Medizingeschichte, Medical Humanities und die Medizin

(schriftliche Fassung des Vortrages, daher ohne Anmerkungen)

 

Sommerworkshop des Forschungszentrums Medical Humanities, Universität Innsbruck, 25. Mai 2018

 

Dr. Flurin Condrau, Professor für Medizingeschichte der Universität Zürich

 

1.       Vorbemerkung

In einem Lancet-Artikel von 2014 schrieb der damalige Chefredakteur der angesehenen englischsprachigen Fachzeitschrift unter dem Titel «The Moribund Body of Medical History» über den seiner Meinung nach trostlosen Zustand der Medizingeschichte. Er führte aus: «Most medical historians, it seems, have nothing to say about important issues of the past as they might relate to the present. They are invisible, inaudible, and, as a result, inconsequential». In der Disziplin löste das allgemeines Kopfschütteln aus. Carsten Timmermann, langjähriger Mitarbeiter des Centers for the History of Science, Technology and Medicine der Manchester University antwortete mit einem Hinweis auf sein Bücherregal. Timmermann argumentierte, es gäbe nun wirklich genügend relevante Bücher über die Geschichte der Kardiologie, der Antibiotikaentwicklung, der Pharmaindustrie usw., um dem Angriff Hortons leicht zu entgegnen. Offenbar hatte es diese Medizingeschichte aber nicht bis zum Bücherregal Hortons geschafft, was einerseits für eine gewisse Uninformiertheit Hortons, andererseits aber auch für ein Problem der fehlenden Rezeption der Medizingeschichte in der Medizin spricht. Geschichte spielt ja in der Medizin eine grosse Rolle, allerdings laut Virginia Berridge eher als Legitimation, denn als kritische Auseinandersetzung. Fast keine Einführungsvorlesung einer medizinischen Disziplin kommt ohne Hinweis auf die bedeutende, meist extrem verkürzt wiedergegebene Geschichte des eigenen Faches aus. Die berühmte Grafik John Snows zur geographischen Konzentration der Cholerafälle um die Trinkwasserpumpe an der Broadstreet in London ist sicherlich eine der meist gezeigten Illustrationen in der Geschichte von Public Health. Nur: aus der Erwähnung einzelner Errungenschaften, oft aus dem Kontext gerissen und nachträglich überhöht wird noch keine gute Geschichte. Oft genug wird eine Variante der Geschichte erzählt, die vor allem gegenwärtigen Interessen dient, ohne wissenschaftlichen Ansprüchen zu genügen. Hortons Vorwurf der Bedeutungslosigkeit deutet jedenfalls auf einen tiefen Graben zwischen der Medizingeschichte, ihren Themen, Analysen und Ergebnissen einerseits und einem medizinisch geschulten Publikum andererseits hin. Die jüngere Medizingeschichte hat sich zu Recht seit ungefähr 1980 zunehmend von der Rolle als Festrede bei Jubiläumsveranstaltungen verabschiedet. Die Frage ist, ob es jenseits der «invention of tradition» noch andere Motive in der Medizin geben könnte, sich kritisch und auf der Höhe der wissenschaftlichen Diskussion mit der Medizingeschichte auseinanderzusetzen. Ich halte das für eine zentrale Problematik für die Medizingeschichte, aber auch für die weitere Diskussion der Medical Humanities, denn machen wir uns nichts vor: Solange die klinische Medizin die Agenda vorgibt, wird für die Medical Humanities eher nur die Rolle des Zudienens übrig bleiben. Die Frage lautet also praktisch oft: was ist für uns noch zumutbar, und worin bestehen dokumentierbare Leistungen der Medizingeschichte bzw. der Geistes- und Sozialwissenschaften in Bezug auf die Medizin. Wäre die Lage unserer Fächer nicht ohnehin prekär, könnten wir ja müde lächeln. Aber weder die Medizingeschichte noch die Geschichtswissenschaften in ihren philosophischen Fakultäten scheinen heute unantastbar. Mittelkürzungen und generell zunehmender Legitimationsdruck zwingen unsere Fächer zur Suche nach Partnern. Da ist es schon sehr interessant, mit der Medizin gemeinsam nach Wegen in die Zukunft zu suchen. Dieser Suche nach einem gemeinsamen Projekt, zwischen Medizin und Geisteswissenschaften, möchte ich in dieser kurzen Präsentation etwas nachgehen. Meine Überlegungen sind holzschnittartig, nicht das Ende des Denkprozesses, und sollten so gelesen werden: als Diskussionsanregungen.

