Historische Bildungs- und Sozialforschung

Ein Schwerpunkt des Lehr- und Forschungsbereiches „Allgemeine Erziehungswissenschaft“ bildet die Historische Bildungs- und Sozialforschung. Hier werden erziehungs- und bildungsrelevante Fragestellungen auf der Basis von historischen Quellenbeständen und einem geschichtswissenschaftlichen Methodenrepertoire bearbeitet. Ein Fokus der Historischen Bildungs- und Sozialforschung in Innsbruck liegt in der Aufarbeitung historischer Aktenbestände (Quellenkritik und Diskursanalyse) sowie der Befragung von ZeitzeugInnen (Oral History und Biographieforschung) insbesondere im Bereich der Institutionengeschichte außerfamiliärer Erziehungsformen. Als theoretische Ankerpunkte der empirischen Quellenarbeit dienen die anthropologischen Grundphänomene des Raumes und des Körpers. Aktuell wird ein Habilitationsprojekt zur Geschichte der katholischen Internatserziehung durchgeführt. Im Rahmen des Projektes werden anhand von Verwaltungsschriftgut, Interviews mit Zeitzeugen und Ego-Dokumenten Bildungsbiographien von Buben aus ländlichen Verhältnissen untersucht, die ein Tiroler Knabenseminar besuchten.

In den letzten Jahren fanden unter den Überschriften „Regime der Fürsorge“ und „Medika­lisierte Kindheiten“ Forschungen vor allem zur Struktur- und Sozialgeschichte der großen Institutionen öffentlicher (Ersatz)Erziehung statt: zu den Fürsorgeerzieh­ungs­anstalten und Erziehungsheimen des 19./20. Jahrhunderts in der Fürsorgeregion Tirol-Vorarl­berg. Eng an diese Auseinandersetzung angebunden sind die Befassung mit Institutionen einer frühen Kinderpsychiatrie und Heilpädagogik: in Gestalt der sogenannten Kinderbeobachtungsstatio­nen im Österreich der Zweiten Republik. Im Zentrum stehen dabei u.a. Genealogie und Epis­te­mio­logie der die beiden historischen Praxis­felder anleitenden Wissenschaften: die Heil- und Heimerziehung. In Planung befinden sich - damit zusammenhängend - neue Forschungen zum inter­na­tionale Vergleich von „Welfare landscapes“ und „Educational spaces“ der Heim­erziehung in den Ländern Österreich, Deutschland und der Schweiz.

Darüber hinaus ist auch ein Teil der Wissenschaftsgeschichtsforschung des Instituts hier angesiedelt. Sie befasst sich vor allem mit den bio-sozio-medizinischen Wissensbildungen, dem mediko-pädagogischen Feld ihrer diversen Anwendungen und den normativen An-schlüssen in Teilen der gegenwärtigen (Sozial)Pädagogik. Die diskurstheoretischen Arbeiten ver­folgen das Ziel, einen wissenssoziologisch-praxeologischen Beitrag zur Analyse des Struk­tur­wandels des Subjekts zu leisten und damit das Subjekt der Erziehung historisch spezifisch auszuarbeiten, respektive Aspekte seiner Bedingungen und Wirkungen herauszustellen.

 

Michaela Ralser und Ulrich Leitner

 

Weitere Informationen:

Heimgeschichteforschung: https://www.uibk.ac.at/iezw/heimgeschichteforschung/

Forschungen zur Kinderpsychiatrie und Heilpädagogik: https://www.uibk.ac.at/iezw/forschungen-zur-kinderbeobachtungsstation/

Forschungen zur Psychiatriegeschichte: http://www.psychiatrische-landschaften.net/

Internatsforschung: http://www.uibk.ac.at/iezw/internatsforschung/

 

Publikationen:

Michaela Ralser, Nora Bischoff, Flavia Guerrini, Christine Jost, Ulrich Leitner, Martina Reiterer, Heimkindheiten. Geschichte der Jugendfürsorge und Heimerziehung in Tirol und Vorarlberg Studien-Verlag, Bozen-Innsbruck-Wien, 2017.

Ralser, Michaela: Das Subjekt der Normalität. Wissensarchiv der Psychiatrie. Kulturen der Krankheit um 1900, Wilhelm-Fink-Verlag, Paderborn, 2010. [ISBN 978-3-7705-4980-1]

Ralser, Michaela (mit Bechter, Anneliese; Guerrini, Flavia): Regime der Fürsorge. Eine Vorstudie zur Geschichte der Tiroler und Vorarlberger Erziehungsheime und Fürsorge-erziehungssysteme der Zweiten Republik. innsbruck university press (IUP), Innsbruck 2014. [ISBN 978-3-902936-45-5].

Ralser, Michaela (mit Reinhard Sieder): Heft 1+2/2014 "Die Kinder des Staates/Children of the State" - Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften, 2014. Peer-reviewed {http://www.univie.ac.at/oezg/}. [ISBN 978-3-7065-5334-6]

Michaela Ralser (mit Dietrich-Daum, Elisabeth; Elisabeth Lobenwein): Medikalisierte Kindheiten. Heft Nr. 16, Virus. Beiträge zur Sozialgeschichte der Medizin, Wien 2018 [im Erscheinen]. [ISBN 978-3-96023-203-2]

Ulrich Leitner (Hg.), Corpus Intra Muros. Eine Kulturgeschichte räumlich gebildeter Körper (Edition Kulturwissenschaft 74), Transcript, Bielefeld 2017.

Ulrich Leitner, Ego-Dokumente als Quellen historischer Bildungsforschung. Zur Rekonstruktion von Bildungsbiographien ehemaliger weiblicher Heimkinder der Fürsorgeregion Tirol und Vorarlberg, in: BIOS - Zeitschrift für Biographieforschung, Oral History und Lebensverlaufsanalysen (Biographie und Geschichte in der Bildungsforschung) (hg. von Ulrike Mietzner, Ruprecht Mattig und Ingrid Miethe), Heft 2/2016, 252-265.

Ulrich Leitner, Der Blick durch das Schlüsselloch. Raum-Schaffen zwischen Erinnerung und ihrer narrativen Erfassung, in: Engel, Birgit; Peskoller, Helga; Westphal, Kristin; Böhme, Katja; Kosica, Simone (Hg.): räumen – Raumwissen in Natur, Kunst, Architektur und Bildung (Räume in der Pädagogik), Beltz Juventa: Weinheim 2018, 196-213.

Ulrich Leitner, Die Materialität pädagogischer Prozesse am Beispiel der Fürsorgeerziehung in einem ländlich pluriethnischen Raum, in: Glaser, Edith; Koller, Hans-Christoph; Thole, Werner; Krumme, Salome (Hg.): Räume für Bildung – Räume der Bildung. Schriften der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft, Barbara Budrich: Opladen 2018, 394-405.

 

 

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