Veranstaltungsdokumentation ?? die Erinnerung wach halten.? Heimerziehung im historischen Gedachtnis der Region. Ausstellung zur Heimerziehung samt Rahmenprogramm

Wanderausstellung Heimerziehung 1953 bis 1973 in Einrichtungen des LWV Hessen

24.01.2014-07.02.2014

Eine Veranstaltung der Forschungsgruppe ?Regime der Fursorge? am Institut fur Erziehungswissenschaft der Universitat Innsbruck in Kooperation mit dem ArchFem und der Initiative Minderheiten Tirol.


Ahnlich wie in Tirol waren Kinder und Jugendliche, die zwischen 1953 und 1973 in Heimen des Landeswohlfahrtsverband Hessen lebten, korperlicher und psychischer Gewalt ausgesetzt. Das belegen Interviews mit Betroffenen im Rahmen eines Forschungsprojekts der Universitat Kassel. Ein Jahr lang hat sich eine Forschungsgruppe unter Leitung der Soziologin Prof. Dr. Mechthild Bereswill und der Juristin Prof. Dr. Theresia Hoynck mit der Situation in den Kinder- und Jugendheimen des LWV beschaftigt.

Gemeinsam mit der Kunsthochschule Kassel entwickelte das interdisziplinare Team eine Ausstellung, die Forschungsergebnisse und Erfahrungen ehemaliger Heimkinder und Mitarbeiter_innen der Einrichtungen sichtbar macht. Die Ausstellung visualisiert auf vier Projektionsflachen Zeitgeist, Alltagskultur und Ordnungsvorstellungen der 1950er, 1960er und fruhen 1970er Jahre, die Architektur der Heime, die unterschiedlichen Perspektiven von Kindern, Jugendlichen, Heimpersonal und Burokratie sowie Aktenlogik und den damaligen Sprachgebrauch.

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Ausstellungsbesucher_innen in der Liebeneggstra?e (Foto: Christoph Tauber)

Eroffnungsvortrag von Mechthild Bereswill: ?Verwahrlosung, Eitelkeit, Arbeitsbummelei ? Ordnungsvorstellungen in der westdeutschen Heimerziehung in den 1950er und 1960er Jahren. Eine geschlechtertheoretische Perspektive auf Konstruktionen abweichenden Verhaltens?

Prof. Dr. Mechthild Bereswill stellte am 24. Janner die Forschungsergebnisse des von ihr geleiteten Projektes ?Heimerziehung von 1953 bis 1973 in Einrichtungen des Landeswohlfahrtsverbandes (LWV) Hessen? vor. Dabei nahm sie insbesondere auf die institutionellen Bedingungen und geschlechterdifferenzierenden Disziplinierungen, mit denen die ehemaligen Heimkinder und -jugendlichen konfrontiert waren, Bezug. Bereswill berichtete uber insgesamt 1010 Fallakten aus verschiedenen Einrichtungen des LWV, die in die Untersuchung eingegangen waren. Erganzt wurden sie durch neun detaillierte Interviews mit ehemaligen Heimkindern - so sei die die Selbstbezeichnung der Betroffenengruppen - sowie mit ehemaligen Erzieher_innen und befassten Personen aus der kritischen Offentlichkeit.

Interessante Einblicke bot die ausfuhrliche Rekonstruktion der Einweisungsgrunde in die Heime der Nachkriegszeit. Aus heutiger Sicht uberraschen die haufigsten Nennungen, wie ?Arbeitsbummelei?, ?Gesellschaftsuntuchtigkeit? und sexuelle Devianz. Die Berucksichtigung des sozialen Milieus oder des Schulpassungsverhaltens seien hier als entscheidende Faktoren zu nennen, um die offene Frage nach Verknupfung von Klasse und Geschlecht im Zusammenhang mit der historischen Fursorgeerziehung zu beantworten. Praktische und nahe Einblicke wurden den Teilnehmenden durch Interviewausschnitte, sowohl von mannlichen als auch weiblichen ehemaligen Heimkindern, ermoglicht. Sie veranschaulichen die Vorgehensweisen zur ?Durchfuhrung von Ordnung?, wie das Zurichten des Korpers durch Kleidervorschriften, Haarescharen und gynakologische Untersuchungen auf der einen und das Vermitteln des Korpers als ?schmutzig und gefahrlich? auf der anderen Seite.

Auch die Zeitzeuginnen Christine Jung, Obfrau des Tiroler Vereins Kinder im Heim, Johanna Pellin und Andrea G. berichteten uber Ihre Erfahrungen in den Tiroler Erziehungsheimen.


Audio-Aufzeichnung

Eine Audio-Aufzeichnung des Vortrages von Prof. Bereswill finden sie im Anschluss:


Offentliches Erzahlcafe mit den Zeitzeuginnen Vera Lieb, Rosa Loner, Sonja Reich, Edeltraud Schrock

Das Erzahlcafe bietet einen Rahmen fur autobiographisches Erzahlen in einer Gruppe. Im Fokus steht das Horen und Erzahlen von Lebensgeschichten, die, auf einen thematischen Hintergrund bezogen, gemeinsam reflektiert werden.

Die eingeladenen Zeitzeuginnen haben Teile ihrer Kindheit und Jugend, z.T. sogar die gesamte Kindheit und Jugend in unterschiedlichen Heimen gelebt: im Kinderheim Scharnitz, im Landeserziehungsheim Kramsach-Mariatal, im Landeserziehungsheim St. Martin in Schwaz, im Sauglings- und Kinderheim Arzl, im Kinderheim Martinsbuhel. Sie erlebten die Heime in unterschiedlichen historischen Zeitraumen, die sich von den spaten 1950ern bis Mitte der 1980er erstrecken.

Die Erzahlungen der Frauen handelten von ihren Familien, wie es dazu kam, dass sie in einem Heim untergebracht wurden und was sie dort erlebten. Sie schilderten eindrucklich, welcher lieblosen und mitunter gewaltvollen Behandlung sie ausgesetzt waren, aber auch von Freundschaften und Bundnissen unter den Kindern und Jugendlichen, davon, wie es ihnen gelang, sich im zumeist rigiden Regelwerk der Heime kleine Freiraume zu schaffen und von kleineren und gro?eren Widerstanden. Unter den etwa 60 Zuhorer_innen befanden sich Schuler_innen des Akademisches Gymnasium Innsbruck (zwei Wahlpflichtfachgruppen Psychologie und Philosophie) sowie der Schule fur Sozialbetreuungsberufe.

Vermittlungsangebot fur Schulklassen

Die Mitarbeiter_innen der aktuell am Institut fur Erziehungswissenschaft laufenden Projekte zur Geschichte des Fursorgesystems in Tirol und Vorarlberg erarbeiteten ein 90-minutiges Vermittlungsprogramm fur Schulklassen. Unter anderem nutzten dieses Angebot mehrere Klassen der Schule fur Sozialbetreuungsberufe und des Ausbildungszentrum West (AZW) mit den Klassen der Sonderausbildung Kinder- und Jugendpflege.


Dokumentation/Links