library-2607146_1920_935x561.jpg

Migration und Bildung (Teil II)

Im zweiten Teil zu Migration und Bildung plädiert Erol Yilidz für Zukunftsentwürfe im Bildungsbereich, die Vielfalt als Ausganspunkt für Bildung begreifen.

 Hier geht es zum ersten Teil. 

Die vielschichtigen individuellen Biographien belegen heute eindrucksvoll, dass grenzüberschreitende Diversitäts- und Differenzerfahrungen als Neuorientierung, als Erweiterung kultureller Horizonte und damit als Lernprozess wahrgenommen werden. Diese migrationsbedingte Welterschließung markiert einen Prozess der Verwandlung von Fremdheit ins Vertraute. Verfügbares Wissen wird erweitert, überprüft und verändert, was auch zur Revidierung negativer Klischees über ‚das Andere‘ führt bzw. führen kann. So ist die Konfrontation mit Fremdheit nicht als Denkblockade, sondern als Lernanlass zu betrachten. Dabei ist es wichtig, den Blick nicht nur auf die Herkunft der Menschen, sondern besonders auf die Vielfalt der geistigen und kulturellen Horizonte zu richten, die in lokalen Kontexten entstehen. Gerade hier zeigen sich die kreativen Potentiale von Lebensentwürfen, die durch Mobilität entstanden sind und im Alltag heute eine gelebte Normalität darstellen. Migrationsbiografien erweisen sich als eine Lebenspraxis, die der Wirklichkeit der globalisierten Welt nicht hinterher hinkt, sondern sie aktiv mitgestaltet. Um einen angemessenen strukturellen Rahmen dafür zu schaffen, brauchen wir Maßnahmen und Konzepte, in denen migrations- und mobilitätsbedingte Diversität als Bildungsressource, als eine wichtige Gestaltungsaufgabe der Zukunft wahrgenommen wird.

Das setzt ein zeitgemäßes Bildungsverständnis voraus, in dem die Lebenswirklichkeit der Menschen, das kreative Potential ihrer Alltagspraxis zur Kenntnis genommen wird. Alltägliche Diversität, vielfältige und vielschichtige Erfahrungen werden als Lernanlass betrachtet, nicht als Hindernis. Dies bedeutet zugleich ein kritisches Bildungsverständnis, in dem konventionelle Normative auf den Prüfstand gestellt werden.

Mit anderen Worten: Wir brauchen im Bildungsbereich Zukunftsentwürfe, die eine symbolische Wirkung auf die Gesamtgesellschaft haben, eine optimistische Haltung zu Mobilität, Migration und Diversität an den Tag legen. Vielfalt ist kein notwendiges Übel, sondern eine unvermeidliche Gestaltungsaufgabe, ein Bildungsanlass, der zum Ausgangspunkt werden kann, Zukunft gemeinsam zu gestalten. Umso wichtiger ist es, Kinder und Jugendlichen Räume zu geben, sich mit ihrer eigenen Migrationsgeschichte und gesellschaftlicher Diversität zu beschäftigen.

 

 

Erol Yildiz
© Sissi Furgler Fotografie

Erol Yildiz ist seit 2014 Professor für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt „Migration und Bildung“ am Institut für Erziehungswissenschaft der Fakultät für Bildungswissenschaften der Universität Innsbruck.

Mehr Informationen