Medical Humanities – ein multidisziplinäres Feld und seine Perspektiven

Heinz-Peter Schmiedebach

Institut für Geschichte der Medizin und Ethik in der Medizin, Charité Universitätsmedizin Berlin

Für den ersten Workshop des FZ Medical Humanities am 18. Dezember 2017 wurde Heinz-Peter Schmiedebach zu einem Vortrag über das Forschungsgebiet Medical Humanities, wie zugleich der Name seines Lehrstuhls lautet, eingeladen. Ziel war es, einen Überblick über das multidisziplinäre Forschungsfeld, seine Entwicklung, unterschiedliche Perspektiven sowie Ausrichtungen zu geben. Die Zuhörerschaft bestand nicht allein aus den Mitgliedern des FZ Medical Humanities, auch weitere interessierte Universitätsangehörige und Studierende nahmen an der Veranstaltung teil, die hier nachzuhören ist. Der 90-minütige Vortrag, der sich „mehr als Diskussionsbeitrag“ verstanden wissen wollte, gliederte sich in drei Abschnitte, in denen unterschiedliche Aspekte behandelt wurden: Zunächst schilderte Schmiedebach, wie es zur Professur für Medical Humanities in Berlin kam, danach ging er auf den Ursprung des Forschungsgebietes Medical Humanities sowie dessen wissenschaftliche Zielsetzungen ein, um abschließend Perspektiven aus Kunst und Literaturwissenschaft zu diskutieren.

Die Berliner Stiftungsprofessur für Medical Humanities wurde als „Verstärkung“ des Gedenkortes Charité (https://gedenkort.charite.de/) 2015 eingerichtet, an dem NS-Medizinverbrechen in unterschiedlichen Kontexten und durch vielfältige Herangehensweisen thematisiert werden. Ein wichtiger Punkt hierbei ist neben der Erinnerungsarbeit auch der Aktualitätsbezug, der etwa in der Ausstellung „Charité im Nationalsozialismus und die Gefährdungen der modernen Medizin“ zum Ausdruck kommt. Dieser weist bereits in Richtung eines Aspektes, der im zweiten Abschnitt von Schmiedebachs Ausführungen behandelt wurde: die Zweckmäßigkeit von Medical Humanities für die zielorientierte klinische Praxis, in der auch die Patient*innenperspektive Berücksichtigung finden soll. Zunächst nannte Schmiedebach aber zwei Eckpfeiler der Medical Humanities, die auf das 19. Jahrhundert zurückgehen: 1. Die Problematisierung der mechanischen bzw. biowissenschaftlichen Ausrichtung der Medizin sowie 2. dass die Erkenntnis über Medizin und das Verständnis von Gesundheit und Krankheit von zeitgenössischen politischen, technischen, sozialen und kulturellen Gegebenheiten bestimmt werden.

Der Begriff der Medical Humanities selbst wurde 1948 von George Sarton erstmals gefasst, 20 Jahre später begann die institutionelle Etablierung in den USA, etwa 1967 mit einem Department of Humanities am Pennsylvania State University College of Medicine. Bis zur Gründung des ersten fachspezifischen Journals 1979 (The Journal of Medical Humanities) verging eine weitere Dekade. Bezüglich der Definition von Medical Humanities beschrieb Schmiedebach unterschiedliche Konzeptionen, die allerdings ein gemeinsamer Kern verbindet: der bereits erwähnte Bezug zur Patient*innenversorgung. Neben einer Inkorporation jener Forschungsfelder, die früher als Geschichte der Medizin bezeichnet wurden, steht nunmehr verstärkt die Relation von Medizin, Gesellschaft, Krankheit und Gesundheit im Fokus. Dabei ist vor allem auf die Interdisziplinarität hinzuweisen, die sich auch in der explizierten Zielgruppe des Journal of Medical Humanities widerspiegelt: Healthcare Professionals, Geisteswissenschaftler*innen, Künstler*innen, medizinische Erzieher*innen, Sozialwissenschaftler*innen, Politiker*innen und Patient*innen. Neben der Interdisziplinarität treten besonders folgende Themenkomplexe als Grundlagen der Medical Humanities in Erscheinung: Die Gebundenheit der Medizin an Kultur, Politik etc., Grundsatzfragen in Bezug auf Definitionen von Gesundheit und Krankheit, die Ermöglichung eines differenzierten Verständnisses von Krankheit, Kranksein, Heilen – und dies insbesondere unter der Berücksichtigung des jeweiligen kulturellen Hintergrundes von kranken Personen und damit einhergehend auch die Akzeptanz von „Anderssein“. Ebenso zentral ist die Berücksichtigung der Patient*innenperspektive sowie das Entgegenwirken der medikalen Überforderung des Individuums. Gleich jedem anderen Themenfeld sind auch die Medical Humanities mit verschiedenen Problematiken konfrontiert, als welche Schmiedebach allen voran die Kehrseite der Vielfalt der Ansätze nennt, die es zwingend notwendig mache, einen gemeinsamen Gegenstand zu finden, „der als Vehikel für Kooperationen dienen kann.“ Des Weiteren sind aber auch die Unterstützung der medizinischen Dominanz und die mögliche Begünstigung struktureller Mängel durch das „Übersehen“ einzelner Veränderungen zu nennen, wie auch die Wahrnehmung und Ausrichtung der Disziplin selbst reflektiert werden muss: der zu hinterfragende, oftmals ungeprüfte Transport westlicher Standards wie auch die Wahrnehmung von Medical Humanities als „angenehme Zerstreuung“ im klinischen Alltag können zu Problemfeldern werden. Gerade der letzte Punkt birgt Konfliktpotenzial, sind doch nachhaltige Veränderungen nur durch kritische Intervention auch im klinischen Raum möglich.

