Erziehungswissenschaft der Geschlechterverhältnisse / Gender Studies

Univ.-Prof. Dr. Michaela Ralser
Ao. Univ.-Prof. Maria A. Wolf

"Keine/r hat das Recht zu gehorchen"
[Hannah Arendt]

 

Der Bereich „ERZIEHUNGSWISSENSCHAFT DER GESCHLECHTERVERHÄLTNISSE / GENDER STUDIES" befasst sich mit Geschlecht als Dimension komplexer gesellschaftlicher und kultureller Ungleichheits- wie Differenzverhältnisse und mit ihrer Thematisierung in den Erziehungs- und Bildungswissenschaften. Er theoretisiert und analysiert die Bedeutung von Geschlecht und Geschlechtlichkeit als Organisationsprinzip von Gesellschaft ebenso wie als Organisationsprinzip von Vergesellschaftung (Sozialisation). Die Kategorie Geschlecht wird dabei mehrperspektivisch gefasst: als sozialstrukturelle Tatsache (Vergeschlechtlichung gesellschaftlicher Strukturzusammenhänge, von Hierarchien und sozialer Ungleichheit), als kulturelle und symbolische Tatsache (Vergeschlechtlichung von Kultur und Herstellung von Geschlecht in Interaktionsprozessen), als leiblich-existentielle Tatsache (generative Bedeutung von Geschlecht), als selbsttätige Verarbeitung und Aneignung innerer und äußerer Realität (Vergeschlechtlichung von Sozialisations-, Bildungs- und Erziehungsprozessen) und schließlich als sinn-stiftende ‚Erfahrung' im Lebenslauf (Biografisierung von Geschlecht und Vergeschlechtlichung von Biografie). Im Zentrum des Interesses stehen die aktuellen gesellschaftlichen Transformationen, ihre Bedingungen und Wirkungen und die Bedeutung, welche sie für gegenwärtige Sozialisations- und Bildungsprozesse aus Geschlechterperspektive erlangen — einschließlich dessen, was sie dem pädagogischen Handeln an spezifischer Reflexivität aufgeben. Drei Bezugskategorien werden dzt. in diesem Zusammenhang relevant gemacht: Normalität, Wissen und Biografie. Die Analyse und Kritik von Normalisierungsverhältnissen (1) und von Wissensverhältnissen (2) auf Grundlage der Biografisierung von Lebensverhältnissen (3) sind in den letzten Jahren in den Mittelpunkt der Auseinandersetzungen in Forschung und Lehre gerückt.

(1) Normalisierungsverhältnisse: Normalität ist eine allgegenwärtige Bezugskategorie — die Normalität (Normalisierung) der Geschlechter ist darin nur eine Variante: Normalität figuriert als dumpfe Evidenz in Alltagskommunikation und Medien — gleichsam als Ersatz für die Begründung von Kultur in Natur. Sie funktioniert aber auch umgekehrt als Argument für ,Veränderung' — gleichsam als Ruf nach dem ,besseren' Zustand: nach dem Ende der Geschichte zum Beispiel, der Normalisierung von Verhältnissen (als Veränderung zurück in den Normalzustand) oder auch der Integration von Differenz als ,Erhebung' der Anderen in den Zustand der Normalität. Normalitätsermöglichung und Normalisierung sind eng miteinander verknüpft: Für bestimmte pädagogische Teildisziplinen etwa ist diese Verknüpfung sogar konstitutiv (Sozialpädagogik, Heilpädagogik). Schließlich umkreisen uns Normalitätsvorstellungen, -versprechen und -aufforderungen verschiedenster Art auch im Alltag: insbesondere solche auf der Ebene des Körpers, seiner Vermögen und Kräfte. Bei der Allgegenwärtigkeit des Normalitätskonzepts verwundert, dass begriffsgeschichtlich von „Normalität" sinnvoll erst seit 200 Jahren gesprochen werden kann.

