Zweifellos verändern sich die Geschlechterverhältnisse in der Arbeitswelt. Das zeigt sich unter anderem an der steigenden Erwerbstätigkeit von Frauen und ihrer wachsenden Präsenz in höheren Funktionen. Zugleich reproduziert sich die geschlechtsspezifische Segregation des Arbeitsmarktes mit ihren vielfältigen Formen von Geschlechterungleichheiten und Ausschlüssen. Welche individuellen und strukturellen Mechanismen führen dazu? Die Entwicklungen der Geschlechterverhältnisse in der Arbeitswelt hängen ganz zentral von den Veränderungen und Persistenzen in den Lebensentwürfen ab und vice versa. Es macht wenig Sinn, allein die Arbeitswelt zu betrachten, um die dortigen Entwicklungen zu verstehen. Im Gegenteil, es braucht einen Blick auf die (geplanten) Lebensarrangements. Diese selbst wiederum sind nicht nur als individuelle, sondern auch als strukturelle Aspekte zu verstehen. Je individueller die Entscheidungen werden, umso abhängiger werden sie von der Existenz gesellschaftlicher Institutionen und Strukturen. Zugleich verunmöglichen die neoliberale Anforderung der Eigenverantwortung und das damit verbundene Verständnis freier Entscheidung zunehmend, die wachsende Abhängigkeit von der Veränderung der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen als Bedingung der Verwirklichung der eigenen Lebensentscheidungen als gesellschaftliche Verantwortung einzufordern. Anders ausgedrückt: Im Kontext neoliberaler Transformationsprozesse haben 'wir' es vermehrt mit einem rein formalen Verständnis von Gleichheit und Freiheit zu tun.

 

Andrea Maihofer, Dr. phil., Philosophin, Soziologin und Geschlechterforscherin; Professorin für Geschlechterforschung an der Universität Basel und Leiterin des Zentrums Gender Studies. Präsidentin der Schweizerischen Gesellschaft für Geschlechterforschung. Forschungsschwerpunkt sind die Analyse von Wandel und Persistenz in den Geschlechterverhältnissen im Rahmen der gegenwärtigen gesellschaftlichen Transformationsprozesse: insb. Familie, Sozialisation, Bildungs- und Berufsverläufe, Männlichkeit(en), Körper, Sexualität, Normen/Normativität/Normalisierung. Publikationen: Familie? Was ist das?. In: Sozialalmanach 2016, Caritas-Verlag, Luzern, 2016, S. 101-118. „Vom Antifeminismus zum ‚Anti-Genderismus‘. Eine zeitdiagnostische Betrachtung am Beispiel Schweiz (zusammen mit F. Schutzbach). In: S. Hark/P.-I. Villa (Hg.): Anti-Genderismus. Sexualität und Geschlecht als Schauplätze aktueller politischer Auseinandersetzungen. Bielefeld, 2015, S. 201-217. Sozialisation und Geschlecht (unter Mitarbeit von D. Baumgarten). In: K. Hurrelmann et al. (Hg.): Handbuch Sozialisationsforschung, Weinheim/Basel, 2015, S. 630-658. Warum sind Pflegefachmänner und Elektrikerinnen nach wie vor selten? Geschlechtersegregation in Ausbildungs- und Berufsverläufen junger Erwachsener in der Schweiz (zusammen mit K. Schwiter, S. Hupka-Brunner, N. Wehner, E. Huber, S. Kanji, M. Bergman). In: Schweizerische Zeitschrift für Soziologie, Band 40, Nr. 3, 2014, S. 401-428.