Forschungsnetzwerk Gender, Care and Justice

Ambivalenzen der Selbstsorge. Feministische Perspektiven

Wissenschaftliche Fachtagung des Forschungsnetzwerkes Gender, Care & Justice
Interfakultäre Forschungsplattform Geschlechterforschung, Universität Innsbruck

Fr, 24. Februar 2017, 14:00-19:00 Uhr, HS 3, SoWi, Universitätsstraße 15, 6020 Innsbruck

Burnout, Zeitverluste, Beschleunigung, Erschöpfung .... In Medien, Politik und Wissenschaften werden Folgen der neoliberalen Transformationsprozesse am Arbeitsmarkt auf die Menschen kritisiert. Unbezahlte Sorgearbeit der Frauen für andere ist nach wie vor die heimliche Ressource im Generationen- und Geschlechtervertrag unserer Gesellschaft. Aber wer sorgt für die Frauen? Mehr noch, sorgen Frauen für sich selbst?

Bei der Tagung werden Ambivalenzen der „Selbstsorge“ theoretisch diskutiert. Dabei wird auf Diskurse zur „Selbstsorge“ in der Alten und Neuen Frauenbewegung und in der Frauen- und Geschlechterforschung, auf die Begriffs- und Wissensgeschichte der „Selbstsorge“ in der Feministischen Theorie, sowie auf das poststrukturalistische Konzept der Gouvernementalität/ Regierbarkeit Bezug genommen.

Die Problemgeschichte der Thematisierung von Selbstsorge wird nachgezeichnet, in der „Selbstsorge“ als neue (alte) Soziale Frage angesprochen wird. Es wird gefragt, weshalb, wie und wozu wir heute über Selbstsorge sprechen. Problematisiert werden dabei der Hintergrund der Prekarisierung von Selbstsorge in der Gegenwart und die sie hervorbringenden Arbeits- und Lebensverhältnisse. Handelt es sich um ein neues Phänomen oder um eine historische Wiederkehr?

Nicht zuletzt werden auch Praxen der Selbstsorge in diversen – auch alternativen – Arbeits- und Lebenskontexten in den Blick genommen. Ambivalenzen von „Selbstsorge oder/versus Selbsttechnologie“, „Selbstoptimierung“ oder/versus „Recht auf Faulheit“, „Individualisierung oder/versus Kollektivierung“, „Selbstveränderung oder/versus Gesellschaftsveränderung“ werden diskutiert.

Die Tagung zielt auf die Artikulierung und Weiterentwicklung feministischer Perspektiven im Feld der Careforschung.

