Ästhetische Bildung

Der erst im 18. Jahrhundert entstandene Begriff der ästhetischen Bildung ist eine Antwort auf die alte Frage nach den Wirkungen des Schönen und verdankt sich historisch der Befreiung von den heteronomen Zwecksetzungen der Moral und der begrifflichen Erkenntnis.

Diese Befreiung wirkt sich auch auf die Position des Subjekts aus: Es ist Subjekt einer ästhetischen Erfahrung, soweit es Bildungsprozesse hervorbringt und gestaltet. Gleichzeitig findet es sich aber immer auch als Teil eines Kontextes oder Gegenstandes von einem Gegenüber vor, dem es sich erfahrend überlässt und worüber es nicht vollständig verfügt. Ästhetische Erfahrung ist daher nicht nur eine aktive Leistung im Sinne des Erforschens, Erkundens, Gestaltens oder Analysierens von Welt- und Selbstverhältnissen, sondern es ist immer auch eine „Leistung“ im passiven Sinne des sich Einlassens, des Widerfahrens und Gewahrwerden, der Berührung, des Affekts, Gefühls und des Nicht-Verstehens.

Auf die Abstraktheit des wissenschaftlichen Denkens und Arbeitens bezogen bedeutet das, dass neben der rein kognitiven Ausrichtung auch die körperlich-sinnliche und situativ-szenische Wirklichkeit und Praxis zu berücksichtigen ist und dadurch eine Verbindung zu dem hergestellt wird, was allem Wahrnehmen, Erinnern, Begreifen und Verstehen zu Grunde liegt. Forschungen zur ästhetischen Bildung und Erfahrung sind somit Beiträge zu den Grundlagen des menschlichen Lebens und gehören mithin zu den Grundlagen des Faches (vgl. Peskoller, Helga: Prekäres Gleichgewicht. in: Baitello, Norval/Wulf, Christoph (Hg.): Emotion und Imagination. Anna Blum: Sao Paulo 2012 (in Druck); dies.: Berührung. in: Bilstein, Johannes (Hg.): Rührung – Berührung. Athena: Oberhausen 2012 (in Arbeit); dies.: 180°. Svolte del Sublime. 180°. Wendungen des Erhabenen. In: Bella Vista. Visioni della montagna da Segantini a Weinberger. Schöne Aussicht. Der Blick auf die Berge von Segantini bis Weinberger. Katalog zur Ausstellung in KunstMeran (14.11.2002-9.3.2003), Folio: Wien/Bozen 2002, 140-165; dies.: Wand-Bild. In: Fröhlich, Volker; Stenger, Ursula (Hg.): Das Unsichtbare sichtbar machen. Bildungsprozesse und Subjektgenese durch Bilder und Geschichten. Juventa: Weinheim/München (Beiträge zur pädagogischen Grundlagenforschung) 2003, 141 – 155; dies.: Die Kunst der Berührung. in: dies.: extrem. Böhlau: Wien/Weimar/Köln 2001, 119-132).

Diese allgemeine Sicht auf das Thema soll nun auf drei Felder exemplarisch bezogen werden. Das erste Feld ist die Universität als Ort der Grenze und des Übergangs. An diesem Ort werden nicht nur Theorien und Methoden angeeignet sowie eine moralische, politische und wirtschaftliche Grundorientierung erworben, sondern auch ein Gesamt-Habitus des Lebens ausgeprägt, der die Bildung des Geschmacks ebenso wie das Ausmaß und die Formen der Gestaltung und Selbstbildung betrifft. Wer an der Universität studiert, erlebt sich auch und vor allem in der Auseinandersetzung mit den eigenen und den Produkten und Werken anderer, was beides – Erfahrungen von Sicherheit, Ganzheit und Abschluss und Erfahrungen von Unbestimmtheit, Abbruch und Zerrissenheit – beinhaltet. Eine Antwort seitens der Lehre wäre z.B. das Erproben neuer Darstellungs- und Vermittlungsformen, die untrennbar mit der Forschung verbunden sind und die Bedingungen der Produktion von Wissen konsequent mitdenken. Wenn zum Schluss das Widerstrebende dann doch noch zu einer Handlungs- und Erlebniseinheit zusammen zu führen wäre, dann allein unter der Perspektive, dass der Prozess und die Gestalt nicht exakt geplant und im Ergebnis nur begrenzt kalkulierbar ist (vgl. dazu die in diversen Lehrveranstaltungen hergestellten Video- und DVD - Produktionen wie „Ästhetische Praktiken in Lebensläufen“ 2008, „vita beata“ 2008, „Historische Anthropologie“ 2007, „Körper bilden“ 2007, „Seelen  formen“ 2006; „Zeitbilder/Bildungszeit“ 2000; „Auf geht's“ 1991; „sagenhaft“ 1990; „AUF und dann?“ 1990; „Warten“ 1990; „gesalzen“ 1990; „Nichts zu lachen. Fragmentarisches zum LebensRaum Uni“ 1990; „unverdaulich - ein kleiner Leerfilm“ 1990).

