Qualifizierungsarbeiten

Siedlungsentwicklung und Kupferversorgung in der Bronzezeit Nordtirols

 

Dissertantin: Jessica Keil

Gefördert von: Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW) Logo ÖAW

 

Erze, Schlacken, Rohkupfer
Abb. 1: Kupfererze, Schlacken und Rohkupferfunde vom Buchberg bei Wiesing. (Auswahl aus Schubert 2005, 75 Abb. 51; 76 Abb. 52.)

Als Bronzezeit (ca. 2200 bis 800 v. Chr.) wird die Epoche bezeichnet, welche durch das erstmalige Auftreten und die zunehmende Nutzung der Bronzemetallurgie geprägt ist. Obgleich die Kupfererzvorkommen Nordtirols in der Bronzezeit eine europaweite Bedeutung als Rohstofflieferanten innehatten, stellt die systematische Untersuchung von Siedlungen in diesem Raum ein Desiderat dar, während Bestattungen dieser Zeitstellung schon seit Längerem Gegenstand der Forschung sind und montanarchäologische Feldforschung immerhin seit einigen Jahren – insbesondere durch das an der Universität Innsbruck beheimatete Forschungszentrum HiMAT („History of Mining Activities in Tyrol and adjacent areas – impact on environment and human societies“) – intensiv vorangetrieben wird.

Ein wesentliches Ziel des Projektes ist darum die Erforschung der Nordtiroler Bronzezeitsiedlungen und wie diese im Zusammenhang mit dem Kupferbergbau stehen.

In der Literatur werden verschiedene Thesen wie eine mit der Erschließung der Kupferlagerstätten einhergehende Landnahme in Nordtirol sowie eine Einwanderung von Bevölkerungsanteilen aus dem bayerischen Raum postuliert und auf dieser Grundlage weiterführende Szenarien hinsichtlich der bronzezeitlichen Wirtschafts- und Sozialstrukturen entwickelt. Diese mögen nicht einmal unrealistisch sein, doch sind belastbare Rückschlüsse auf Produktionsabläufe und Wirtschaftssysteme im Zusammenhang mit dem prähistorischen Bergbau in Nordtirol sowie die dahinterstehende Gesellschaft erst auf Basis einer gemeinsamen kulturhistorischen Betrachtung von Siedlungen sowie Stätten der Kupfergewinnung und -verarbeitung zu ziehen.

 

Bronzezeitliche Fundstellen in Nordtirol
Abb. 2: Eine Kartierung der bronzezeitlichen Fundstellen Nordtirols ausgehend von den „Fundberichten aus Österreich“ Bd. 1–50.
(Kartierung: J. Keil; Kartierungsgrundlage Land Tirol tirisMaps 2019.)

 

Aus diesem Grund zielt dieses von der ÖAW geförderte Dissertationsvorhaben darauf ab, ein umfassendes Register der relevanten bronzezeitlichen Fundkomplexe Nordtirols zusammenzustellen. Die Ausgangslage des Projektes bildet die Aufarbeitung der fünf jüngsten Grabungskampagnen des Bundesdenkmalamtes auf dem Buchberg bei Wiesing (nahe Jenbach im Unterinntal, Nordtirol). Der Buchberg ist als Materialgrundlage für das Projekt insofern prädestiniert, weil es sich bei dieser Fundstelle um einen mutmaßlichen Siedlungsplatz handelt, an dem nachweislich Kupfer verhüttet wurde. Die weiteren ca. 200 bronzezeitlichen Fundkomplexe aus Nordtirol sind anhand von Publikationen oder durch eigene Materialaufnahme in Museumsbeständen zu erschließen.

 

Blick auf den Buchberg
Abb. 3: Ansicht des Buchberges vom Mariahilfbergl aus und seine Lage in Tirol. (Photo: R. Lamprecht 2018; Kartierung: J. Keil; Kartierungsgrundlage Land Tirol tirisMaps 2019.)

 

Diese Fundkomplexe gilt es daraufhin mittels naturwissenschaftlicher Methoden sowie stratigraphischer und typologischer Analysen relativ- und absolutchronologisch zu datieren. Anschließend können anhand der genau datierten Fundstellen Veränderungen des Siedlungsbildes im Verlauf der Bronzezeit und in Relation zu den genutzten Kupfererzvorkommen nachvollzogen werden. Weitere Fragestellungen, die im Rahmen des Dissertationsvorhabens zumindest kursorisch zu diskutieren sein werden, betreffen die Zuordnung der nordtirolerischen Materialkultur in Bezug auf die umliegenden Bronzezeitkulturen sowie die Rolle Nordtirols als inner- sowie transalpines „Brückenland“.

