Erol Yildiz

„Impliziter Positivismus“

Das Verhältnis zwischen Theorie und Empirie neu lesen

 

In weiten Kreisen der Sozialforschung wird davon ausgegangen, dass es eine von uns unabhängige soziale Wirklichkeit oder Objektwelt gebe, die wir wahrnehmen, erkennen, untersuchen und beschreiben können, eine Art ontologisch existente Ordnung jenseits ihrer aktuellen Repräsentation. Es käme nur auf die richtigen Methoden an, zum ‚wahren Kern‘ zu gelangen, ohne die Realität zu verzerren. Ein interdisziplinäres bzw. multiperspektivisches Vorgehen gilt hierfür als Allheilmittel. Durch das Addieren unterschiedlichster Perspektiven hofft man, der Wahrheit näher zu kommen.

Im Gegensatz dazu wird hier die These vertreten, dass der Gegenstand der Sozialforschung immer beobachterabhängig ist. Was in der Forschungsphase gesehen bzw. übersehen wird, ist ohne die komplexen Einflussfaktoren des Beobachtens nicht nachvollziehbar. „Wahrnehmung ist keine passive Tätigkeit, keine Rezeption, sondern eine Perzeption, die für wahr nimmt, was sie wahrnimmt“, so Armin Nassehi. Was wir sehen und erkennen, produzieren wir erst durch unseren Blick. Forschung ist ein kontingenter Prozess. Gerade diese Kontingenz der Erzeugung von Realität zum Thema zu machen, ist interessanter als nach vermeintlicher Eindeutigkeit zu suchen. Kontingenz in der Forschung wird theoretisch, methodisch und methodologisch zum Fokus der Auswertung.