Taking care – but what for and how? Selbstsorge-Verhältnisse in Postwohlfahrtsgesellschaften
Abstract:
Vor der Folie neoliberaler und neosozialer gesellschaftlicher Verhältnisse diskutiert der Vortrag im Anschluss an Michel Foucaults Konzept der Gouvernementalität Selbstsorge als Bestandteil zeitgenössischer Regierungsweisen. Unter Bezug auf aktuelle Gegenwartsdiagnosen wird zunächst die These entwickelt, dass unterschiedliche Formen der Selbstsorge im Feld der Subjektivierung wirksam sind und diese sich voneinander unterscheidende Rationalitäten aufweisen: Die Selbstsorge des unternehmerischen Selbst, die des aktiv(iert)en Selbst und schließlich die eines therapeutischen Selbst, die auf Wachstum der Persönlichkeit, aber auch auf Schutz des Individuums zielt. Angesichts vielfach erschöpfter Subjekte, die oftmals als Ergebnis unternehmerischer und aktivierender Selbstsorgeanstrengungen gelesen werden, erhält in diesem Geflecht oftmals die therapeutische Selbstsorge den Status der »guten Form« der Selbstsorge: Dem Glauben und Versprechen nach, verhilft sie dem Individuum dazu, sich den Zumutungen unternehmerischer und aktivierender Adressierungen zu verweigern und ihnen gegenüber Grenzen zu setzen. So richtig sich diese Einschätzung auf der einen Seite erweist, so falsch ist sie, wenn sie ausblendet, dass die therapeutische Selbstsorge selbst starke normative Logiken und Unterwerfungen mit sich führt, sie hochgradig individualisierend wirkt und gesellschaftliche Konfliktverhältnisse psycho-logisch umschreibt. Diese Ambivalenz soll – nicht zuletzt – mit Blick auf feminisierte Subjektpositionen dargelegt werden und zum Schluss zu einem Nachdenken über Bedingungen emanzipative(re)r Formen eines taking care führen.
Vortragsmanuskript
Prof. Dr. Alexandra Rau, Professorin für Soziale Arbeit, Evangelische Hochschule Darmstadt
CV der Referentin
Das postödipale Subjekt und seine Sorge um sich
Abstract:
Im Zuge des neoliberalen Zugriffs auf die Ressourcen der individuellen und sozialen Reproduktion sind Frauen oft gezwungen, sich bis zur Erschöpfung zu verausgaben, um die Versorgung ihrer Nächsten aufrechtzuerhalten. Gleichzeitig stehen wir im Brennpunkt einer Art omnipräsentem Imperativ: „Du musst auch auf Dich selbst achten!“ ist der wohlmeinende Ratschlag, der uns freundlich dazu auffordert, das Unmögliche zu tun.
Der Vortrag geht der ideologischen Vermittlung dieser Zumutung nach, in der wir zunächst der Ressourcen unserer eigenen Reproduktion beraubt werden, um hernach von dieser Entkleidung beschämt dazustehen, indem er auf die Ansätze der Ljubljana school of psychoanalysis zurückgreift. Mit ihrer These, dass wir uns heute nicht mehr in einer Verbotsgesellschaft befinden, sondern in einer Gesellschaft, die umgekehrt das Geniessen befiehlt, stellt diese Schule wichtige Impulse auch für die von der feministischen Theorie immer wieder aufgeworfene – und verworfene Frage nach unserer grundsätzlichen Verwiesenheit zur Verfügung. Dabei soll die Frage im Zentrum stehen, wie etwas genuin Intersubjektives – die Sorge – diese solipsistische Zurückwendung auf sich selbst erfahren konnte, was dem Versuch gleichkommt, die Beliebtheit dieser Vorstellung von Selbstsorge (und deren Unmöglichkeit) psychoanalytisch zu erklären.
Audiodokumentation Vortrag, Audiodokumentation Diskussion
Dr. Tove Soiland, Historikerin, 2016-17 Klara-Marie-Faßbinder-Gastprofessur an der Hochschule Ludwigshafen
CV der Referentin
  
Zeitdiagnostische Perspektiven auf Selbstsorge: Das adult worker model in der Prekarisierungs- und Wettbewerbsgesellschaft.
Abstract:
Ein zentraler Befund (geschlechter)soziologischer Zeitdiagosen ist die gegenwärtige Krise der sozialen Reproduktion und der Sorgeverhältnisse. Parallele, miteinander verknüpfte Entwicklungen: die allmähliche und widersprüchliche Ablösung des male breadwinner durch das adult worker model als sozialpolitisches Leitbild, die Prekarisierung, d.h. die Entsicherung von Erwerbsverhältnissen und von gesellschaftlichen Institutionen insgesamt sowie die Vergesellschaftung der Einzelnen im Modus der ‚Aktivierung‘ verorten (Selbst)Sorgebedürfnisse in kollektiven, gesellschaftlichen Verhandlungen neu. Selbstsorge wird zur individuellen, ökonomisch einsetzbaren Ressource; sie wird kommerzialisiert und steht damit unterschiedlichen sozialen Gruppen sehr ungleich zur Verfügung. Pathologisierte Erschöpfungsphänomene wie Burn out und Cooling out künden von dieser Neuaufstellung von (Selbst)Sorge und damit verbundenen Konflikten und Überforderungen. Der Vortrag diskutiert sie im Zusammenhang der Verschiebungen dessen, was als Selbstsorge gilt und sozial legitim ist.
Audiodokumentation Vortrag, Audiodokumentation Diskussion
Prof. Dr. Susanne Völker, Professorin für Soziologie mit dem Schwerpunkt Geschlechterforschung und qualitative Methoden der Sozialforschung, Universität zu Köln
CV der Referentin