 

2.       Was ist ein Arzt? Was ist Medizin?

Eine der zentralen Einsichten der Geisteswissenschaften allgemein ist, dass Medizin – wie alle anderen Phänomene und Strukturen unserer Welt – eine Kulturleistung darstellt. Es gibt aus der Sicht der Geschichte keine guten Gründe, Medizin nicht auch als historisch geschaffene Leistung der Kultur anzusehen. Es ist also nicht so, dass es nur eine mehr oder weniger grosse historische Dimension der Medizin gibt, sondern Medizin ist Geschichte genauso wie Wirtschaft oder Politik immer Geschichte sind. Auf dieser zugegebenermassen etwas abgehobenen Metaebene gibt es kaum Widerspruch. Interessanter wird es, wenn man versucht, etwas konkreter zu werden. Was ist beispielsweise ein Arzt, und was ist gar ein guter Arzt oder eine gute Ärztin? Seit der Antike gab es bedeutende Verschiebungen in der Vorstellung was ein Arzt sein sollte. Die Praxis der westlichen Medizin blieb von diesen oft theoretisch geführten Diskussionen aber weitgehend unangetastet. Ausserhalb der Chirurgie dominierte die Viersäftelehre die Praxis der Medizin und zwar unabhängig davon, ob der Arzt akademisch ausgebildet oder ein Laienheiler ohne universitäre Titel war. Das änderte sich um 1800 mit der sogenannten Pariser Medizin. Anders als Michel Foucault strebte Erwin Heinz Ackerknecht (1906-1988) nicht nach einer theoriegeleiteten historischen Soziologie der Wissenschaften, sondern untersuchte in seinem Hauptwerk zur Geschichte der Pariser Medizin in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, wie sich der Fokus im Krankenhaus zunehmend auf die Laesion also die pathologische Erscheinung verschob. Mit Ackerknecht gelingt die Einsicht, dass das Krankenhaus im Projekt der wissenschaftlichen Medizin eine zentrale Rolle einnahm. Durch die zentrale Rolle, die das Krankenhaus als Krankenhaus für heilbare Kranke nun übernahm, gelang die breite Verwissenschaftlichung der Medizin. Ein Arzt war nun immer mehr ein universitär gebildeter, wissenschaftlich gelehrter Arzt. Natürlich gab es hier enorme regionale, zeitliche und nationale Unterschiede. Aber im Zuge des Professionalisierungsprozesses der Medizin zumindest in Deutschland (und der Schweiz) diente die wissenschaftliche Ausbildung in der Medizin der Fundierung des neuartigen Verständnisses der Medizin. Charles Rosenberg hat in seinem Aufsatz zur therapeutischen Revolution (1977) argumentiert, dass die wissenschaftliche Medizin zu einer Verschiebung im Verständnis guter Medizin beigetragen habe. Während früher der körperliche Effekt der therapeutischen Intervention zum Beispiel durch Aderlass für Arzt und Patient gleichermassen sichtbar war, erlaubte die Verwissenschaftlichung der Medizin nur noch dem Arzt die Deutung der körperlichen Folgen der nun wissenschaftlich begründeten Interventionen. Man mag dem Leistungsausweis der klinischen Medizin des 19. Jahrhunderts kritisch gegenüberstehen. Aber ich  sehe keine guten Argumente gegen diese Verschiebung der Hoheit über den Körper des Patienten. Das hatte sicherlich auch Folgen für andere Anbieter auf dem Gesundheitsmarkt. Der von Eliot Freidson erstmals konzipierte, später dann von Claudia Huerkamp, Reinhard Spree, Rudolf Braun und vielen anderen beschriebene Professionalisierungsprozess der Medizin drängte konkurrierende Anbieter wie etwa Hebammen oder Laienheiler zunehmend aus dem Markt. Wissenschaft bzw. wissenschaftliche Ausbildung wurde zu einem Ausschlusskriterium und diente damit nicht nur einer Verschiebung der Interpretation dessen was Medizin macht, sondern eben auch wer Medizin macht. Das Projekt der Krankenhausmedizin konzentrierte also gewaltige Ressourcen unter einem Dach und entwickelte sich zu einem technischen, sozialen und eben auch wissenschaftlichen System (im Sinne Talcott Parsons). Mit dem Gegenwartsbegriff der sogenannten «Spitzenmedizin», die fast jede Investition rechtfertigt, ist diese Entwicklung mittlerweile zu einem Abschluss gekommen. Nur noch selten denken wir heute an Ivan Illichs «Nemesis der Medizin» (1975). Illich wagte damals die Behauptung, die moderne Krankenhausmedizin diene vor allem sich selbst, also den Ärzten und Interessen hinter den Krankenhäusern. Die Krise der Medizin der 1970er Jahre war schon eine interessante Phase, während der eigentlich zum ersten Mal eine grössere Diskussion über die Grenzen der Medizin stattfand. Illich, Irving Goffman, Michel Foucault, Thomas Szasz und natürlich auch Thomas McKeown hatten in dieser Phase starke intellektuelle Argumente gegen die klinische Medizin vorgebracht. Sie hielten aus unterschiedlichen Gründen das Projekt der wissenschaftlichen Medizin für problematisch. Ohne einen klaren Ersatz vorschlagen zu können, argumentierten sie doch alle, dass die Medizin von klaren Interessen geprägt war, die nicht zwingend dem Wohl der Patienten dienten. Den Nachweis der Wirksamkeit der klinischen Medizin hielten sie zumindest für umstritten. Man darf fragen: warum endete diese Diskussion gegen Ende des Jahrzehnts? Wo werden solche Fragen heute diskutiert?

