Aber warum verbieten sie uns die Bäume?

Jurek Becker

 

Ich höre schon alle sagen, ein Baum, was ist das schon, ein Stamm, Blätter, Wurzeln, Käferchen in der Rinde und eine manierlich ausgebildete Krone, wenn`s hochkommt, na und? Ich höre sie sagen, hast du nichts Besseres, woran du denken kannst, damit sich deine Blicke verklären wie die einer hungrigen Ziege, der man ein fettes Grasbüschel zeigt? Oder meinst du vielleicht einen besonderen Baum, einen ganz bestimmten, der, was weiß ich, womöglich einer Schlacht seinen Namen gegeben hat, etwa der Schlacht an der Zirbenkiefer, meinst du so einen? Oder ist an ihm jemand besonderer aufgehängt worden? Alles falsch, nicht mal aufgehängt? ...Meinst du am Ende das leise Geräusch, das die Leute Rauschen nennen, wenn der Wind deinen Baum gefunden hat, wenn er sozusagen vom Blatt spielt? Oder die Anzahl an Nutzmetern Holz, die in so einem Stamm steckt? Oder du meinst den berühmten Schatten, den er wirft? Denn sobald vom Schatten die Rede ist, denkt jeder seltsamerweise an Bäume, obgleich Häuser und Hochöfen weit größere Schatten abgeben. Meinst du den Schatten?

 

Alles falsch, sage ich dann, ihr könnt aufhören zu raten, ihr kommt doch nicht darauf. Ich meine nichts davon, wenn auch der Heizwert nicht zu verachten ist, - ich meine ganz einfach einen Baum.

 

(Auszug)
Aus: Bäume, Sinnbilder des Lebens, Edition Ellert & Richter