FORSCHUNGSWERKSTATT: TEXT – KOKONSTRUKTION – TEXT mit PAUL MECHERIL – Professor im Arbeitsbereich Migration und Bildung am Institut für Pädagogik der Universität Oldenburg am 19./20. April 2016 am Institut für Erziehungswissenschaft

Die qualitative Untersuchung von Text-, Film und Bildmaterial, das in Forschungsprozessen erzeugt oder gesammelt wird, ist eine interpretative Forschung. Die Logik dieses Forschungstyps bringt es mit sich, dass Kommunikationsprozesse – faktische (z.B. in Interpretationsgruppen) und auch vorgestellte („Was will mir das Material sagen?“) – eine große Bedeutung für das Generieren von Erkenntnissen haben. Vor diesem Hintergrund wird in interpretativen Ansätzen ein besonderes Augenmerk auf kommunikative Räume zur Auseinandersetzung mit dem jeweils untersuchten Material gelegt – auf Räume zur Erprobung von Lesarten, ihrer Modifikation und Sicherung, zur Thematisierung methodologischer und methodischer Fragen. Qualitative Forschung ist auf die Herstellung und institutionelle Sicherung solcher Erprobungs- und Reflexionsräume angewiesen.

 

Die Forschungswerkstatt Text –Konstruktion-Text stellt einen solchen Zusammenhang dar.

 

Kennzeichen der Forschungswerkstatt  ist die Vielfalt nicht nur der möglichen, von den Teilnehmer/innen eingebrachten Themen, sondern auch der disziplinären Perspektiven (Erziehungswissenschaft, Soziologie, Geschichte und Politikwissenschaften u.a.) sowie der gewählten Methoden bzw. Materialien (Biographieforschung, Ethnographie, Diskursanalyse; Interviews, Gruppendiskussion, Beobachtungsprotokolle u.a.).

 

Innerhalb dieses Rahmens wird es darum gehen, einen Forschungsstil vorzustellen und auch zu erproben,  der besondere Aufmerksamkeit für die unterschiedlichen „Hinsichten“ pflegt, mit denen Texte (empirisches Material und Interpretationstexte) bearbeitet werden, der nicht zuletzt durch zwei Aspekte gekennzeichnet ist:

 

* die systematische Reflexion der eigenen interpretativen Praxis im Hinblick auf ihre Voraussetzungen

   (Interessen, Vorannahmen, theoretische Modelle usw.) und

* ein Verständnis von Interpretation als Ko-Konstruktion.

 

Die Idee der Ko-Konstruktion betrifft das Verhältnis zwischen einem „empirischen“ Text und den dazu produzierten interpretativen und theoretischen Texten. Diese sind mit Alfred Schütz als „Konstruktionen zweiten Grades“ zu verstehen. Der Begriff der Ko-Konstruktion reflektiert aber deutlicher als der Schützsche Ansatz die wechselseitige Vermittlung und Dynamik zwischen dem empirischen Material (und den sich darin spiegelnden alltagsweltlichen Konstruktionen) und den im Forschungsprozess produzierten „Konstruktionen zweiten Grades“. Letztere sind keine quasi-naturalistischen oder „linearen“ Rekonstruktionen, sondern unter bestimmten Hinsichten konstruierte Lesarten, die in der kommunikativen Interpretationspraxis herausgearbeitet, bzgl. ihrer Voraussetzungen reflektiert und an bestimmten Kriterien im Hinblick auf Plausibilität und Güte betrachtet  werden.

 

In diesem Workshop wollen wir – an exemplarischem, von Teilnehmenden eingereichtem Material – das Verhältnis von Text, „Interpretationshinsichten“ und Ko-Konstruktionen praktisch ausloten und methodologisch reflektieren.

(Paul Mecheril)

https://www.uibk.ac.at/geschlechterforschung/geschlechterforschungprofil/migrationsforschunghome.html