 

3.       Wie Ärztinnen und Ärzte ausbilden?

Das im Deutschen Reich voll entwickelte naturwissenschaftlich dominierte Modell der universitären Ausbildung in der Medizin basierte darauf, dass den jungen Studierenden möglichst viele wissenschaftlich erzeugten Fakten, zuerst die Grundlagen von Chemie und Biologie, später dann die Physiologie des Körpers, die verschiedenen pathologischen Prozesse, die zahlreichen Spezialdisziplinen der Medizin beigebracht werden sollten. Es ging um Faktenwissen, das als Basis der eher praxisorientierten Ausbildung in den Krankenhäusern die Wissenschaftlichkeit der Medizin sicherstellen sollte. Einerseits kann man sicher festhalten, dass die Verwissenschaftlichung der Medizin auf Kosten des Erfahrungswissens ging (und geht), denn je breiteren Raum die Wissenschaftlichkeit im Lehrplan einnimmt, umso schwieriger wird die Vermittlung des eher auf Erfahrung basierenden praktischen Modells. Andererseits greift das auch zu kurz: Die Tätigkeit im Krankenhaus sollte ja dem jungen Absolventen erst den Blick auf die wahre Medizin ermöglichen. Zumindest in der Schweiz ist das immer noch so, dass nur in einem der ersten sechs Jahre Medizinstudium die praktische Bewährung im Krankenhaus im Vordergrund steht, während sich die übrigen fünf Jahre der Ausbildung den biomedizinischen Grundlagen widmet. Es bestand also – und besteht immer noch – ein Spannungsverhältnis in der Medizin. Was ist sie nun Wissenschaft oder Praxis? Interessant ist dabei der medizinische Wissenschaftsbegriff. Ursprünglich galt in der Medizin ein zeit- und ortsspezifischer Begriff von Wissen, der sich im Verlauf des Verwissenschaftlichungsprozess zur Zeit- und Ortsunabhängigkeit entwickelt hat. Gilt eine wissenschaftliche Einsicht in Innsbruck, so soll sie auch in Zürich gelten. War etwas gestern wahr, sollte es morgen immer noch stimmen. Wobei sich die Analyse noch dadurch kompliziert, dass die vielen medizinischen Disziplinen nicht alle dem gleichen Wissenschaftsbegriff folgen. Für die Geisteswissenschaften ist das manchmal schwer zu verstehen, basiert doch unser Wissenschaftsbegriff sehr stark auf der Spezifik von Zeit und Ort. Damit stehen wir grundsätzlich der Praxis der klinischen Medizin näher gegenüber als deren wissenschaftlichen Grundlagen. Denn die Praxis der Medizin ist ja sehr wohl auf den einzelnen Patienten, den speziellen Fall ausgelegt. Etwas provokativ und verkürzt zusammengefasst: wenn sich die Medizin selbst nicht auf einen gültigen Wissenschaftsbegriff einigen kann, dann auch noch die Praxis stark auf Erfahrung ausgelegt ist, braucht sich niemand zu wundern, dass die Ausbildung an Universitäten permanenten Diskussionen ausgesetzt bleibt. Zweifellos ist das seit den 1970er Jahren der Fall, dass immer wieder an den Curricula herumgeflickt wird, dass neue Fächer kommen, während sich andere in einem Abwehrkampf um Stunden sehen. Dass es nicht ganz einfach ist, neue Inhalte wie zum Beispiel die Medical Humanities im Medizinstudium unterzubringen, hat sicher nicht nur mit unseren Fächern, sondern auch mit der Komplexität des Medizinstudiums und seiner Reformfähigkeit zu tun. Leider ist die wissenschaftliche Begleitung des Medizinstudiums zumindest in der deutschsprachigen Welt noch unterentwickelt, während uns die departments of medical education in der angelsächsischen Welt doch einiges voraus sind. Dort denkt man schon länger systematisch über das Medizinstudium nach und versucht festzulegen, was funktioniert und was nicht. Eine kritische Reflexion über die Grundlagen der Medizin können diese departments allerdings nicht bieten, weil das auch gar nicht ihre Aufgabe ist.

