ArchäologieUniversität Innsbruck

Silex- und Bergkristallabbau

Silex mit seinen verschiedenen Varietäten (Feuerstein, Hornstein, Radiolarit)  sowie Bergkristall gehören zu den wichtigsten alpinen Rohmaterialien für die Herstellung von Werkzeugen und Geräten in der Steinzeit. Davon zeugt die große Menge an Artefakten, die der vorgeschichtliche Mensch sowohl in den Talniederungen als auch in mittel- und hochalpinen Lagen hinterlassen hat.

Um den Lebensbereich der steinzeitlichen Menschen besser verstehen zu können, ist es unumgänglich, Silexabbau- und Gewinnungsstellen in den Kontext mit Freilandstationen und Siedlungen zu stellen. Silexfunde weisen nicht nur auf einzelne Fundplätze, sondern auch auf Pfade, Jagdreviere, Transitstrecken und letztlich auf frühe Tausch- bzw. Handelsverbindungen der steinzeitlichen Jäger, Sammler und Hirten hin. Diese Anhaltspunkte spielen eine entscheidende Rolle bei der Erfassung und Rekonstruktion steinzeitlicher Kulturräume und deren Kontaktzonen mit Gruppen nördlich und südlich des Alpenhauptkammes. Die Evidenz dieser frühen Verbindungsstrecken im Alpenraum wird durch die auffällige Verteilung ortsfremder Silexrohstoffe im Untersuchungsraum deutlich.

Das hat zweifelsohne mit der Güte des Materials zu tun. Hier hat sich gezeigt, dass besonders der südalpine "Import" aus Norditalien (Monti Lessini, Monte Baldo, Val di Non) in Tirol markante Spuren hinterlassen hat. Es wäre jedoch falsch, eine gewisse Autarkie für den steinzeitlichen Siedlungsraum Tirol und Vorarlberg gänzlich zu verleugnen. Wie jüngere Untersuchungen im Lechtal am Rothornjoch, im Rofangebirge sowie „am Feuerstein“ im Vorarlberger Kleinwalsertal aufzeigen, kann von einer Nutzung lokaler Silexvorkommen seit dem Mesolithikum und einem obertägigen Abbau seit dem Neolithikum ausgegangen werden. Dies belegen zahlreiche Artefakte und Abbauspuren in den jeweiligen Untersuchungsgebieten.

Neben Silex wurde in der Steinzeit und Frühbronzezeit vor allem auch Bergkristall für die Herstellung von Geräten und Werkzeugen herangezogen. Der ebenso gut wie Silex zu bearbeitende Bergkristall findet sich in Tirol hauptsächlich im Tauernfenster. Vom Riepenkar im Zillertal, Tuxer Alpen, liegt der bislang einzige Nachweis für einen Bergkristallabbau vor. Hier steht auf 2.750 m Höhe eine große Quarzkluft an, die, wie zahlreiche Artefakte belegen, bereits in der Mittelsteinzeit zur Rohmaterialversorgung herangezogen wurde. Bergkristallfunde aus mittelsteinzeitlichen Raststellen, aber auch aus jungsteinzeitlichen und bronzezeitlichen Siedlungen, belegen die intensive Nutzung dieses Minerals in prähistorischer Zeit.

Das Kernziel der Forschungen stellt die Erschließung der geologischen und archäologischen Silex- und Bergkristalllandschaft im Untersuchungsraum dar. Das Programm beinhaltet umfangreiche Prospektionen, den Aufbau einer Lithothek und Ausgrabungen sowie die geologisch-petrographische und archäometrische Bestimmung des Materials, um Silexfunde von Lagerplätzen und Siedlungen den Rohmateriallagerstätten zuordnen zu können. So sollen Wanderbewegungen und Kulturkontakte zu benachbarten Regionen rekonstruiert werden.

Prähistorische Kupferproduktion

In der Kulturgeschichte haben technologische Errungenschaften stets die Entwicklung neuer Wirtschafts- und Sozialsysteme gefördert. Dabei hatte kaum eine Entwicklung so weitreichende Folgen wie das Aufkommen der Metallurgie. In der Frühphase, seit dem späten Neolithikum, kann die Verwendung von Metallen vor allem im Zusammenhang mit Prestigegütern wie Schmuck und Trachtbestandteilen gesehen werden. Auch Werkzeuge wurden aus dem begehrten Material hergestellt. Während es sich anfänglich noch um fast reines Kupfer handelte, rückten später Legierungen von Kupfer mit anderen Metallen (vor allem Zinn) in den Vordergrund – die Bronzen. Kupfer und Bronze wurden weiträumig verhandelt, was zu einem intensiven Austausch zwischen den Kulturgruppen führte und mit erheblichen Auswirkungen auf die wirtschaftlichen und sozialen Strukturen der prähistorischen Gesellschaft einherging.