Normalität ist demnach ein Konzept der Moderne. Sein Bedeutsamwerden hat verschiedene diskursive und nicht-diskursive Herkünfte. Es ist eng mit der Entwicklung der Humanwissenschaften verbunden. Im Normalitätsdispositiv sind seine strategischen Kräfteverhältnisse gebündelt. In Gestalt von Normalverteilungskurven, statistischen Mittelwerten, Rankings und Vergleichen aller Art begegnet uns das Konzept der Normalität heute allerorts (in den Wissenschaften ebenso wie in den medialen Repräsentationen und politischen Entscheidungssphären) und erzeugt eine (soziale) Norm zweiter (gleichsam errechneter) Ordnung. Seine „verborgene" Normativität liegt in der Überblendung von Deskription und Präskription, von Regelmäßigkeit und Regelgerechtheit, von Normal- und Idealzustand, von Ist- und Sollwerten. Dass diese bis in die Gegenwart einen jeweils geschlechtlichen Charakter annehmen, muss nicht eigens erwähnt werden. Die expansive, normalisierende Kraft des Konzepts beruht auf der stetigen Erweiterung von Normalitäts-(Vergleichs-/Anpassungs-)zonen und auf der gegenwärtigen Dehnung des Fließgleichgewichts von Normalität und Abweichung. Dies bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung von Normalitäts(Stigma)grenzen, ohne die das ,neue' flexibilisierte Kontinuum auseinanderdriften würde (Stichwort: Gleichzeitigkeit proto- und flexibilitätsnormalistische Strategie) und von denen weiterhin — institutionell vermittelt — wesentliche In- und Exklu¬sionsprozesse angeordnet und mächtige Denormalisierungsängste aufgerufen werden. Subjektseitig wirkt die flexible Normalität heute regulativ reflexiv im Sinne einer vergleichenden Selbstpositio¬nierung der Subjekte und, wo mit dynamischer Leistungssteigerung strategisch verkoppelt, stimulativ im Sinne einer ,verordneten' Selbstoptimierung ihrer Kräfte.

Für eine „ERZIEHUNGSWISSENSCHAFT DER GESCHLECHTERVERHÄLTNISSE" ist die Analyse und Kritik von Normalität und Normalisierung von mehrfacher Bedeutung und wird im Forschungs- und Lehrbereich systematisch verfolgt, auf mehreren Ebenen: auf der Ebene der Archäologie von Normalisierungswissen, hier insbesondere von normalisierendem Geschlechter-Wissen im Rahmen humanwissenschaftlicher und mithin auch erziehungswissenschaftlicher Wissensbildung und Bildungspraxis, auf der Ebene zeitgenössischer, vergeschlechtlichter (dem bio-ökonomischen Imperativ unterworfener) Subjektivierungsleistungen als spezifische Aneignungsaufgabe der Individuen, auf der Ebene einer normalismuskritischen Analyse von pädagogischen Institutionen und Interventionen hinsichtlich ihrer (nicht nur) geschlechtlichen Normalitätsproduktion und Normalisierungswirkung. Schließlich auf der Ebene stabiler (leibvermittelter) Habitualisierungen und persistenter (sozial vermittelter und lebensgeschichtlich sedimentierter) Normalitätsvorstellungen, mit dem Ziel die Beharrungsmomente zu erkennen und aus ihrer Kenntnis die Möglichkeitsbedingungen zu erstreiten, die transformative Bildungprozesse wirksam werden lassen.

(2) Wissen ist neben Bildung und Lernen eine der Kategorien erziehungswissenschaftlicher Reflexion. Die Unternehmungen, Wissen als grundlegendes Konzept in der Erziehungswissenschaft produktiv zu machen, sind aber jüngeren Datums und zielen v. a. darauf, pädagogisches Wissen selbst zum Gegenstand von wissenschaftlicher Analyse und Kritik zu machen. Sie könnten u. U. dazu beitragen, die für die Pädagogik typische Theorie-Praxis-Problematik unter neuen Vorzeichen zu reformulieren. Im Unterschied zu bildungstheoretischen Studien geht die Wissensforschung nicht vom Subjekt, sondern von Formen, Strukturen und Transformation von Wissen aus. Analyse und Kritik von Wissensverhältnissen im Forschungs- und Lehrbereich „ERZIEHUNGSWISSENSCHAFT DER GESCHLECHTERVERHÄLTNISSE" fokussiert zum ersten auf die verschiedenen Formen von Geschlechterwissen: z.B. gesellschaftlich-objektiviertes als (vor)-herrschende normative Vorstellung darüber, was Männer und Frauen sind, subjektiv-inkorporiertes als biografisch akkumulierter Wissensvorrat (alltäglich handlungsrelevant) und feldspezifisches als Unterscheidungs- und Hierarchisierungsweisen, die in unterschiedlichen sozialen Räumen jeweils dominieren und konsensfähig sind (professionell handlungsrelevant). Zum zweiten fokussiert Analyse und Kritik von Wissensverhältnissen auf Allianzen und Differenzen der diversen Wissensformen im Hinblick darauf, ob und wie sie sich z.B. verstärken, abschwächen, stören, verändern sowie drittens auf Analyse und Kritik des Verhältnisses von Geschlechterwissen und sozialer Praxis. Gefragt wird, welches Wissen unter welchen historischen, gesellschaftlichen und institutionellen Bedingungen wozu hergestellt wird, welches wofür funktional, notwenig, hilfreich ist, und welches wo und wie vermittelt und/oder angeeignet werden kann. In den Blick genommen werden dabei sowohl die sozialen Kämpfe auf dem Feld des Geschlechterwissens wie auch die sozialen Kämpfe mittels Geschlechterwissen. Neben dem Ziel, Wissen über Wissen(sformen) und die Zusammenhänge von Wissen und Macht zu erweitern, ist von grundlegendem Interesse v. a. die Erkenntnis über die Bedingung der Möglichkeit zur Veränderung der Geschlechterordnung und des Geschlechterwissens, was über die Analyse konkreter sozialer Felder wie konkreter Akteurinnen und der reflexiven Beziehung zwischen Wissen und Handeln geleistet wird. Und last but not least die Frage, wie „Gegenwissen", das die Frauen- und Geschlechterforschung hervorgebracht hat, Teil des Geschlechterwissens von Akteurinnen und damit im Lebensalltag wie im professionellen Kontext handlungsrelevant werden kann.

