Prof. Hermann Langbein
18.5.1912 - 24.10.1995


Es fällt mir schwer, zu akzeptieren, daß Hermann Langbein tot ist. Die Jahre, die Jahrzehnte, in denen ich ihn kannte, mit ihm zusammenarbeitete, mit ihm befreundet war - immer war Hermann Langbein der ruhige und souveräne und nüchterne, aber eben deshalb der konstante Mensch.
Hermann Langbein war eben deshalb ein Mensch, der Autorität hatte; die Fähigkeit, andere zu überzeugen - und zwar nicht nur durch die intellektuelle Stärke des Arguments; nicht nur durch die emotionale Betroffenheit des Bezugs; auch durch die eminente Glaubwürdigkeit, die er vermittelte; und die ihm niemand streitig machen konnte.
Hermann Langbein hatte seine Autorität aus seiner Biographie, aus seinem Leben heraus entwickelt. Vom autoritären Ständestaat als junger Kommunist verfolgt, kämpfte er nach der Besetzung Österreichs für die spanische Republik; im französischen Lager von den Truppen Nazi-Deutschlands gefangen, kam er nach Dachau, in das Konzentrationslager; und nach Auschwitz, in das Vernichtungslager.
Sein Überleben, sein kämpferisches Überleben; und sein Zeugnis, seine Bücher über Auschwitz - sie allein schon hätten Hermann Langbein zu einer Person der Geschichte gemacht. Er wurde zum Chronisten von Auschwitz - beginnend mit der Dokumentation über den Frankfurter Auschwitz-Prozeß, über sein berührendes Buch "Menschen in Auschwitz" bis zur wissenschaftlichen Analyse des Widerstandes - auch und vor allem des jüdischen Widerstandes - in den Lagern Nazi-Deutschlands: Zwischen diesen Büchern und Themen spannt sich der Bogen seines publizistischen Wirkens.
Doch Hermann Langbein beeindruckte auch durch die Konsequenz, die er sein Leben bestimmen ließ. Er brach mit der Kommunistischen Partei, als ihm die Wirklichkeit des stalinistischen und des nachstalinistischen Herrschaftssystems deutlich war. Und er vollzog diesen Bruch zu einem Zeitpunkt, als dies ihn und seine Familie an den Rand des existenziellen Absturzes bringen mußte. Er blieb sich selbst treu - politisch ab 1958 insoferne ein Einzelgänger, als in einer Welt der Parteigänger ein Parteiloser mit nur wenig Verständnis, dafür aber mit vielen Verdächtigungen zu rechnen hatte.
Aber Hermann Langbein blieb kein Einzelgänger. Nicht nur seine Bücher, auch seine Vorträge und die von ihm organisierten Seminare brachten Resonanz; zeigten Wirkung; halfen seinem Ziel, für das er sich uneingeschränkt engagierte: den Jüngeren zu zeigen, wofür der Ort steht, an dem er die entscheidendsten Jahre seines Lebens verbracht hatte: Auschwitz.
Die Aktion "Zeitzeugen", von deren Bedeutung er vor fast 20 Jahren den ehemaligen Bundesminister für Unterricht, Fred Sinowatz, zu überzeugen vermochte, steht für dieses Engagement. Diese Aktion soll, sie muß weitergehen - auch wenn sie nun ihren wichtigsten "Zeitzeugen" verloren hat.

Hermann Langbein war ein souveräner Mensch. Seine Art, mit Menschen zu sprechen und mit Problemen umzugehen, wies ihn als einen selbstsicheren; als einen in sich ruhenden Menschen aus. Seine Souveränität befähigte ihn zu den für ihn so schmerzhaften Brüchen, die ihn aus der Geborgenheit des Milieus, der Heimat, des Freundeskreises reißen mußten: die Entscheidung für die Kommunistische Partei; die Entscheidung für den Einsatz im Spanischen Bürgerkrieg; aber auch die Entscheidung gegen die Kommunistische Partei.
Hermann Langbeins Gesinnung war die der Verantwortung. Er fühlte sich verantwortlich - er, den der Staat Israel als "Gerechten" anerkannt und ihm in "Yad Vashem" einen Baum gewidmet hat. Er fühlte sich verantwortlich - für die Mit-Opfer des verbrecherischsten aller Regime; verantwortlich - für den Wissensstand derer, die weder Täter noch Opfer waren; verantwortlich - für das Weiterleben der Erfahrungen in der nächsten Generation.
Hermann Langbeins Souveränität war von jener Selbstsicherheit, die auf Ethik und auf Wissen beruht. Auf der Ethik, die aus der Ablehnung des rassistischen, des faschistischen, des völkischen, des nationalistischen Wahnsinns kommt. Und auf dem Wissen, das die Erfahrungen der Ersten Republik und des autoritären Ständestaates, des republikanischen Spanien und der Internierung in Frankreich, der Lagerwirklichkeit Dachaus und Auschwitz' und Neuengammes, der KPÖ und des Ausschlusses aus dieser Partei nicht nur zu verbinden, sondern systematisch zu analysieren versteht.
Hermann Langbein wußte, was er wollte; und er wollte, was er wußte. Was soviele erstaunte - daß er über die schlimmsten Dinge, die ein Mensch erleben konnte, mit Ruhe, mit Nüchternheit zu sprechen vermochte, das mag in dieser so selten geglückten Kombination von Ethik und Wissen, von Emotion und Intellekt begründet gewesen sein.
Nichts war Hermann Langbein fremder als Resignation. Im persönlichen Schlußwort seines Buches "... nicht wie die Schafe zur Schlachtbank. Widerstand in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern" schrieb er: "Es ist gut zu wissen, daß in dieser abgeschlossenen, von einem menschenfeindlichen Geist regierten Welt nicht nur absolute Menschenverachtung ... herrschte. In dieser Welt haben Menschen, die der unüberwindlich stark scheinenden Macht wehrlos ausgeliefert waren, die Kraft aufgebracht, ihr dennoch zu widerstehen ... Man soll es vor allem wissen, um daraus Hoffnung schöpfen zu können ..."
Hermann Langbein hat uns allen Hoffnung gegeben.

