Der Versuch, Putin zu verstehen

In einer einfachen Welt: War der Kriegseintritt Russlands rational? - eine spieltheoretische Analyse

 

Sommersemester 2022: Karin Prader, Johannes Thun und Mona Schwarzenböck

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Niemand konnte das Thema Ukrainekrieg in den vergangenen Monaten ausblenden. Die grausamen Taten, die in der Ukraine Tag für Tag vor sich gehen erschüttern die gesamte Welt. Zunehmend wird der Kriegseintritt Russlands genauer hinterfragt und es wird vor allem über das strategische Denken und das Vorgehen von Russland sowie über die darauffolgende Reaktion der NATO diskutiert (RND, 2022).

Dies führt uns zu folgender Forschungsfrage:

War der Kriegseintritt Russlands rational?

Im weiteren Verlauf des Blogbeitrags soll diese Frage mithilfe eines Spielbaums spieltheoretisch erörtert werden. Diese Darstellung soll die gegenseitige Abhängigkeit der Entscheidungen beider Parteien veranschaulichen: Eine Entscheidung beeinflusst die Entscheidung des anderen Akteurs. Anhand der Spieltheorie wird somit versucht, jedem Akteur in einer wechselseitigen Entscheidungssituation aufzuzeigen, wie er das eigene Interesse am besten verfolgen kann. Die Frage nach Rationalität ist in den meisten Situationen jedoch sehr schwer zu beantworten (Amann, 1999). Der Spielbaum demonstriert insbesondere, welche Konsequenzen eine gewählte Strategie für beide Parteien mit sich bringt, was anhand des daraus resultierenden Nutzens verdeutlicht wird (Kleine, 1996).

Mit Hilfe des Spielbaums in Abbildung 1 sollen die Aktionen und Reaktionen der zwei Parteien, Russland und Nato, in Verbindung mit dem Kriegseintritt Russlands dargestellt werden. Dabei steht die Zahl oben in der Klammer für den Nutzen Russlands und die darunterliegende Zahl für den Nutzen, den die Nato aus der jeweiligen Situation zieht.

Abbildung 1: Spielbaum, Ausgangssituation

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Einmarschieren Russlands in die Ukraine

Hätte sich Russland dagegen entschieden, in die Ukraine einzumarschieren, befände sich der Nutzen von Russland im leicht negativen Bereich (-1). Dies lässt sich damit begründen, dass sich an der gesamten Situation, mit der Russland anscheinend unzufrieden war, nichts geändert hätte. Die Situation und der Nutzen der Nato bliebe unverändert und läge daraus resultierend bei 0. Die spieltheoretische Darstellung wäre somit beendet.

Reaktion der Nato und Gegenreaktion Russlands

Sollte es zu einem Einmarsch Russlands in die Ukraine kommen, hängt die weitere Entwicklung des Nutzens für beide Parteien zunächst von der Reaktion der Nato ab.

Verhängung von Sanktionen

Eine Entscheidungsalternative der Nato ist die Verhängung von Sanktionen. Hier werden aus Vereinfachungsgründen auch Sanktionen der EU gegen Russland miteinbezogen, da diese in weiterer Folge zu ähnlichen Nutzen führen. Die Sanktionen umfassen exemplarisch sowohl Verbote bezüglich des Exports von Gütern nach Russland, als auch des Imports aus Russland, was insbesondere Eisen- und Stahlerzeugnissen sowie Kohle und fossile Brennstoffe betrifft (WKO, 2022). Darüber hinaus sollen auch finanzielle Sanktionen erlassen werden, wie unter anderem ein Verbot jeglicher Sanktionen mit der Zentralbank (WKO, 2022) und der Ausschluss einiger russischer Banken aus dem Banken-Kommunikationsnetzwerk SWIFT (Tagesschau, 2022). Dies führt zu einer enormen wirtschaftlichen Einschränkung Russlands, weshalb ein negativer Nutzen von -1 bzw. -2 vorliegt, unabhängig von der weiteren Reaktion Russlands. Sollte sich das Land für Gegenreaktionen entscheiden, so zieht die Nato einen größeren negativen Nutzen von -2 im Vergleich zu Russlands Nutzen von -1. Beide Länder leiden unter den wirtschaftlichen Folgen der Sanktionen, allerdings ist Russland in der tendenziell stärkeren Position. Wenn sich Russland hingegen zurückzieht, ist die Situation umgekehrt, weshalb in diesem Szenario auch Russland den geringeren Nutzen hat.

