DOC3: Die Auswirkungen prähistorischer und historischer Bergbau-Aktivitäten auf die Vegetation der Region Kitzbühel

Doktorandin

Mag.a Barbara Viehweider

 

Betreuer

Univ.-Prof. Dr. Klaus Oeggl 

Kontakt
Universität Innsbruck
Institut für Botanik
Sternwartestr. 15, A-6020 Innsbruck
Tel 0043 (0)512 507 5945

 doc3-kelchalm

  Mag.a Barbara Viehweider und Univ.-Prof. Dr. Klaus Oeggl bei der ersten Beprobung im Rahmen des DOC-team-Projektes auf der Kelchalm.
   

Einführung

Prähistorische Bergbauaktivitäten führten zu nachhaltigen Veränderungen in der natürlichen Umwelt, wenngleich extensiver als zu späteren Zeiten wie in der Antike oder im Mittelalter. Dabei gehen die Entwicklung und der Fortschritt in der Montantechnik mit Veränderungen in der Umwelt der gesamten Montanlandschaft einher. Die prägenden Faktoren, die zu einer langzeitigen Nutzung eines Erzvorkommens beitragen, sind die Qualität und die Erreichbarkeit der Lagerstätte, die Verfügbarkeit von Rohstoffen (z.B. Brennholz für den Abbau und Verhüttungsprozess) und von landwirtschaftlichen Bewirtschaftungsflächen zur Versorgung der Bergleute sowie das Vorhandensein von Märkten, und damit die Möglichkeit zum Handel (Stöllner 2003). Diese Voraussetzungen sind für den Raum Kitzbühel gegeben, der ein bedeutendes Bergbaugebiet der Ostalpen sowohl in der Bronzezeit als auch im Mittelalter bzw. der frühen Neuzeit war. Im 15. und 16. Jh. n. Chr. war Kitzbühel neben Schwaz das wichtigste Bergbauzentrum Nordtirols (Mutschlechner 1968).

Darüber hinaus repräsentiert die Kelchalm den „locus classicus“ für Almwirtschaft in Verbindung mit Bergbau. Damit bietet das Untersuchungsgebiet eine einzigartige Gelegenheit, innerhalb einer interdisziplinären Studie im Rahmen des DOC-teams der ÖAW die Zusammenhänge zwischen Vegetations- und Landnutzungsänderungen, Siedlungstätigkeit und Bergbau zu erfassen. Die biologischen Daten über die vergangene Vegetation und deren Veränderungen sollen zudem durch historische und archäologische Fakten abgesichert werden.

Ziele

Die Rekonstruktion der Auswirkungen von prähistorischem und historischem bzw. neuzeitlichem Bergbau in der Region Kitzbühel auf die Vegetation in Raum und Zeit ist Ziel dieser Arbeit. Besonderer Schwerpunkt wird auf die zeitliche und räumliche Erfassung der Anfänge der Montanproduktion und auf die Dauer der Initial-, Intensivierungs- und Rückgangsphase gelegt.

Hypothesen

Die Siedlungstätigkeit des prähistorischen und historischen Menschen wird pollenanalytisch über Landnahme-Phasen (Iversen 1941, 1956) nachgewiesen. Damit werden in erster Linie Rodungen für landwirtschaftliche Aktivitäten erfasst, was für Agrargesellschaften vom Neolithikum bis zur Industriellen Revolution hinreichend ist. Dieser Ansatz ist aber für den Nachweis von Bergbauaktivitäten nicht ausreichend, denn letztere beeinflussen die Vegetationsdecke in mehrfacher Hinsicht. Zum einen bedingt der lokale Holzbedarf für den Erzabbau eine Auflichtung der Vegetation im unmittelbaren Bereich der Lagerstätte. Zum anderen müssen die Bergleute mit Lebensmitteln und Gütern des täglichen Gebrauchs durch Überschüsse einer landwirtschaftlich organisierten Gesellschaft versorgt werden. Das führt zu Vegetations- und Landnutzungsänderungen, die durch Pollenanalysen aus Torfablagerungen von Mooren evaluiert und auch siedlungsarchäologisch durch archäologische Grabungen (DOC1 Thomas Koch-Waldner) im Raum Kitzbühel validiert werden soll.

Dabei ist wesentlich, dass diese Vegetationsveränderungen auch tatsächlich durch Bergbauaktivitäten verursacht wurden. Kardinale Aufgabe ist es daher, das palynologische Signal von Landwirtschafts- und Siedlungstätigkeiten von jenem des Bergbaus zu trennen. Zusätzlich sollen Schwermetall-Analysen aus den Torfen der palynologisch untersuchten Moore Hinweise auf die Umweltverschmutzung durch Bergbautätigkeit liefern. Derartige geochemische Untersuchungen sind bisher erfolgreich in Bergbaurevieren durchgeführt worden (Shotyk 1996, Martínez-Cortizas et al. 2002, Monna et al. 2004a, Baron et al. 2005, Jouffroy-Bapicot et al. 2007, Breitenlechner et al. 2010).