Das zweite Bezugsfeld ist der Berg- und Extremsport. Er findet in der Regel am Rande der Kultur, in der Natur statt. Diese räumliche Absonderung erschwert zusätzlich die Plan- und Kalkulierbarkeit und erhöht den Druck nach Rechtfertigung. Dadurch drängt die Frage nach der Urteilsbildung in den Vordergrund. Sicherheit gelangt in ein Urteil aber weniger durch die Trennung als vielmehr wegen der Verbindung von sinnlichen und rationalen Vermögen. Dieses Zusammenwirken und Ineinandergreifen erzeugt u.a. Zustände intensiver Präsenz, die in den üblichen Kategorien von Körper/Geist sich nicht fassen lassen. Erst wenn diese Dichotomie in sich zusammenbricht, kann im Vollzug dieser Praktiken außer Gewohnheit sich eine maximal mögliche Sicherheit einstellen. In dieser starken Präsenz tritt genau genommen jedoch nichts Außergewöhnliches in Erscheinung, sondern durch sie kann etwas durchaus Gewöhnliches erinnert werden, nämlich die Eigenart des Menschen, embodied mind zu sein (vgl. Peskoller, Helga: Das Andere der Stadt. In: Bilstein, Johannes (Hg.): Kultur – Raum - Stadt. Athena: Oberhausen 2012 (in Arbeit); dies.: Außer Gewohnheit. Subjektive Ent- und Absicherung in extremen Lebenslagen. in: Wolf, A. Maria/Rathmayr, Bernhard/Peskoller, Helga (Hg.): Konglomerationen – Produktion von Sicherheiten im Alltag. Theorien und Forschungsskizzen. transcript: Bielefeld 2009, 199-219; dies.: Augenblicke unmöglicher Freiheit. in: Helga Peskoller/Ralser, Michaela/Wolf, Maria A. (Hg.): Texturen von Freiheit. iup: Innsbruck 2007, 53-77; dies.: Der Sprung. in: Bilstein, Johannes/Winzen, Matthias/Wulf, Christoph (Hg.): Spiel, Spiele, Spielen. Pädagogisch-anthropologische Annäherungen. Beltz Wissenschaft: Weinheim/Basel/Berlin 2005, 209-216; dies.: extrem. in: extrem. Böhlau: Wien/Weimar/Köln 2001; dies.: BergDenken. Eine Kulturgeschichte der Höhe. Eichbauer: Wien 1999, 3. Aufl.).

Das dritte und vorläufig letzte Bezugsfeld ist die Kunst im Verhältnis zur Natur und im Sinne der performativen Hervorbringung von Materialität. Im Mittelpunkt steht die Frage nach den Bedingungen, Möglichkeiten, Grenzen und Wirkungen ästhetischer Erfahrung. Als Gabe, die gibt und nimmt und als Schwellenerfahrung, die zu Transformationen führen kann, drängt sich über die ästhetische Erfahrung noch einmal die allgemeine Frage nach dem auf, was heute Erfahrung ist und sein könnte. Erfahrung versuchsweise verstanden als ein komplexes Geschehen, das die Übergänge von sinnlichem und rationalem Vermögen organisiert, den Körper als Medium und Fundament der Erkenntnis nutzt und sich konsequent um Darstellung bemüht (vgl. Peskoller, Helga: Erfahrung. in: Bilstein, Johannes/Peskoller, Helga (Hg.): Erfahrung – Erfahrungen. Pädagogisch-anthropologische Aspekte Budrich: Opladen / Farmington Hills 2012 (in Arbeit); dies. gem. mit anderen: Klettern bildet – 3 Versuche. in: Spannring, Reingard/ Arens, Susanne/ Mecheril, Paul (Hg.): bildung – macht – unterschiede. iup: Innsbruck 2011, 153-174; dies.: vermessen. in: Schuhmacher-Chilla, Doris (Hg.): Maß oder Maßlosigkeit. Kunst und Kultur in der Gegenwart. Athena: Oberhausen 2007, 81 – 92; vgl. auch die Kunst-Forschungsprojekte wie z.B. „Ein Abdruck von St. Antönien“, 2008-2014; „Biwak“, 2002-2005; „Stadt – Kultur“, 1991/92 oder „Arbeit – Freizeit“, 1985/86).


Helga Peskoller