Ein Weg, wie durchaus kritisch über das Medizinstudium nachgedacht wurde, begann meiner Meinung nach in England bzw. in Grossbritannien. Mit dem Dokument «Tomorrow’s Doctors» (1997) stellte sich der zuständige General Medical Council programmatisch die Frage, welche Fähigkeiten junge Ärztinnen und Ärzte in der Zukunft haben sollten. Die Organisation des Medizinstudiums sollte also nicht mehr so sehr dadurch bestimmt werden, dass zusammengetragen wird, was heute wichtig ist, sondern sollte sich darauf konzentrieren, was für die Zukunft relevant sein sollte. Verbunden damit war die Konzentration auf die notwendige medizinische Grundlagenausbildung für General Practitioners, also Hausärzte, für die die unter New Labour eingeleitete Ausdehnung der Absolventenzahlen der Medical Schools gedacht war. In diesem Dokument finden sich nun auch Hinweise auf Fähigkeiten von Ärztinnen und Ärzten, die nichts direkt mit biomedizinischem Wissen, aber viel mit sozio-kultureller Kompetenz zu tun haben. Ob das so leicht umsetzbar ist, ob eine problem-based-learning Reform das Studium in geeignete Bahnen lenkt oder ob eher in Themenblöcken und praktischen Seminaren gedacht werden sollte, ist eine Frage, die sich hier nicht beantworten lässt. Sicher ist aber, dass ungefähr seit Ende der 1990er Jahren eine Diskussion im Gange ist, wie junge Studierende am besten auf langes Berufsleben in ärztlicher Funktion vorbereitet werden könnten. Interessanterweise kommt dabei immer noch ein Faktor zu kurz, den ich für sehr zentral halte: wie mit Wandel umgehen? Natürlich gibt es da Konzepte wie life-long-learning, die auf eine stete Weiterbildung der späteren Berufspersonen wert legen. Aus meiner Sicht gibt es hier aber eine Rolle für die Medizingeschichte: wir studieren schliesslich Konstellationen des Wandels in der Vergangenheit und sollten doch in der Lage sein, Wandel und seine Bewältigung ins Zentrum unserer Überlegungen zu rücken.