(3) Biografisierung der Lebensverhältnisse: Die Biografisierung der Lebensverhältnisse verdankt sich der Individualisierung. Als moderne Entwicklung bleibt sie widersprüchlich: der Zunahme an Selbstbestimmung stehen neue institutionelle Abhängigkeiten gegenüber.

Die Konzepte Lebenslauf und Biografie bringen die moderne Doppelstruktur von Bindung und Freiheit, von Pflicht und Neigung, Vorschrift und Entscheidung, von Standardisierung und Indivi¬dualisierung zum Ausdruck. Als komplementäre Konzepte thematisieren sie die Spannung von Regel¬mäßigkeit und Unregelmäßigkeit, von Organisiertheit und Spontaneität, von Bewältigungszwängen im Lebenslaufregime und subjektiven Aneignungsformen im Verlauf der Lebensgeschichte. Für eine kritische Erziehungs- und Bildungswissenschaft, die über die Vermittlung neuer Welt- und Selbst¬sichten auf die Transformation den Menschen schädigender Verhältnisse ebenso setzt wie auf den Habituswandel durch Rückwirkung neuer Erfahrungen auf alte Strukturen, ist Biografiearbeit doppelt bedeutsam: als Forschungs- und Lehrperspektive. In Biografiearbeit kann gefragt werden, wie sich Individuen (wie sich Frauen und Männer) ihren sozialstrukurellen Lebenslauf aneignen, welche Erfahrungen sie dabei machen, wie sie diese bewerten und wie sie sie im weiteren Lebensverlauf reproduzieren und modifizieren.

Biografische Rekonstruktionen im Rahmen einer „ERZIEHUNGSWISSENSCHAFT DER GESCHLECHTER-VERHÄLTNISSE" ermöglichen in Lebensgeschichten die Lebensbedingungen zu erkennen und zu erklären, unter denen Geschlecht bedeutsam wird, sie ermöglichen die Ausbildung männlicher oder weiblicher Habitusformen als strukturierten Aneignungsvorgang zu erkennen und den lebensgeschichtlichen Habituswandel als Bildungsprozess zu deuten, schließlich die eigene Lebensgeschichte als mögliche aber nicht zwingende subjektive Verarbeitung der sozialstrukturellen Existenzbedingungen als Frau oder als Mann zu begreifen. Die kritische Arbeit mit biografischem Material erfolgt lehreseitig im Sinne einer Verbindung des Wissens um gesellschaftlich-historische Zusammenhänge mit den Erkenntnissen aus den Nahaufnahmen individueller Lebens- und Bildungsgeschichten. Diese Verbindung soll ermöglichen, Einblicke in die Komplexität und Widersprüchlichkeit sozialer Wirklichkeit zu erhalten, gesellschaftliche Kontinuitäten und Brüche, Erwartbares und Unterwartetes ebenso zu Tage zu fördern, wie den Umgang mit den je vorhandenen generationalen, sozialen Hinterlassenschaften herauszustellen. Das soziale Erbe nämlich ist eine spezifische Hinterlassen¬schaft: Sie wird durch die soziale Praxis der Erbenden verändert — sie unterliegt einer Dialektik von Tradition und Transformation. Der Bereich der gender-studies verfolgt diese Perspektive dzt. weniger systematisch in Form eigenständiger biografischer Forschungen denn im Kontext von Lehr-Lernprojekten mit den Studierenden.

_______________________________

1 http://www.uibk.ac.at/geschlechterforschung/
2 http://www.uibk.ac.at/geschlechterforschung/geschlechterforschungprofil/gendercareandjustice.html
  Sprecherin des Forschungsnetzwerkes: Maria A. Wolf
3 http://www.uibk.ac.at/geschlechterforschung/geschlechterforschungprofil/migrationsforschunghome.html
4 http://www.uibk.ac.at/studium/angebot/ma-gender-culture-and-social-change/index.html.en