Qualifizierungsarbeiten

Die latènezeitlichen Glasarmringe aus Nordtirol
Ein Schmuckstück als Spiegel des Handels und Handwerks

 

Diplomandin: Bianca Zerobin

 

Ob kristallklar mit goldgelbem Schimmer oder die Imitation von blauem Lapislazuli - die eisenzeitlichen Glasarmringe faszinieren die Menschen heute wie vor mehr als 2.000 Jahren.
Nordtirol gehörte zu dieser Zeit zum Bereich der Fritzens-Sanzeno-Kultur, die auch in Südtirol und dem Trentino vorherrschend war. Die damals ansässige Bevölkerung ist heute als „Räter“ bekannt und entwickelte ab der Mittellatènezeit, also ab ca. 250 v. Chr. eine besondere Vorliebe für Glasarmringe. Die beliebtesten Formen waren neben den Fünfrippenringen aus farblos-transluzidem Glas mit gelb-opaker Innenauflage die blau-opaken Ringe mit dreieckigem Querschnitt und mit kobaltblau-transluziden Verzierungen (Abb. 1). Letztere bilden sogar überregional gesehen die höchste Fundkonzentration in Nordtirol.

Glasarmringe
Abb. 1: Eine Auswahl von unterschiedlichen nordtiroler Glasarmringe (Grafik: B. Zerobin).


Rund acht Generationen lang war das extravagante Schmuckstück angesagt. Was genau der Auslöser und der spätere Zusammenbruch dieser Modeerscheinung war, bleibt im Bereich der Spekulationen. Weit verbreitet ist jedoch die Annahme, dass durch die latènezeitliche Keltenwanderung der Trend des Glasarmrings gekommen und mit den Römern wieder gegangen ist.
Damals wussten vielleicht nur wenige Spezialisten, wie man solche Ringe aus Glas hergestellt und welche Rohstoffe man dazu benötigt hat. Heute weiß es niemand mehr. Es liegt an den Wissenschaftlern und Handwerkern, mit Analysen und Experimenten das Rätsel der Glasarmringe zu lüften. Vorrangig geht es natürlich um die Schmuckstücke selbst. In zweiter Linie aber steht der Mensch. Wer stellte solches Glas und die Ringe her? Woher kam das Know-how und woher kamen die Rohstoffe? Wer handelte mit dem zerbrechlichen Gut und schlussendlich: Welche Menschen in welcher gesellschaftlichen Stellung trugen solche Schmuckstücke?
Die Region rund um Tirol fungierte dabei als wichtige Drehscheibe für Handel und Handwerkstechniken zwischen dem mediterranen Raum und dem nördlichen Europa jenseits der Alpen. Geht man einen Schritt weiter, stellt sich auch die Frage welche protoglobalen Impulse sich auf die lokale Entwicklung der Kultur und Gesellschaft des eisenzeitlichen Tirols auswirken konnten und welche Resonanz dieses Glashandwerk auf die restliche Welt hervorrief.

Ein grundlegendes Ziel der Masterarbeit war dabei, alle Glasarmringe und deren Fundorte zu erfassen, wobei eine Auswahl davon genauer dokumentiert wurde. Hiermit wollte man ein Übersichtswerk der Glasarmringe, deren Fundkomplexe, Datierung und typologische Einreihung schaffen (Abb. 2).

Glasarmringtypen
Abb. 2: Die drei Typen von Glasarmringe in Nordtirol: Rippenringe, „Tiroler Typ“ und die einfachen Ringe (Grafik: B. Zerobin).


Im Hinblick auf die Herstellung  wurde versucht, mithilfe der experimentellen Archäologie in Zusammenarbeit mit dem Archaeotechnik-Team Elsarn die Fertigungsprozesse zu rekonstruieren. Dabei war besonders wichtig, dass man anhand der Herstellungsspuren der Originalfunde auf mögliche Techniken schließt, diese in der Praxis erprobt und auf die europäisch-eisenzeitlichen Bedingungen prüft. Die Theorie des „Glasschleuderns“ als gängig angenommene Herstellungsmethode der Ringe konnte so durch die Methode mit dem zylindrischen Träger und dem Glasaufwickeln widerlegt werden (Abb. 3).

Glasarmringherstellung
Abb. 3: Das zähflüssige Glas wird auf einen zylindrischen Keramikträger aufgewickelt und verziert (Foto: F. Messner).


Der naturwissenschaftliche Teil der Arbeit befasst sich mit den Rohstoffanalysen des verwendeten Glases. Dabei wird mit verschiedenen Methoden wie der Mikro-Röntgenfluoreszenzanalyse und der Spektralphotometrie gearbeitet. Nicht nur die Zusammensetzung des Materials wurde dabei beachtet, sondern auch die Art des Glases, sowie die möglichen Lagerstätten der Rohstoffe.
Zumindest für die sogenannten „Tiroler-Ringe“ kann eine lokale Produktion in Kundl angenommen werden. Die Analysen zeigen, dass es sich bei Verzierungs- und Körperglas von der Rezeptur her um verschiedene Glasarten handelt. Vermutlich importierte man das transluzid-kobaltblaue Verzierungsglas, während das opak-graue Körperglas, welches eher einer Quarzkeramik als einem Glas ähnelt, in lokalen Werkstätten hergestellt wurde.
Aufgrund der charakteristischen Merkmale der breiten Rippenringe kann eventuell auch eine Sekundärwerkstätte im Tiroler Raum angenommen werden, in der man das importierte Glas weiter verarbeitet hat. Die transluziden Gläser, die in Nordtirol gefundenen wurden, sind anderen „keltischen“ Gläsern nicht unähnlich. Lediglich die opaken Gläser zeigen keine rechte Zugehörigkeit zu den Analyse-Ergebnissen anderer Glasarmringe aus dieser Zeit. Infolgedessen und weil man in der eisenzeitlichen Siedlung auf der Hohen Birga in Birgitz einen Rohglasbrocken gefunden hat, kann man von einer lokalen Produktion ausgehen.
Der schlussendliche Beweis einer rätischen Glaswerkstätte fehlt jedoch aufgrund des mangelnden archäologischen Befundes bis jetzt…

Nach oben scrollen