Ohnehin scheint mir die Frage nach der Rolle von Geistes- und Sozialwissenschaften wie eben der Medizingeschichte in der Ausbildung der künftigen Ärztinnen und Ärzte relativ leicht zu beantworten. Im Zentrum des Schweizer Lernzielkatalogs für Medizin (Swiss Catalog of Learning Objectives for Undergraduate Medical Training: 2002; 2008) steht eine Illustration der verschiedenen ärztlichen Rollen eines modernen Arztes oder einer Ärztin, das der Schweizer Katalog von den CanMEDs des Royal College of Physicians in Kanada übernommen hat (vgl. http://www.royalcollege.ca/rcsite/canmeds/canmeds-framework-e). Mit dieser Darstellung ändert sich das Denken über ärztliche Ausbildung weg von Wissensbeständen hin zu spezifischen Rollen wie Communicator, Professional, Collaborator oder Scholar. Diese Rollen machen gemeinsam den Medical Expert aus. Das lässt sich nun problemlos an der Geschichte vorführen: Das Paradebeispiel scheint mir Louis Pasteur (1822-1895) zu sein, dem es gemäss Bruno Latour gelungen war, nicht nur für seine Zeit innovative Forschung zu betreiben, sondern auch durch geschicktes Taktieren Netzwerke in Paris aufzubauen, die diese Forschung als zunehmend neuartig und wichtig anerkannten. Pasteur ist ein Musterbeispiel einer Figur der Medizingeschichte, die tatsächlich mit Hilfe sehr verschiedener Rollen seine Positionen durchsetzen und zu einer Berühmtheit der Geschichte werden konnte. Allerdings lassen sich diese Rollen auch je einzeln als Aufgabe der Geschichte betrachten. Warum etwa sollte eine gute medizinhistorische Forschungsarbeit zu einem wichtigen Thema nicht genauso gute scholars erzeugen wie eine Laborarbeit in Mikrobiologie oder in Anatomie? Weder die praktische Laborarbeit noch etwa die Sektionsübungen dürften dem zukünftigen Hausarzt oder der Hausärztin gegenüber einer relevanten historischen Arbeit einen echten klinischen Vorteil bieten. Also warum nicht Geschichte?

4.       Enter Medical Humanities

Es gäbe wohl genügend Gründe einfach auf der Bedeutung der Medizingeschichte zu beharren. Aber der aus den USA stammende Begriff der Medical Humanities kann helfen, die mittlerweile recht prekär aufgestellte Medizingeschichte zu stabilisieren und durch eine transdisziplinäre Zusammenarbeit mit anderen Geistes- und Sozialwissenschaften neu zu begründen. Es ist kaum zu leugnen, dass die Medizingeschichte die bekannteste Variante einer Geisteswissenschaft in der Medizin ist. Da ist es auch nicht so überraschend zu sehen, dass der Begriff meiner Meinung nach von einem Medizinhistoriker begründet wurde, lange bevor er sich in den 1970er Jahren schliesslich durchsetzte. Der aus der Schweiz stammende Henry E. Sigerist (1891-1957) begann schon als Professor für Medizingeschichte in Leipzig, wo er als Nachfolger Karl Sudhoffs (1853-1938) tätig war, über die Rolle der Medizingeschichte in der Medizin nachzudenken. Zum Begriff der Medical Humanities kam er als Direktor des Institute of the History of Medicine der Johns Hopkins University in Baltimore, wo er zwischen 1932 und 1947 wirkte. Sigerist sah in den Medical Humanities die Antwort auf die fragmentierte, in viele Spezialisierungen zerfallende Medizin. Ihm schien es, dass die Medizin in ihrer Gesamtheit eigentlich nur noch durch die Medizingeschichte verstanden werden konnte. Aus seinem historischen Verständnis leitete er auch den Gesundheitsbegriff ab, den er jenseits von der Abwesenheit von Krankheit festgelegt haben wollte. Noch während des Zweiten Weltkrieges schrieb er über die Gesundheit zwischen physischem, psychischem und sozialem Wohlbefinden. Damit gilt Sigerst als Vater des Gesundheitsbegriffes wie er in der Verfassung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) von 1946 auftauchte. Sigerist sah es immer stärker als seine Aufgabe an, die rein historische Analyse zu überwinden und – heute würde man das vielleicht Applied History nennen – auf historischen Überlegungen fundierte, politische Aussagen zur aktuellen Lage des Gesundheitswesens zu machen. Das trug ihm in der sogenannten McCarthy Ära rufschädigende Anschuldigungen wegen antiamerikanischer Propaganda ein und vertrieb ihn letztlich aus seiner Wahlheimat anlässlich seiner Pensionierung. Sigerist war längst klar, dass der sogenannte Flexner-Report von 1910 eine fundamentale Neuorientiertung des Medizinstudiums in den USA gebracht hatte. Abraham Flexner hatte im Auftrag der Carnegie Stiftung deutsche Universitäten besucht und empfahl die Übernahme des deutschen Modells des Medizinstudiums, das auf einer grundlegenden Verwissenschaftlichung auf Basis der damals gängigen Naturwissenschaften aufbaute. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde deshalb immer wieder darüber nachgedacht, ob nicht durch eine solche Konzentration auf Wissenschaftlichkeit der Ausbildung wichtige Aspekte des Arztberufes unterschätzt würden. Man müsste das einmal genauer untersuchen: in einem marktbasierten Gesundheitswesen wie es die USA nach 1945 zweifellos hatte, spielt die Nachfrage nach ärztlichen Leistungen eine wichtige, auch ökonomisch steuernde Rolle. Man kann sich gut denken, dass Privatzahler nicht nur an wissenschaftlicher Expertise interessiert waren, sondern auch «gut» behandelt werden wollten. Vielleicht ist es zu sehr zugespitzt, aber man könnte hier im Kern schon zu überlegen beginnen, ob Medical Humanities nicht ein Projekt der Medizin für die Medizin ist: es ging um Akzeptanz der Medizin bei ihren Kunden, möglicherweise auch um kleine Veränderungen, aber nicht um eine Infragestellung der Medizin. Jedenfalls institutionalisierte sich Medical Humanities in den USA ab den 1970er Jahren, übrigens typischerweise ausserhalb der wenigen Institute oder Lehrstühle für Medizingeschichte in Baltimore, Madison, Harvard und Yale. Diese Institutionalisierung ist nicht das Thema meiner Überlegungen, wichtig scheint mir aber, dass anders als noch bei Sigerist die Medical Humanities nun ein Lehrprogramm waren, das mit dem Forschungsteil des universitären Arbeitens nicht mehr viel am Hut hatte. Positionen für Medical Humanities waren Lehr- oder sogar Outreach-Positionen. Wenn die Leute daneben noch etwas anderes machen wollten, war das mit den typisch amerikanischen Arbeitsverträgen ja durchaus möglich. Wie es eigentlich gekommen ist, dass wir seit einigen Jahren zunächst in Grossbritannien, jetzt aber auch im deutschsprachigen Raum über die Einführung der Medical Humanities nachdenken oder sogar schon Zentren für Medical Humanities eingerichtet wurden, müsste man sicher länger nachdenken, denn die Situation war und ist hier ja anders. So hat zum Beispiel der Entscheid des Wellcome Trusts, seine Förderung der Medizingeschichte in eine Förderung der Medical Humanities umzuwandeln, für alle Disziplinen grosse Folgen. In Deutschland mit seinen Instituten und Lehrstühlen in der Medizin scheint der Begriff der Medical Humanities eher Flügelkämpfe als ein neues Projekt zu befeuern. Warum also überhaupt ernst nehmen? Der Begriff scheint mir tatsächlich der einzige Weg zu sein, innerhalb der Medizin für das Gespräch zwischen der Medizin und den Geistes- und Sozialwissenschaften zu werben. Es gilt demnach, den Begriff zu besetzen und mit Inhalten zu füllen. Da sind die Kolleginnen und Kollegen hier in Innsbruck sicherlich auf einem sehr guten Weg.