Mit diesem Dissertationsvorhaben soll ein Beitrag zum besseren Verständnis der Bronze­zeit in Nordtirol und der Bedeutung dieser Region im inneralpinen sowie europaweiten Kontext geleistet werden.

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Kontakt

Jessica Keil
Stipendiatin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (DOC) am Institut für Archäologien der Universität Innsbruck Forschungszentrum HiMAT
Langer Weg 11
A-6020 Innsbruck
  +43 512 507 37511
Mail: jessica.keil@uibk.ac.at 

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Literaturauswahl

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P. Della Casa/L. Naef/R. Turck, Prehistoric copper pyrotechnology in the Swiss Alps. Approaches to site P. detection and chaîne opératoire. Quaternary International 402, 2016, 26-34.

Goldenberg/Töchterle/Oeggl/Krenn-Leeb 2012
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Grutsch/Martinek 2012
C.
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Huijsmann 1994
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Kasseroler 1959
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Keil 2018
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Reuß/Metzner-Nebelsick 2017
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Schubert 2005
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Shennan 1995
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Sperber 1977
L. Sperber, Nordtiroler Urnenfelderkultur. Unpubl. Manuskript (Innsbruck 1977).

Sperber 1987
L. Sperber, Untersuchungen zur Chronologie der Urnenfelderkultur im nördlichen Alpenvorland von der Schweiz bis Oberösterreich. Antiquitas 3/29 (Bonn 1987).

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L. Sperber, Zur Demographie des spätbronzezeitlichen Gräberfeldes von Volders in Nordtirol. Veröffentlichungen des Tiroler Landesmuseums Ferdinandeum 72, 1992, 37-74.

Sperber 2004
L. Sperber, Zur Bedeutung des nördlichen Alpenraumes für die spätbronzezeitliche Kupferversorgung in Mitteleuropa. In: G. Weisgerber/G. Goldenberg (Hrsg.), Alpenkupfer. Rame delle Alpi. Der Anschnitt Beiheft 17 (Bochum 2004) 303-345.

Stöllner/Oeggl 2015
Th. Stöllner/K. Oeggl (Hrsg.), Bergauf Bergab. 10.000 Jahre Bergbau in den Ostalpen. Wissenschaftlicher Beiband zur Ausstellung im Deutschen Bergbau-Museum Bochum und im vorarlberg museum Bregenz (Bochum 2015).

Töchterle 2012
U. Töchterle, Der Kiechlberg bei Thaur als Drehscheibe zwischen den Kulturen nördlich und südlich des Alpenhauptkammes. Ein Beitrag zum Spätneolithikum und zur Früh- und Mittelbronzezeit in Nordtirol. Unpubl. Diss. (Innsbruck 2012).

Tomedi 2015
G. Tomedi, Eliten der Früh- und Mittelbronzezeit und ihre Beziehungen zum Kup­fer­­­berg­bau der Ostalpen. In: Stöllner/Oeggl 2015, 265-271.

Tomedi/Staudt/Töchterle 2013
G. Tomedi/M. Staudt/U. Töchterle, Zur Bedeutung des prähistorischen Bergbaus auf Kupfererze im Raum Schwaz-Brixlegg. In: K. Oeggl/V. Schaffer, Cuprum Tyrolense. 5550 Jahre Bergbau und Kupferverhüttung in Tirol (Brixlegg 2013) 55-70.

Tomedi/Töchterle 2012
G. Tomedi/U. Töchterle, Der Kupferbergbau als movens für die früh- und mittelbronzezeitliche Aufsiedelung Nordtirols. In: P. Anreiter/E. Bánffy/L. Bartosiewicz/W. Meid/C. Metzner-Nebelsick (Hrsg.), Archaeological, Cultural and Linguistic Heritage. Festschrift for E. Jerem in Honour of her 70th Birthday (Budapest 2012) 587-600.

Wada 1975
K. Wada, Die bronzezeitlichen Einzel- und Depotfunde Tirols. Unpubl. Diss. (Innsbruck 1975).

Wagner 1943
K. H. Wagner, Nordtiroler Urnenfelder. Römisch-Germanische Forschungen 15 (Berlin 1943).

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