Diese Entwicklung führte zu einem besonderen Verhältnis zwischen "Produzent" und "Verbraucher". Die Etablierung eines Wirtschaftssystems, das u.a. auf der Nutzung von Gütern aus Metall beruhte, verlangte nach stetigem Nachschub von Rohstoffen. Hierzu wurden Montanreviere erschlossen und Handelsrouten eingerichtet. Aufgrund sehr ergiebiger Kupfererzvorkommen erlangten im Ostalpenraum vor allem die Lagerstättenregionen am Mitterberg (Salzburg) sowie im Raum Kitzbühel (Kelchalm) und Schwaz-Brixlegg im Unterinntal (Nordtirol) eine zentrale Bedeutung für die Metallversorgung großer Teile Mitteleuropas.

Allgemein zeichnet sich im Laufe der Jahrhunderte eine Verlagerung von Produktionszentren mit unterschiedlicher Rohstoffbasis ab. Dies lässt sich mit Hilfe von geochemischen Analysen feststellen, über die Aussagen zur Herkunft prähistorischer Metallartefakte bzw. zu den verwendeten Ausgangserzen getroffen werden können. Ein Beispiel ist die wechselnde Nutzung der großen Kupferlagerstätten im Bereich des Unterinntales (Fahlerz), am Mitterberg (Kupferkies) und im Raum Kitzbühel (Kelchalm, Kupferkies). Während die potenziellen Rohstoffquellen für das Kupfer weitgehend bekannt sind, stellen systematische archäologische Untersuchungen zur Rekonstruktion der Produktionskette (Erzabbau, Erzaufbereitung und Verhüttung) mit Infrastruktur, Siedlungswesen, Subsistenz etc. eine zentrale Forschungsaufgabe dar, der mit mittel- bis langfristigen Strategien im Rahmen des FZ HiMAT nachgegangen wird. Dabei gilt der Datierungsfrage eine besondere Aufmerksamkeit, da die ganze Dynamik der Entwicklungen erst durch eine hochauflösende Datierung von Einzelbefunden aufgezeigt werden kann. Neben 14C-Datierungen liefern deshalb die Ergebnisse von dendrochronologischen Untersuchungen eine wesentliche Forschungsgrundlage.

In den ersten Jahren der HiMAT-Forschungen, die zu einem großen Teil vom Wissenschaftsfonds FWF sowie auch vom Tiroler Wissenschaftsfonds TWF gefördert wurden, konnten im Bergbaurevier Mauken im Unterinntal (Radfeld-Brixlegg) aus der Zeit zwischen ca. 1.200 und 700 v. Chr. (späte Bronzezeit/frühe Eisenzeit) aufschlussreiche Ausgrabungen zu den Themen Erzabbau, Aufbereitung und Verhüttung durchgeführt werden. Begleitet wurden diese Forschungen von den Projektpartnern der natur- und ingenieurswissenschaftlichen Fächer mit Untersuchungen zur Datierung (Dendrochronologie), Technologie (Erze und Hüttenprodukte), Paläo-Umwelt (Pollen- und Makroreste-Analyse), Versorgung (Tierknochen-Analyse) und mit modernen Dokumentationsmethoden (3D-Laserscanning). Inzwischen konnten die Forschungen zum bronze- und früheisenzeitlichen Fahlerzbergbau im Unterinntal im Rahmen eines vom FWF geförderten DACH-Projektes (2015 – 2018) deutlich erweitert werden und erstrecken sich nun über nahezu alle Fahlerzreviere im Schwazer Dolomit westlich und östlich des Zillertals. Hervorzuheben sind in diesem Zusammenhang die Dokumentation zahlreicher dendrodatierter feuergesetzter Gruben aus der Frühen Eisenzeit, Untersuchungen auf einem spätbronzezeitlichen Pingenfeld am Weißen Schrofen sowie auf einem Verhüttungsplatz der Späten Bronzezeit bei Rotholz. Im Rahmen des DACH-Projektes werden von den Partnern in Deutschland und der Schweiz die prähistorischen Montanreviere am Mitterberg in Salzburg (Deutsches Bergbau-Museum und Universität Bochum) und im Oberhalbstein in Graubünden (Universität Zürich, Archäologischer Dienst Chur) erforscht. Gemeinsam wird versucht, die dynamischen Entwicklungen der Kupfergewinnung über einen größeren Raum und eine über 1000 Jahre umfassende Zeitspanne aufzuzeigen, zu analysieren und zu interpretieren.

