Migration und Bildung

„Es liegt in jedem Entweder-Oder eine gewisse Naivität, wie sie wohl dem wertenden Menschen ansteht, aber nicht dem denkenden, dem sich die Gegensätze in Reihen von Übergängen auflösen.“ (Robert Musil)

Migrationsbewegungen sind so alt wie die Menschheit selbst, eine historische Normalität. Daher kann die Menschheitsgeschichte auch als Geschichte von Wanderungen gelesen werden. Erst die Segmentierung der Welt in Nationalstaaten leitete ein ethnisch zentriertes Zeitbewusstsein ein und etablierte neue Weltdeutungen, Geschichtsschreibungen und kulturelle Normvorstellungen. Neue Traditionen wurden erfunden, Grenzen gezogen und neue Einheiten simuliert, einzelne Sprachen privilegiert, andere marginalisiert und abgewertet.

Zwar haben die Nationalstaaten heute im Zuge globaler Entwicklungen an integrativer Bedeutung verloren und es formieren sich lokale und regionale Orientierungshorizonte, unter denen Zusammenleben inszeniert und gestaltet wird. Zugleich leben aber Nationalismen und Fundamentalismen wieder auf. Gegenwärtig beobachten wir die vielerorts verschärften Grenzen der Nationalstaaten, die hoch gesicherten Außengrenzen der Europäischen Union und die damit einhergehende Kontrolle von Mobilität, die bestimmte Formen von Migration zu unterbinden suchen.

Ein national orientiertes Denken dominiert bis heute den Umgang mit Migration und Diversität. Dieses auf Homogenität ausgerichtete Ordnungsmodell dient dazu, Menschen nach ethnischen Kriterien zu klassifizieren. Im öffentlichen Diskurs werden bestimmte Formen von Mobilität und Migration als unerwünschte Zuwanderung mit Argwohn betrachtet oder illegalisiert.

In unserer Lehre und Forschung nehmen wir dagegen einen Perspektivwechsel vor, rücken migrationsbedingten Wandel in den Mittelpunkt und zwar aus dem Blickwinkel und der Erfahrung von Migration. Es geht darum, das Phänomen Migration radikal neu zu denken, als eine gesellschaftsbewegende und gesellschaftsbildende Kraft zu verstehen und dabei auch Brüche, Mehrdeutigkeit und marginalisierte Erinnerungen sichtbar zu machen, die nicht am Rande der Gesellschaft anzusiedeln sind, sondern die zentralen gesellschaftlichen Verhältnisse zum Ausdruck bringen. Eine solche Blickverschiebung bedeutet vor allem auch eine kritische Auseinandersetzung mit Diskriminierungspraxen, Rassismen und gesellschaftlichen Machtverhältnissen.

Dazu gehört auch ein kritisch-reflexiver Blick auf das eigene Fach: Welchen Beitrag pädagogische Institutionen und pädagogische Handlungspraxen zur (Re-)Produktion von Diskriminierungsmechanismen, Ungleichheit und Hierarchien leisten, ist hierbei von besonderem Interesse.