Karfreitagsprozession


Die Kreuzigung und der Tod von Jesus, seine Gefangennahme, die Verhörung vor dem Hohen Rat, die Überstellung an den römischen Statthalter Pilatus, seine Verspottung, die Verurteilung zum Tod, die Verbringung nach Golgota und sein Kreuzigungstod um die neunte Stunde am Rüsttag vor dem Sabbat bilden den biblischen Hintergrund des Karfreitags als hohen kirchlichen Feiertag. Zwar wurde in den ersten Jahrhunderten der Karfreitag gottesdienstlich nicht begangen, wohl ist aber für Karfreitag und Karsamstag das Trauerfasten bezeugt. Im 4. Jahrhundert finden sich Hinweise auf gottesdienstlichen Feiern in der Karwoche und am Karfreitag in Form von Gottesdiensten von der neunten Stunde an (von Sonnenaufgang an gerechnet) bis in den Abend, von Nachtwachen und von Vigilgottesdiensten vom Donnerstag zum Freitag.

Die Jerusalemer Gemeinde bildete das Vorbild für die Ausgestaltung des Karfreitags. Dort begann beim "Hahnenschrei" im nächtlichen Dunkel eine Prozession nach Getsemani mit dortiger Verlesung des Evangeliums von der Gefangennahme Jesu. Nach der Rückkehr in die Stadt in der Morgendämmerung versammelte man sich in der Kreuzeskirche ("vor dem Kreuz") und hörte das Evangelium vom Verhör Jesu vor Pilatus. Vor Sonnenaufgang Gebet bei jener Säule, an welcher nach der Pilgerin Egeria (Ätheria) Jesus gegeißelt wurde. Etwa von der zweiten Stunde gegen acht Uhr bis zur sechsten Stunde dauerte die Verehrung der Kreuzesreliquie auf Golgota, bei welcher der Bischof das "heilige Holz" hielt und dieses jeder aus dem vorüberziehenden Volk mit der Stirn und den Augen berührte und küßte. Von der sechsten bis zur neunten Stunde wurde "vor dem Kreuz" ein Wortgottesdienst mit dem Höhepunkt der Verlesung des Berichtes vom Tod Jesu aus dem Johannesevangelium gehalten. Von der Kreuzkirche ging es in die unmittelbar mit einem Atrium verbundene Auferstehungskirche zur Lesung des Evangeliums von der Grablegung Jesu.

In Rom ist eine vermutlich nach Jerusalemer Vorbild seit dem 7. Jahrhundert abgehaltene Prozession von der Lateranbasilika zur Kirche "Vom heiligen Kreuz in Jerusalem", wo man eine mitgeführte Kreuzesreliquie verehrte, bezeugt. Ebenfalls im 7. Jhdt. kam der Brauch auf, den Wortgottesdienst mit einer Kommunionfeier (keine Hl. Messe!) zu verbinden, bei welcher die am Gründonnerstag konsekrierten Hostien ausgeteilt wurden. Das Vorbild ist im ostkirchlichen Brauchtum zu finden, wo man während der vorösterlichen Fastenzeit nur am Samstag und Sonntag, also an Tagen, die vom allgemeinen Fasten ausgenommen waren, Eucharistiefeiern hielt und für die übrigen Tage einen Teil der am Sonntag konsekrierten Hostien aufbehielt, die im Laufe der Woche dann ausgeteilt wurden.

Im ausgehenden Mittelalter entwickelten sich prunkvolle Karfreitagsprozessionen, in denen wie im Passionsspiel die verschiedenen Szenen aus den Leidensevangelien dargestellt wurden. Vor allem die Kapuziner als Hauptinitiatoren sahen darin sowohl eine Veranschaulichung des Erlösungswerkes als auch eine bildhafte Unterstützung ihrer Predigten. Unter dem Einfluß der Jesuiten erhielten die Karfreitagsprozessionen auch den Charakter von Bußprozessionen, bei denen auch Kreuzzieher, Flagellanten und mit ausgestreckten Armen betende Leute teilnahmen. Auch Reiter, Edelknaben und Soldaten nahmen an diesen Umzügen teil. Eigene Erlässe regelten Kleidung, Haltung, Darstellungen und Darbietungen der Teilnehmer bis ins Detail.

Die Karfreitagsprozession und die Osterprozessionen im allgemeinen sind in der Zeit der Gegenreformation als charakteristische Äußerungen der kirchlichen Restauration entstanden. Durch Pest, Teuerung und Kriegsgreuel wurde ein Bußeifer provoziert, wobei besonders stark die Geißler hervortraten. Der Überschwang dieser Geißler entsprach der Frömmigkeit des wiedererstarkten Katholizismus mit seinem Streben nach kräftigen äußeren Eindrücken, nach mächtigem Ergreifen des Gefühls und pathetisch-theatralischer Anschaulichkeit. Wie Anton Dörrer und andere Kulturhistoriker vor ihm nachwiesen, waren insbesondere prunkvolle Palm- und Karfreitagsprozessionen mit zahlreichen Darstellern bis zu deren Verbot durch Maria Theresia im Jahr 1752 ein für die Bevölkerung in den Tiroler Städten alljährlich gewohntes Bild. Ablauf und Struktur dieser figurierten Karfreitagsprozessionen wurden von Anton Dörrer anhand von Prozessionsordnungen der Tiroler Städte und Orte Hall von 1601-1751, Klausen von 1688, Sterzing vom Ende des 17. Jhdt., Kufstein von 1708, Rattenberg von 1750, Meran von 1745 und Brixen von 1772/73 untersucht.

Die Karfreitagsprozessionen wurden 1754 und neuerlich unter Kaiser Joseph II. verboten, jedoch konnten sie sich teilweise noch bis zum Beginn des 20. Jhdts. halten. In Brixen verschwand die erneuerte Karfreitagsprozession erst im Zuge der Karwochenliturgiereform im Jahre 1956, während einfache Formen einer solchen Prozession noch in Nauders a, Reschenpaß, Arzl im Pitztal, Thaur, Schlanders, Kastelruth und St.Pauls (Südtirol) existieren.

 


Literatur:

Vgl. Karl-Heinz BIERITZ, Das Kirchenjahr. Feste, Gedenk- und Feiertage in Geschichte und Gegenwart, München 1994, 123-125; Franz CARAMELLE u.a., Heilige Gräber in Tirol. Osterbrauch in Kulturgeschichte und Liturgie, Innsbruck 1987, S. 56-58; Anton DÖRRER, Spielbräuche im Wandel von 6 Jahrhunderten, in: Tirol. Natur, Kunst, Volk, Leben, 2. Band, Innsbruck 1931, 298-320; hier: 308.