HU Berlin, PH Ludwigsburg und UIBK.

 

 Handübungsklasse (Bachmaier 1916)

 Intelligenzübungsklasse (Bachmaier 1916)
 

Abbildungen 1 & 2: "Handübungsklasse" und "Intelligenzbildungsklasse (Gehirnverletzte)" an der Kopfschussheilschule, der ehemaligen Hilfsschule Allenstein (aus: Bachmaier 1916, S. 37).

 

Fragestellung

Aus heutiger Sicht erscheint an der Geschichte der Übungsschulen u.a. zweierlei erklärungsbedürftig:

(1) Zum einen die Frage, warum zu Beginn des Ersten Weltkriegs – über alle Fachgrenzen hinweg – ein recht einheitlicher Konsens darüber bestanden hat, dass die Rehabilitation der Kopfschussverletzten in den Zuständigkeitsbereich der Hilfsschulpädagogik fiel?

(2) Zum anderen die Frage, warum nach Kriegsende die Geschichte der Übungsschulen als Teil der Geschichte der Hilfsschulpädagogik (und damit auch der heutigen Heil- und Sonderpädagogik) so schnell in Vergessenheit geraten konnte?

 

Ziele und Methoden

Mit Methoden der historisch-kritischen Diskursanalyse werden jene diskursiven Verschiebungen rekonstruiert, die dazu geführt haben, dass das Hilfsschulkind und der hirnverletzte Soldat für eine begrenzte Zeit denselben Raum von Aussagen und pädagogisch-therapeutischen Praktiken teilen konnten sowie jener weiteren Verschiebungen, die im Anschluss daran ihre temporäre Vereinigung wieder rückgängig machten und die spätere Erinnerung daran beinahe komplett auslöschten.

Aus professionstheoretischer Perspektive wird analysiert, mit welchem beruflichen Selbstverständnis die Heil- und Hilfsschulpädagog*innen an den Übungsschulen für Kopfschussverletzte angesichts der veränderten Zielgruppe an ihre neuen Aufgaben herantraten, welche Praktiken dabei eingesetzt wurden und welche Beschreibungs- und Beobachtungskategorien im Mittelpunkt standen.

 

Veröffentlichungen

  • Hoffmann, T. (2020, im Druck): Hilfsschulpädagogik im Krieg: Übungsschulen für Kopfschussverletzte 1914 bis 1918. In: O. Musenberg, R. Koßmann, M. Ruhlandt, K. Schmidt & S. Uslu (Hrsg.): Historische Bildung inklusiv: Zur Rekonstruktion, Vermittlung und Aneignung vielfältiger Vergangenheiten. Bielefeld: transcript.
  • Hoffmann, T. (2020, im Druck): Übungsschulen für "Gehirnkrüppel": Diagnostik, Therapie und heilpädagogische Behandlung hirnverletzter Soldaten 1914–1918. In: P. Bühler, S. Reh, V. Moser & M. Wendland (Hrsg.): Schülerauslese, schulische Beurteilung und Schülertests 1880–1940. Wiesbaden: Springer VS.
  • Hoffmann, T. (2017): Kurt Goldstein und das Programm einer konkreten Humanwissenschaft. In: W. Lanwer & W. Jantzen (Hrsg.): Jahrbuch der Luria-Gesellschaft 2016. Berlin: Lehmanns Media, 12-39.
  • Goldstein, K. (2014): Der Aufbau des Organismus: Einführung in die Biologie unter besonderer Berücksichtigung der Erfahrungen am kranken Menschen. Hrsg. v. T. Hoffmann und F.W. Stahnisch. München: Wilhelm Fink.
  • Stahnisch, F.W. & Hoffmann, T. (2010): Kurt Goldstein and the Neurology of Movement during the Interwar Years. In: C. Hoffstadt (Hrsg.): Was bewegt uns? Menschen im Spannungsfeld zwischen Mobilität und Beschleunigung. Bochum; Freiburg: Projekt Verlag, 283–311.

 

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