Das antike Ausculum

 

Das kleine süditalienische Städtchen Ascoli Satriano (Ausculum) liegt in Nordapulien am südlichen Rand der Ebene von Foggia über dem Flusstal des Carapelle. Nach dem heutigen Stand der Forschung kann Ascoli Satriano als typisch daunisches Zentrum mit Siedlungsgruppen auf den Anhöhen, deren Abhängen und in der Ebene und mit den mit ihnen eng zusammenhängenden Nekropolen bezeichnet werden. Viele Kenntnisse dazu resultieren aus Raubgrabungen oder zufälligen Funden. Marin schrieb 1970, dass Ascoli Satriano noch ganz zu entdecken sei und dies, obwohl bereits der Tierarzt und Heimatforscher Pasquale Rosario im 19. Jh. den Versuch unternommen hatte, aus den ihm bekannten Daten und dem zu Tage kommenden archäologischen Material eine Topographie des daunischen Ortes zu erstellen. Er vermutete zwei Siedlungsgruppen auf dem Kastellhügel und auf dem Hügel von Pompei  und eine große Nekropole in der Giarnera Piccola.

 

 

Abb. 1 Ansicht von Ascoli Satriano 

 

 

Ein Survey-Programm der Universität Bologna hat in den frühen neunziger Jahren eine Karte der archäologischen Topographie erbracht, auf der die Ergebnisse aus Lesefunden, aus Geländeeigenheiten und schließlich aus den regulären Grabungen ein vorläufig vollständiges Bild ergeben. Die Untersuchungen der Universität Bologna ergaben insgesamt zehn neolithische Fundstellen, darunter ein bereits früher angeschnittener neolithischer C - Graben auf dem Colle Serpente, weiters eine Siedlungsstelle in der Lokalität von Spavento mit Funden japygischer Keramik, die im 8.Jh.v.Chr. verlassen worden war. Für die daunische Phase vom 7. bis zum 4. Jh.v.Chr. wurden die bereits oben erwähnten Siedlungszonen deutlich, die auch das Gebiet von S .Potito mit Funden von Hüttenresten mitten im heutigen Ort einschließen. Im 6. Jh.v.Chr. wurden offensichtlich auf dem Colle Serpente, in San Rocco, in Mezzana la Terra, in Pezza del Tesoro und im Areal des alten Friedhofs diese Multifunktionsbereiche von Wohnen, Religionsausübung, Kleinlandwirtschaft und Bestatten der Toten beträchtlich erweitert und erst im 4. /3. Jh.v.Chr. als solche aufgegeben. Eine ähnliche Siedlungskontinuität vom 6. bis zum 4. Jh.v.Chr. bezeugen die Funde von Hausgerätschaften zusammen mit Grabfunden in Muscelle am Abhang des Hügels Pompei, am Fuße des Kastell-Hügels in Pozzo Locatto, wo eine Kontinuität seit der späten Bronzezeit besteht oder in der Masseria Giarnera Piccola. Für keine dieser Siedlungsgruppen gibt es Spuren einer wie immer gearteten Befestigungsanlage.

 

Wenn man versucht, die historische Entwicklung des daunischen Zentrums Ascoli Satriano darzustellen, so könnte man sie folgendermaßen definieren: im Gebiet mit Siedlungsspuren seit der neolithischen Zeit entstehen ab dem 7.Jh.v.Chr. verstreute, kleine Wohnverbände mit landwirtschaftlichen Flächen, den Weiden für die Tiere und Gräbern der Toten in unmittelbarer Nähe. Diese erweitern sich im 6.Jh.v.Chr. zu größeren Hausgruppen oder tatsächlichen Dörfern auf den Hügeln und werden schließlich im 4. /3. v.Chr. aufgegeben zu Gunsten der neuen, hellenistisch-römischen Siedlung Ausculum im Bereich der heutigen Stadt. Im 4. Jh.v.Chr. wird Ascoli ein Produktionszentrum daunischer Keramik des florealen Stils und prägt zu dieser Zeit auch eigene Münzen. 

Abb. 2 Römische Spolien im Arco di Porta Nuova - Torre dell'Orologio

 

In die Geschichtsschreibung tritt Ausculum mit der Pyrrhus-Schlacht von 279 v.Chr. ein, über die Plutarch, Dionysius von Halikarnasss und Zonaras ausführlich berichten. Weitere Quellen erwähnen Ausculum im Zusammenhang mit den Bundesgenossenkriegen und  Koloniegründungen. Unter den zahlreichen römischen Belegen wie Grabsteinen, Mauerresten oder Spolien  stechen vor allem die dreibogige, noch intakte Brücke über den Fluss Carapelle, die beiden Meilensteine von der Via Herdonitana, einer Abzweigung der Via Appia Traiana und die Reste einer spätrepublikanischen Domus bei S. Potito hervor.

 

Abb. 3 Römische Brücke über den Carpelle

 

Die archäologische Forschung fasste nach den ersten, wertvollen Ansätzen von Pasquale Rosario nach der Mitte des 20. Jhs. (1965/66) mit Ausgrabungen der Soprintendenza della Puglia in Ascoli Fuß, nachdem schon seit Jahrzehnten von Raubgräbern gehobenes oder zufällig zu Tage gekommenes Material aus daunischen Gräbern die örtlichen, privaten Sammlungen bereicherte oder im Kunsthandel verschwunden war. Durch diese Praxis sind unzählige Befunde, in der Hauptsache Gräber mit ihren Inventaren, für eine systematische Erforschung verloren.

 

 

 


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Für den Inhalt verantwortlich: Florian MÜLLER, Astrid LARCHER - Institut für Archäologien - Innsbruck 2006