Nach diesem mehrdimensionalen Überblick über Entwicklung und Inhalte von Medical Humanities folgte der dritte Abschnitt des Vortrages, der sich mit Perspektiven aus Kunst und Literatur unter dem Fokus von Medizin und Heilen als kultureller Praxis befasste. Dabei betonte Schmiedebach die wichtige Rolle von Kommunikation und Medien, die sich sowohl in Gesprächen, Rhetorik und Bildern wie auch Ritualen niederschlägt, womit insbesondere Diagnosen und Visiten gemeint sind. Weiters wurden Ethik und Gefährdungspotenzial der modernen Medizin thematisiert, die auf folgende Punkte zugespitzt wurden: 1. Die Relativierung des Nichtschadenprinzips, da auch bei freiwilligen Proband*innen immer Gefahrenpotenzial vorhanden ist und es sich somit immer um Menschenversuche handle. 2. Das immanente Vernichtungspotenzial in der Medizin, wobei die Amputation als ein Beispiel angesehen werden kann: die Entfernung eines Körperteils (Vernichtung) um ein Leben zu retten (Heilen). 3. Die Wirkmächtigkeit von Stereotypen in der ärztlichen Praxis. 4. Karrierestreben, das etwa durch Forschungsfinanzierung die Gefahr der Ergebnisfärbung in sich tragen kann. 5. Verteilungsgerechtigkeit. Enger auf die Perspektive der Kunst und Literatur bezogen, verwies Schmiedebach nicht nur auf literarische Werke wie „Der Zauberberg“ von Thomas Mann oder Christoph Schlingensiefs „So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein“, sondern auch auf die dadurch transportierten Inhalte. Dabei stehen einerseits konkrete Szenarien im Fokus, wie Kritik an Gesundheitspersonal, andererseits aber auch vermittelte Emotionen wie Hoffnung und Angst. Kunst kann in diesem Zusammenhang der sinnlich-ästhetischen Resonanzerzeugung und der Blickfelderweiterung dienen, die nicht nur unterschiedliche Perspektiven, sondern auch vielfältige Betrachtungs- und Rezeptionsweisen ermöglicht. Daneben ging Schmiedebach auch auf neue Herausforderungen durch die zunehmende Digitalisierung aller Lebensbereiche ein, wobei Pro- und Kontraseiten thematisiert wurden. Allen voran ist hier die Datenproblematik zu nennen, die durch die unvermeidbare Involvierung Dritter – z.B. Provider als „Zwischenhändler“ – gegeben ist. Dies mache eine Neukonzeption der Rollenverteilung im Gesundheitssektor notwendig, wobei neben der eigenen Partizipation hinsichtlich der Datenverwertung auch Pflegepersonal in neuartigen Formen einbezogen werden müsse. Auch die Begrifflichkeiten aus dem Gesundheitsbereich seien neu zu fassen, da die Abgrenzungen zunehmend verschwimmen würden, etwa in Bezug auf „Gesundheit“ und „Wellness“.

Mit einem Blick auf gängige Utopien der Perfektionierung und einer Interpretation des Schlagwortes der „Künstlichen Intelligenz als Gott“ nach Anthony Levandowsky schloss Schmiedebach seine Ausführungen, die nicht nur selbst einen multiperspektivischen Blick auf das multidisziplinäre Forschungsfeld Medical Humanities eröffneten, sondern auch das inhärente Gefährdungs- und Konfliktpotenzial thematisierten. Der eingangs von Schmiedebach als „Diskussionsbeitrag“ adressierte Vortrag führte in der Folge auch genau dazu – einer interessierten und interessanten Diskussion mit den Zuhörer*innen.