Anton Pelinka


aus: Die Zeugen sterben aus. In Memorian Hermann Langbein. Nachrufe.
Verein "Gegen Vergessen - Für Demokratie"
 
Vorwort

Es waren Roma, die auf ihren Geigen am Sarg von Hermann Langbein traurige Melodien spielten. Er hatte sich dies gewünscht. Der unermüdliche Mahner der nachfolgenden Generationen, sich der grausamen und unmenschlichen Taten der Schergen des nationalsozialistischen Regimes stets bewußt zu bleiben, hatte bei seinen eindrucksvollen Darstellungen über den Mord an der europäischen Judenheit und dem Widerstand dagegen nie versäumt, auf das gleichartige Schicksal der Roma und Sinti sowie der geistig Behinderten hinzuweisen. Der wegen seiner politischen Gesinnung und Gegnerschaft von den Nazis verfolgte und eingesperrte Hermann Langbein erinnerte daran, daá diese drei Menschengruppen auf Grund deutscher Befehle umgebracht wurden, nicht weil sie etwas getan hatten oder sich aus der Sicht der Nazis schuldig gemacht hätten, sondern weil die NS-Ideologie Juden, Zigeunern und geistig kranken Menschen brutal das Lebensrecht absprach.
Hermann Langbein, der selbst in den Steinbaracken des Stammlagers Auschwitz trotz Bunkerqualen überlebte und der Verständnis dafür hatte, daß die Polen diesen Ort als die Stätte des polnischen Martyriums hervorheben, engagierte sich im Internationalen Rat dieser Gedenkstätten dafür, das Gewicht der Erinnerung auf die Mahnmale des zweiten, riesigen Lagerkomplexes, auf die Ruinen der Gaskammern und Krematorien, auf die endlose Reihe der stehengebliebenen Schornsteine der Baracken von Birkenau zu verlegen, denn dies war die Stätte des Holocaust, hier wurden nach der Selektion auf der Rampe die zahllosen Frauen, Kinder und die nicht mehr erst durch Arbeit und Hunger zu vernichtenden Juden aus ganz Europa direkt in die Gaskammern getrieben.
Zu dem, was dieser unerschrockene Kämpfer in seiner ruhigen und leisen Art den jungen Menschen unseres Landes zu sagen hatte, gehörte auch die Warnung, nie in blindem Gehorsam Befehlen zu folgen, sondern sich das Recht nicht nehmen zu lassen, über die Berechtigung einer von ihnen verlangten Unterordnung mitzuentscheiden. Hermann Langbein, der aus der Wiener linken Arbeiterbewegung hervorgegangen ist, schon als junger Mann in Spanien gegen Francos diktatorische Machteroberung kämpfte, die KZ's und Vernichtungslager Hitlers erleiden mußte, erkannte auch den Mißbrauch seiner sozialistischen Ideale durch den Stalinismus und ging seinen Weg allein weiter als aufrechter Demokrat, der seine sich selbst gestellte Aufgabe der Aufklärung und Mahnung gerade gegenüber der jungen Generation ungebrochen bis ins hohe Alter erfüllte.
Unsere Vereinigung "Gegen Vergessen - Für Demokratie" möchte, daß dieser vorbildliche Mensch in der Erinnerung der Deutschen weiterlebt. Wir haben deshalb in dieser Schrift die Aussagen derjenigen zusammengefaßt, die Hermann Langbein gemeinsam mit uns ein ehrendes Gedenken bewahren.

Heinz Westphal
Mitglied des Internationalen Rates der Gedenkstätten Auschwitz-Birkenau