Umfangreiche Waffenlieferungen

Die erste militärische Möglichkeit die Ukraine im Kampf gegen Russland zu unterstützen, ohne jedoch in den Krieg einzutreten, ist die Lieferung von Waffen. Viele Nato-Länder haben bereits Waffen und Munition in die Ukraine geliefert (Lüdeke, 2022). Durch die Versorgung ukrainischer Streitkräfte mit modernen Waffen können sich diese besser gegen die russischen Truppen zur Wehr setzen. Die militärische Relevanz dieser Lieferungen hängt natürlich stark von ihrem Umfang ab. Auf die jedoch relativ umfangreichen Waffenlieferungen hat Russland zwei mögliche Reaktionen: Zunächst könnten sie sich angesichts der schwerwiegenden Verluste aus der Ukraine zurückziehen. Wir unterstellen für dieses Szenario einen Nutzen von -2 für Russland und -1 für die Nato. Dieser ergibt sich aus den hohen Kosten für Waffenlieferungen für die Nato-Staaten und den Gesichtsverlust für Russland aufgrund der militärischen Pleite. Alternativ kann Russland gegen die stärkere Gegenwehr vorgehen und die Angriffe intensivieren, was zu schweren Verlusten auf beiden Seiten führen würde (Friedrichs, 2022). Für dieses Szenario unterstellen wir aufgrund dessen einen Nutzen von -3 auf beiden Seiten.

Flugverbotszone/Kriegseintritt der Nato

Besonders zu Beginn des Konflikts wurde von ukrainischer Seite eine Flugverbotszone über der Ukraine gefordert (Tagesschau, 2022). Um eine solche Flugverbotszone durchzusetzen wäre jedoch ein direktes eingreifen von Nato-Truppen notwendig, was mit einem Kriegseintritt gleichzusetzen wäre (ntv, 2022). Dieses Vorgehen der Nato könnte verschiedene Reaktionen Russlands zur Folge haben. Würde Russland weiterhin einen konventionellen Krieg führen, würde es diesen höchstwahrscheinlich verlieren, es würde jedoch beträchtliche Verluste auf beiden Seiten geben. Wir unterstellen für diesen Fall einen Nutzen von -4 für die Nato und -5 für Russland. Alternativ wäre ein nuklearer Erstschlag und ein daraus resultierender Atomkrieg die wahrscheinlichere Reaktion, wenn sich Russland zu sehr in die Enge gedrängt fühlt. In dieser Art von Krieg gibt es keine Gewinner und wir nehmen einen Nutzen von -10 für beide Seiten an.

Lösung durch Rückwärtsinduktion, Fazit

Nachdem nun die verschiedenen Entscheidungsalternativen beider Akteure in einer sehr vereinfachten Welt dargestellt wurden, stellt sich die Frage, ob der Kriegseintritt Russlands aus spieltheoretischer Sicht rational war. Hierzu kann der Spielbaum durch Rückwärtsinduktion gelöst werden, wobei die einzelnen Schritte in Abbildung 2 veranschaulicht werden.

Abbildung 2: Lösung des Spielbaums durch Rückwärtsinduktion

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Man beginnt bei dem letzten Entscheidungspunkt des Spielbaums – in unserem Fall bei der Gegenreaktion Russlands – und bestimmt den jeweils optimalen Zug des Akteurs (Berger, 2015). Wenn die Nato beschließt Sanktionen zu verhängen, ist es für Russland optimal Gegensanktionen zu verhängen, da der Nutzen von -1 größer ist, als der Nutzen von -2, der bei einem Rückzug eintreten würde. Bei der Entscheidungsalternative „Waffenlieferung“, würde sich Russland für einen Rückzug entscheiden und wenn die Nato in den Krieg eintritt, zieht Russland einen größeren Nutzen aus dem verlorenen Krieg, als aus einem Atomkrieg.

Im nächsten Schritt wird die optimale Entscheidung am zweiten Knotenpunkt – bei der Reaktion der Nato – bestimmt. Hier wird die vorher bestimmte, optimale Gegenreaktion Russlands als gegeben angenommen (Berger, 2015). Exemplarisch ist sich die Nato bei der Entscheidung für die Sanktionen im Klaren darüber, dass Russland mit Gegensanktionen reagieren wird und der Nutzen der Nato demnach bei -2 liegt. Unter dieser Annahme, zieht die Nato mit -1 den größten Nutzen aus der Waffenlieferung, da dieser -2 bei Sanktionen und -4 bei Kriegseintritt übersteigt.

