Karl Stadlers Vermächtnis

Karl Rudolph Stadler ist am 7. Juli 1987 im 74. Lebensjahr gestorben.
Karl Stadler war Wiener. Und er war politisch engagiert. Schon in der (illegalen) Opposition gegen die Diktatur des autoritären Ständestaates aktiv, zwang ihn der Nationalsozialismus in das britische Exil. Dort konnte er seine Studien der Anglistik, Germanistik und Geschichte abschließen und eine Karriere an der Universität Nottingham beginnen. Er war "Senior Lecturer", als er nach Österreich zurückgeholt wurde - spät, aber doch. Zunächst Leiter des Wiener Instituts für Entwicklungsfragen, wurde er 1968 Professor und Vorstand des Instituts für Neuere Geschichte und Zeitgeschichte an der Universität Linz. Dort baute er auch das Ludwig Boltzmann-Institut für Geschichte der Arbeiterbewegung auf. Stadlers Publikationen und die Publikationen der von ihm in beiden Instituten geförderten Mitarbeiter wurden zu ganz wesentlichen Meilensteinen österreichischer Zeitgeschichtsforschung.

Karl Stadler war ein ungemein toleranter Mensch. Er liebte die faire Diskussion, die Auseinandersetzung im Diskurs. Er demonstrierte durch sein alltägliches Verhalten, was Demokratie als Kultur, als Zivilisation bedeutet. Und eben diese Form alltäglich gelebter Demokratie war die Wurzel für sein unbedingtes engagiertes Eintreten für das demokratische Österreich und daher auch gegen jede Form des Rechtsradikalismus. Diese Einstellung verband ihn von Anfang an mit unserer "Gesellschaft für politische Aufklärung".

Karl Stadler war ein fruchtbarer Forscher, er war aber auch und insbesondere ein befruchtender Lehrer. Er war ein Anreger - im Interesse des neuen Österreich, das 1945 Konturen angenommen hatte; an dessen konkreter Ausgestaltung, an dessen schrittweiser Verwirklichung Stadler bis zuletzt arbeitete.
Sein Engagement ist für uns alle ständiger Auftrag.

Anton Pelinka