Essentiellen Anteil an dieser interdisziplinären Studie hat der historische und frühneuzeitliche Bergbau in Kitzbühel, der als Modell für die Prähistorie herangezogen werden kann. Bevölkerungszahlen, quantitative Angaben zur Versorgung der Bergleute (mit Getreide, Fleisch, Leder, Holz, etc.), Produktionszahlen der gewonnenen Erze können mit den Pollendaten korreliert werden, um den Einfluss der Bergbauaktivitäten auf die lokale und regionale Vegetation zu testen. Die diesbezüglichen historischen Daten werden von DOC2 Anita Haid im Rahmen des DOC-teams geliefert.

Alle gewonnenen Daten fließen in das Datenmodell von DOC4 Anja Masur ein. Dieses Modell mit der entsprechenden Datenbank soll die zentrale Sammelstelle aller für den Raum Kitzbühel vorliegender Daten bilden. Die verknüpften Daten der anderen DOC-team Partner schaffen neue Auswertungsmöglichkeiten und eine integrative Sicht auf das prähistorische und historische Bergbaugeschehen im Raum Kitzbühel.

Methoden

Durch die ABohrkernDOC3nalyse von Blütenstaub (Pollenanalyse) in Torfablagerungen, die sich in der Nähe von Bergbaugebieten befinden, soll die vergangene Vegetation und deren Veränderung durch den Menschen rekonstruiert werden. Dies ist möglich weil Blütenstaub (Pollen) chemisch resistent ist und sich in Torf und Seesedimenten gut erhält (Faegri & Iversen 1993).

Die Pollenpräparate werden standardmäßig auf eine Auszählquote von 1000 Baumpollen ausgezählt, um eine ausreichende Datenqualität zur Auswertung von anthropogenen Vegetationsveränderungen zu gewährleisten. Die Darstellung der Ergebnisse erfolgt in Relativ- und Pollenkonzentrationsdiagrammen. Zusätzlich zu Pollen werden auch Non-Pollen-Palynomorphe (NPP) und Mikroholzkohlenpartikel ausgezählt. Sie liefern wesentliche Hinweise zu anthropogenen Eingriffen in die Vegetation. Zur chronologischen Gliederung der Diagramme werden Radiokarbondatierungen an Torfen nach Vorliegen orientierender Pollenanalysen vorgenommen. Rezente Oberflächenproben des modernen Pollenniederschlages aus verschiedenen Vegetationseinheiten dienen als Analogon für die vergangenen Vegetationsverhältnisse.

 

Aufgeschnittener Bohrkern von der Kelchalm im Labor.

 

Literatur

Baron S., Lavoie M., Ploquin A., Carignan J., Pulido M., De Beaulieu J. L. 2005: Record of metal workshops in peat deposits: history and environmental impact on the Mont Lozère Massif, France.

Breitenlechner E., Hilber M., Lutz J., Kathrein Y., Unterkircher A., Oeggl K (2010): The impact of mining activities on the environment reflected by pollen, charcoal and geochemical analyses, Journal of archaeological science.

Faegri K. & Iversen J. 1993: Bestimmungsschlüssel für die nordwesteuropäische Pollenflora. Gustav Fischer Verlag, Jena.

Iversen J. 1941: Landnam i Danmarks Stenalder: En pollenanalytisk Undersøgelse over det første Landbrugs Indvirkning paa Vegetationsudviklingen (Dansk tekst 7-59, Engl. text 60-65). Danmarks Geologiske Undersøgelse II.række, 66, 1-68. (reprinted 1964)

Iversen J. 1956: Forest clearance in the stone age. Scientific American, 194, 36-41. German translation (1956) Neolitische Waldrodungen beleuchtet durch Pollenanalyse und Experiment. Mitteilungen der Naturforschender Gesellschaft Bern N.F., 13, 30-32.

Jouffroy-Bapicot I., Baron M. P. S., Galop D., Monna F., Lavoie M., Ploquin A., Petit C., De Beaulieu J.-L., Richard H. 2007: Environmental impact of early palaeometallurgy: pollen and geochemical analysis. Review of Palaeobotany and Palynology, 16: 251-258.

Martínez Cortizas A., García-Rodeja E., Pontevedra Pombal X., Nóvoa Muñoz J. C., Weiss D., Cheburkin A. 2002: Atmospheric Pb deposition in Spain during the last 4600 years recorded by two ombrotrophic peat bogs and implications for the use of peat as archive, The Science of the Total Environment 292, pp. 33–44.

Monna F., Petit C., Guillaumet J.-P., Jouffroy-Bapicot I., Blanchot C., Dominik J., Losno R., Richard, H., Lévêque J., Chateau C. 2004: History and Environmental Impact of Mining Activity in Cletic Aeduan Territory Recorded in a Peat Bog (Morvan, France). Environmental Science & Technology 38: 665-673.

Mutschlechner G. 1968: Das Kitzbüheler Bergbaugebiet. In: Stadtbuch Kitzbühel 2 (Kitzbühel) 11-30.

Shotyk W. 1996: Natural and anthropogenic enrichment of As, Cu, Pb, Sb, and Zn in ombrotrophic versus minerotrophic peat bog profiles, Jura mountains, Switzerland. Water Air Soil Pollut 90, pp. 375–405.

Stöllner T. 2003: Mining and Economy – A Discussion of Spatial Organisations and Structures of Early Raw Material Exploitation. Der Anschnitt, Beiheft 16: 415 – 446

 

zurück zur DOC-team Übersicht

 

small miner Schwazer Bergbuch

Nach oben scrollen