 

5.       Quo Vadis Medical Humanities?

In der aktuellen Diskussion über die Zukunft der Medical Humanities und ihre Rolle in der Medizin stehen sich zwei unterschiedliche Ansichten gegenüber. Eine Position erhofft sich, eine Humanisierung der Medizin zu erwirken. Aus dem Begriff der Humanities wird die moralische Grundhaltung der Humanisierung. Die elementare Idee besteht dabei darin, den Horizont der Studierenden der Medizin zum Beispiel durch Filme, Theater oder Literatur so zu beeinflussen, dass sie zu besseren Ärztinnen und Ärzten werden. Damit ist diese Position ganz offen normativ: es geht um Einfluss auf die Lehrplanung und es geht um die Einsicht, dass der aktuellen Medizin etwas Zentrales fehlt, das durch Medical Humanities kompensiert oder gestärkt werden könnte. Der Vorteil einer solchen Position ist die strategische Allianz mit der Medizin. Es fällt dieser Interpretation relativ leicht, einen medizinischen Nutzen – auf Englisch nennt man das clinical relevance – zu behaupten, schliesslich ist das ja das ganze Ziel. Demgegenüber bedauern Kritiker schon die Ausgangsfeststellung, denn die Forderung nach einer Humanisierung der Medizin enthält ja implizit den Vorwurf, die heutige Medizin sei inhuman. Dazu gibt es allerdings kaum empirische Erhebungen oder robuste Untersuchungen. Die Vertreter der Humanisierungsposition diagnostizieren das indirekt etwa über die Konzentration auf biomedizinisches Wissen im Studium. Die Frage nach den Interessen hinter dieser Humanisierungsforderung ist komplex, aber zumindest kann man diese Forderung als Position im Verteilungskampf sehen. Wenn beispielsweise medienwirksam Preise für literarische Schriften von Medizinstudierenden vergeben werden, dann kann man nach dem Sinn und Zweck von Universitäten nachdenken. Die Forderung, aktive Partizipation am Hochschulsport soll für Medizinstudierende als Teil ihrer Medical Humanities Aktivitäten gelten, lässt ähnliche Bedenken zu. Es sei schliesslich klar – so die Autoren eines entsprechenden Textes –  dass fitte Ärzte bessere Ärzte sind. Das mag so sein, aber zumindest für mich sind das hoch normative und wohl auch moralische Positionen, deren wissenschaftliche Fundierung sich mir nicht erschliesst.

