Lebensversicherungen - das Geschäft mit dem Tod

Wie moralisch ist der Markt für Lebensversicherungen und erhöht der Abschluss einer solchen die Wahrscheinlichkeit früher sterben zu müssen?

Sommersemester 2022: Martin Consolini und Zeljka Smiljanic

 

Egal welcher Tätigkeit sie nachgehen, Menschen handeln um ihr Wohlergehen zu maximieren. Diese Annahme bildet den ökonomischen Ansatz für menschliches Verhalten und gilt unabhängig davon welche Güter auf dem Spiel stehen (3). In diesem Sinne verwandeln Lebensversicherungen unsere Sterblichkeit in eine Handelsware und setzen falsche Anreize. Die Aussicht auf Profit durch das Ableben anderer Menschen, verleitet unweigerlich manch einen zu unmoralischem Handeln.

Das beste Beispiel ist der Fall von Michael Malloy – alias Mike the Durable und Iron Mike – ein ehemaliger Feuerwehrmann der Anfang des 20. Jahrhunderts in New York lebte. Er litt unter Alkoholismus, war obdachlos und von den falschen Menschen umgeben. Anfang 1933 beschlossen fünf Bekannte von Malloy mehrere Lebensversicherungen auf ihn abzuschließen und seinen Tod herbeizuführen. Der Plan war Malloys Alkoholsucht auszunutzen und ihm so lange Alkohol nachzuschenken bis er an einer Alkoholvergiftung starb. Einer der fünf Konspiratoren war Barbesitzer welcher Malloy unbegrenzten Kredit in seiner Bar gab, was dieser auch ausgiebig ausnutzte. Nachdem er allerdings regelmäßig bis zur Ohnmacht trank und immer wiederkehrte, beschloss die Gruppe zu anderen Mitteln zu greifen. Es ging soweit, dass sie verschiedenste normalerweise tödliche Cocktails mischten und ihm auch giftige Lebensmittel, wie ein Sandwich mit verdorbenem Fisch, Gift und Teppichnägeln unterjubelten. All dies nahm Malloy zu sich ohne daran zu sterben. Frustriert mit den hohen Kosten ihrer gescheiterten Versuche, beschloss die Gruppe schließlich Malloy erfrieren zu lassen. Nachdem er wieder einmal vom Alkohol benommen ohnmächtig wurde, trug die Gruppe ihn in einer Nacht mit -26°C nach draußen und schüttete Wasser über seinen Oberkörper. Zu ihrem Überraschen war Malloy am nächsten Tag nichtsahnend wieder in der Kneipe. Um dem Ganzen ein Ende zu setzen, beschlossen sie zu roher Gewalt zu greifen. Michael Malloy wurde mit 72 km/h von einem Taxi überfahren, doch auch diesen Unfall überlebte er. Am 22. Februar 1933 verlor Malloy abermals das Bewusstsein in der Bar und die Gruppe steckte ihm einen Schlauch in den Mund, verbunden mit dem Stadtgas-Anschluss. Malloy starb schließlich an einer Kohlenstoffmonoxidvergiftung und die Täter kassierten die Lebensversicherungen. Einige Zeit später wurden sie allerdings gefasst und verurteilt (1)(2).

Dieser Fall ist wohl einer der bizarrsten wenn es um Versicherungsbetrug geht. Mit dem Gedanken schnelles Geld zu machen und das eigene Wohlbefinden zu verbessern, nahmen die fünf Täter einen unerwartet hohen Aufwand und damit verbundene Kosten auf sich. Das beständige Gefühl kurz vor dem Ziel zu sein, ließ sie nicht von ihrem Vorhaben ablassen. Dieser Umstand macht nur allzu deutlich wie die Vorsorge für den Todesfall, als wohlgemeinte Absicherung der hinterbliebenen Familie, zu einem monetären Anreizsystem wurde und den Markt moralisch in Frage stellte (4).

Ein anderer Ansatz, welcher dazu führte auf einen raschen Tod der versicherten Person zu hoffen, anstelle von ihn selbst herbeizuführen, fand sich in den 1980ern während der AIDS-Epidemie. Zu dieser Zeit war es üblich die eigene Lebensversicherung an Investoren zu verkaufen, wenn der Arzt ein vorzeitiges Ableben diagnostizierte. Der Gedanke der Betroffenen war, auf diese Weise an Geld zu kommen um Behandlungsrechnungen zu bezahlen oder in der Lage zu sein, sich die verbleibende Zeit angenehm gestalten zu können. Die Käufer sahen in diesem Handel ein profitables Investment, welches AIDS-Kranke zu Anlageobjekten machte. Voraussetzung dafür war allerdings, dass die versicherte Person auch stirbt wie erwartet. Ist dies nicht der Fall und der Betroffene lebt länger, so sinkt der Profit
der Investoren mit jedem weiteren Lebensjahr. Folglich ergibt sich das moralische Problem, dass dieses Geschäft auf Wetten auf den Tod basiert, die den Anlegern ein Interesse am baldigen Ableben der Menschen geben, deren Policen sie kaufen (3).

Die Entwicklung dieses Marktes für Lebensversicherungen mag darauf hinweisen wie unmoralisch Märkte sein können. Dennoch muss man sich im Klaren werden, es sind nicht die Märkte unmoralisch. Vielmehr sind es die Marktteilnehmer und -handlungen welche die moralischen Verfehlungen begründen (5). Mit der Vermarktung des Todes wurde ein Wertesystem verletzt, das die Unantastbarkeit des Lebens und seine Unbezahlbarkeit anprangert (3).

Quellenverzeichnis

(1) Doctor and Undertaker Held in ‘Murder Trust’, The Brooklyn Daily Eagle, 12 Mai 1933, p. 1. Online verfügbar unter: https://web.archive.org/web/20161226100602/https://www.newspapers.com/clip/2057969/doctor_and_undertaker_held_in_murder/ letzter Zugriff 25.05.2022

(2) Iron Mike Malloy: The Donegal man they tried nine times to kill, The Journal, 26 Dezember 2015, Online verfügbar unter: https://web.archive.org/web/20161226143925/http://www.thejournal.ie/mike-malloy-donegal-bronx-murder-trust-prohibition-depression-alcohol-2410813-Dec2015/ letzter Zugriff 25.05.2022

(3) Sandel, M. J. (2012). Was man für Geld nicht kaufen kann: Die moralischen Grenzen des Marktes, Ullstein eBooks

(4) Arnold, R. (2021). Kriminalität und Versicherung, Duncker & Humblot, p. 140ff

(5) Fink, J. (2020, 14. Dezember). Markt und Moral. Philosophie.ch. https://www.philosophie.ch/beitraege/highlights/markt-und-moral

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