Weitere Forschungsaktivitäten der Arbeitsgruppe beschäftigen sich mit den Anfängen der Kupfergewinnung in Nordtirol im Neolithikum und in der Frühbronzezeit (z.B. im Bereich der  Höhensiedlung Kiechlberg-Thaur) sowie mit dem Raum Kitzbühel (siehe „Doc-Team Kitzbühel“) und dem Nordtiroler „Oberland“. Jährlich stattfindende Workshops zur „experimentellen Archäometallurgie“ ergänzen das Programm und haben zum Ziel, die technischen Prozesse bei der Kupfergewinnung besser zu verstehen und reproduzierbar zu machen.

Lavez

Lavez, auch bekannt als Seifen-, Speck-, Topf-, Ofenstein oder Steatit, wird seit dem Neolithikum zur Anfertigung verschiedenster Gegenstände verwendet. Hierzu gehören Schmuck, Gussformen, Spinnwirtel, Gefäße, aber auch größere Objekte wie Öfen, Taufbecken oder Torbögen. Der Terminus Lavez wird vorwiegend in der archäologischen Fachsprache im deutschsprachigen Raum verwendet, ist aber auch in Norditalien und der südlichen Schweiz gebräuchlich. Das Gestein besitzt meist die Mohshärte 1 und ist daher sehr leicht abbau- und bearbeitbar. Es ist feuerfest, wirkt isolierend und speichert sehr gut Wärme. Diese Eigenschaften sind ausschlaggebend für die häufige Verwendung dieses Naturwerkstoffes bis in die Gegenwart.

Lavez kommt weltweit vor. Die größten Lagerstätten befinden sich in Ägypten, Brasilien, Kanada, China, Frankreich, Finnland, Indien, Italien, Norwegen, Russland, Südafrika, Schweiz und der Ukraine. In Zentraleuropa sind besonders die Vorkommen in der Schweiz, in Norditalien und in Ostfrankreich bekannt. Die Lagerstätten ziehen sich entlang des Alpenbogens von Ligurien bis ins Burgenland und werden teils seit römischer Zeit in unterschiedlichem Ausmaß zum Abbau herangezogen. Die Römer waren es auch, die Lavez erstmals in wasserkraftbetriebene Drehbänke einspannten und zu vielerlei Gefäßen wie Tellern, Schalen, Schüsseln, Töpfen und Deckeln drechselten. Die Verwendung ist ebenfalls für Specksteinöfen in der Neuzeit nachgewiesen. Die Produktion von Specksteingefäßen wurde in der Schweiz erst Mitte des 20. Jahrhunderts eingestellt.

Für den Tiroler Raum gab es bislang keine Hinweise auf einen derartigen Abbau. Wie neuere Untersuchungen jedoch eindeutig aufzeigen, wurde dieses begehrte Gestein auch in den Zillertaler Alpen im Bereich des Pfitscherjochs über einen längeren Zeitraum hin an verschiedenen Stellen abgebaut. Insgesamt gelangten 15 Lavezbrüche zur Untersuchung.

Die frühesten Nachweise eines Abbaus und der Verarbeitung des Gesteins zu Gefäßen stammen aus dem 1.-3. Jahrhundert n. Chr. und zeugen von reger bergmännischer Tätigkeit bereits in der römischen Zeitperiode sowie im frühen Mittelalter um 650 n. Chr. Die sprachliche Verwandtschaft des Flurnamens Lavitzalm und des Begriffs Lavez verdeutlicht zudem einen Zusammenhang der Abbautätigkeit mit der Vergabe dieser Ortsbezeichnung.

Dieser Projektteil hat sich zum Ziel gesetzt, durch archäologische Prospektionen und Ausgrabungen und die mineralogische Charakterisierung des Rohmaterials diese Forschungslücke zu füllen, um so die Grundlage für weiterführende Untersuchungen zu schaffen. In der Folge soll es erstmals möglich sein, über die mineralogische Differenzierung der verschiedenen zum Abbau herangezogenen Lavezvarietäten aus Tirol, Norditalien und der Ostschweiz freigelegte Lavezgefäße von der Römerzeit bis in die Neuzeit den Tiroler Specksteinlagerstätten zuzuweisen.