Die Gegenposition dazu sieht in den Medical Humanities ein universitäres Projekt bestehend aus Lehre und Forschung. Das lässt sich auf Basis der bereits existierenden geistes- und sozialwissenschaftlichen Forschungsexpertise sehr gut aufbauen. Insofern scheint mir das Innsbrucker Modell sehr zukunftsfähig zu sein. Die Möglichkeiten mit den sogenannten GSW Fächern im Curriculum der Medizin ihren Platz zu finden, treffen allerdings typischerweise auf Netzwerkprobleme, denn für die Medizin ist es spätestens seit dem Professionalisierungsprozess des 19. Jahrhunderts deutlich einfacher, unter sich zu bleiben. Ich verweise hier auf Jackie Duffins Argument, dass das medizinische Curriculum mit GSW Inhalten infiltriert werden muss. Das geht am besten über persönliche Kontakte und setzt natürlich voraus, dass die Kolleginnen und Kollegen sich klar machen, womit sie es zu tun haben. Medizinstudierende, aber auch Ärztinnen und Ärzte im Krankenhaus oder in der Universität sind ein anspruchsvolles Publikum, das andere didaktische Aufbereitungen benötigt als das klassische Publikum in den GSW Fächern. Mitglieder der Medizingeschichte in Zürich unterrichten beispielsweise ein Modul «Global Health» im 3. Studienjahr, das oft von Studierenden gewählt wird, die für ihr Unterassistentenjahr (5. Studienjahr) einen Aufenthalt in einem Entwicklungs- oder Schwellenland planen. Damit gelingt uns die Herstellung einer beachtlichen Reichweite, immerhin kann man so Medical Humanities als direkte Vorbereitung für eine bestimmte ärztliche Tätigkeit präsentieren. Ebenfalls zentral für uns sind die Masterarbeiten in der Medizin. Mit diesen Masterarbeiten liegt ein zentraler Fokuspunkt vor, der eng mit wissenschaftlicher Arbeitsweise verbunden ist. Indem medizinhistorische oder breiter geisteswissenschaftliche Masterarbeiten betreut werden können, tragen wir zur wissenschaftlichen Ausbildung der Studierenden bei. Als angenehmer Nebeneffekt können wir so auch testen, ob es uns gelingt, mit vertretbarem Aufwand vernünftige wissenschaftliche Arbeiten der Studierenden zu erzeugen, denn wir haben mit den BA- und Masterarbeiten der Studierenden der philosophischen Fakultät ja einen guten Vergleichsmassstab. Noch ist die Zahl der Masterarbeiten zu klein, um robuste Ergebnisse zu präsentieren, aber gute medizinische Masterarbeiten können mit der Qualität der Masterarbeiten der philosophischen Fakultät mithalten. Ich schliesse mit einem Hinweis auf Nicholas Rose und sein Buch «The Politics of Life Itself» (2007), weil ich der Meinung bin, dass die Medical Humanities aufpassen müssen, nicht zur Illusion der politikfreien Medizin beizutragen. Dass sich nach einer Phase der Medizinkritik der 1970er Jahre die Medical Humanities so oft auf Museumsbesuche und Schreibwerkstätten konzentrierten, scheint mir genau diesem Problem geschuldet. Ich bin demgegenüber der Meinung, dass das Projekt der Medical Humanities nur dann glaubwürdig ist, wenn es mit den Methoden anerkannter Wissenschaften einen kritischen Blick auf die Medizin wirft. Man kann dann trefflich darüber streiten, ob dieses oder jenes Thema wichtiger ist, aber am wissenschaftlichen Auftrag gibt es dann meines Erachtens nichts mehr zu rütteln und das ist gut so. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und freue mich auf die Diskussion.