Der letzte Knotenpunkt ist die Entscheidung Russlands in die Ukraine einzumarschieren oder nicht einzumarschieren. Auch hier wird der weitere Verlauf der Entscheidungen als gegeben angenommen, sodass Russland zwischen „Nicht einmarschieren“ und „Einmarschieren – Waffenlieferung – Rückzug“ wählen kann. Es wäre aus nutzenmaximierender Sicht demnach optimal nicht in die Ukraine einzumarschieren – was sich sehr wahrscheinlich mit dem Bauchgefühl der meisten LeserInnen deckt.

Im Rahmen dieses vereinfachten spieltheoretischen Gedankenspiels kann der Einmarsch Russlands in die Ukraine abschließend als irrational beurteilt werden, da der endgültige Nutzen für beide Akteure höher gewesen wäre, wenn Russland den Krieg nicht begonnen hätte. Angesichts der zehntausenden Toten und der generellen dramatischen Folgen für die Ukraine und auch weltweit, kann man dies auch außerhalb des Spielbaums nur bestätigen.

 

Literaturverzeichnis
Amann, E. (1999). Interaktive Entscheidungstheorie. In: Evolutionäre Spieltheorie. Studies in Contemporary Economics. Physica, Heidelberg. https://doi.org/10.1007/978-3-642-58656-9_2

Friedrichs, H. (28. April 2022). Zeit. Abgerufen am Mai 2022 von Zeit Online:
https://www.zeit.de/politik/ausland/2022-04/waffenlieferung-ukraine-krieg-westen

Kleine, A. (1996). Spieltheoretische Aspekte der Principal-Agent-Theorie. In: Entscheidungstheoretische Aspekte der Principal-Agent-Theorie. Physica-Schriften zur Betriebswirtschaft, vol 53. Physica, Heidelberg. https://doi.org/10.1007/978-3-642-52416-5_4

Lüdeke, U. (24. April 2022). focus. Abgerufen am Mai 2022 von
https://www.focus.de/politik/ausland/ukraine-krise/grosser-ueberblick-zeigt-welche-laender-die-ukraine-
mit-schweren-waffen-beliefern_id_87262420.html

RND, (2022). Großmachtspläne eines Präsidenten – Krieg ohne Grund: Ein Blick in Putins Gedankenwelt. https://www.rnd.de/politik/russlands-ukraine-invasion-worauf-sich-putins-denken-und-handeln-stuetzt-SVQJDX3NWRFVNFBLN3DD6LJKXM.html

Thomas, K. (2022). Ist die Ukraine in der Nato? Handelsblatt. https://www.handelsblatt.com/politik/international/ukraine-krieg-ist-die-ukraine-in-der-nato/28101174.html

WKO (2022). Aktueller Stand der Sanktionen gegen Russland und in Bezug auf die Ukraine. WKO. https://www.wko.at/service/aussenwirtschaft/Aktueller_Stand_der_Sanktionen_gegen_Russland_und_die_Ukrai.html

Tagesschau. (01. 03 2022). Selenskyj will Flugverbotszone. Abgerufen am 05 2022 von Tagesschau:
https://www.tagesschau.de/ausland/ukraine-flugverbotszone-103.html

Tagessschau (2022). Sanktionen gegen Russland: SWIFT-Ausschluss für sieben Banken. Tagesschau. https://www.tagesschau.de/wirtschaft/finanzen/swift-ausschluss-russland-ukraine-krieg-101.html

Tagesschau (2022). Offenbar mehr als 700 Tote in Kiews Vororten. Tagesschau. https://www.tagesschau.de/ausland/ukraine-krieg-butscha-mariupol-selenskyj-russland-101.html

Berger, U. (2015). Spieltheorie. Wirtschaftsuniversität Wien. https://www.wu.ac.at/fileadmin/wu/d/i/vw5/Downloads_VW5/Folien_Spieltheorie_Berger_neu.pdf

Bildquelle: Efrem Lukatsky, Spiegel. https://www.spiegel.de/politik/deutschland/news-ukraine-russland-krieg-saarland-wahl-corona-christian-drosten-a-5f06fd2e-f127-4c8a-a4b2-9168959325cd

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