Claus Gatterer


Professor Claus Gatterer ist am 28. Juni 1984, bald nach seinem 60. Geburtstag in Wien gestorben.
Sein Denken und Wirken wurde davon geprägt, daß er - in Sexten in Südtirol geboren - die Probleme einer nationalen Minderheit von Kindheit an zu fühlen bekam; und daß er daraus Schlußfolgerungen zog, die beispielgebend sind: Nicht versteinernder Haß, nicht Überlaufen zum stärkeren Block, sondern Verständnis für die Lage der Schwächeren, Bekenntnis zu seiner Heimat und Achtung vor den Gefühlen der dort Lebenden anderer Nationalität. Überzeugender konnte die Anerkennung dieses Wirkens nicht sichtbar werden als bei seinem Begräbnis in Sexten: An seinem Grab sprachen Tiroler aus dem Norden und dem Süden: "Du hast Deine Heimat, Dein Tirol, Dein Südtirol, Dein Sexten über alles geliebt - aber nicht blind, sondern mit kritischen Augen und stets getragen von der Sorge und dem Bemühen, daß dies Dein und unser Land gleichberechtigte Heimat für Deutsche, Italiener und Ladiner werden und bleiben möge." Die italienische Zeitung Südtirols unterstrich in ihrem Nachruf, wie sehr sich Gatterer immer dafür eingesetzt hat, das Mißtrauen, das Italiener und Deutschsprechende trennt, zu überwinden, und die Lügen, die eine Folge der nationalistischen Auffassung der Geschichte sind, zu entlarven. Und schließlich dankte ein Vertreter der slowenischen Minderheit Österreichs Gatterer für seinen unermüdlichen Einsatz für alle Minderheiten.

Wie sehr täten Kärntner Persönlichkeiten mit der Gesinnung, dem Mut und der Konsequenz eines Claus Gatterer not!
Über seine engere Heimat hinaus wurde Gatterer durch das Magazin "teleobjektiv" bekannt, das sich durch Jahre hindurch immer für die Schwachen, die Ohnmächtigen einsetzte und sich damit nicht selten die Feindschaft der Mächtigen zuzog. Daß die Leitung des ORF sic hartnäckig bemühte, diese Sendereihe abzuwürgen, stellt ihr wahrlich kein positives Zeugnis aus. Als es ihr schließlich gelungen war, hat Gatterer in der letzten Sendung in der ihm eigenen, ruhigen, unmißverständlichen Art das Fazit aus seiner langjährigen Tätigkeit beim österreichischen Fernsehen und wie ihm diese erschwert und schließlich unmöglich gemacht wurde, mit folgenden Worten gezogen:
"Wir haben immer aufs neue gehofft, Freunde und Vertraute gerade bei jenen zu finden, die von Amts wegen für die Menschen im Schatten zuständig sind, mit denen wir uns beschäftigt haben. Eigentlich ist das Gegenteil eingetreten. Wo wir auf Verbündete gehofft haben, sind wir leider auf Gegner gestoßen."

Daß ein Mann mit dieser Grundhaltung, mit seiner Energie und seiner Sachkenntnis von der Gesellschaft für politische Aufklärung als Mitarbeiter gebeten wurde, lag auf der Hand; daß Gatterer sofort zusagte und mit wertvollen Ratschlägen geholfen hat, war für jeden selbstverständlich, der diesen Mann kannte. Schon von seiner Krankheit gezeichnet, kam er nach einem langen Spitalsaufenthalt ein letztes Mal noch zu einer Tagung der Gesellschaft.
Nun wird er nicht mehr die Gesellschaft beraten. Er wird uns fehlen.

Hermann Langbein