Kernfach: Österreichische Geschichte

Forschungsschwerpunkte · Einstiegslektüren · Drittmittelprojekte · MitarbeiterInnen


AdlerAls das Fach "Österreichische Geschichte" 1852 an der Universität Wien eingeführt wurde, stand es ganz im Zeichen der "nationalen" Geschichtsschreibung des seit fünf Jahrzehnten politisch und rechtlich konsolidierten österreichischen Gesamtstaates. Das 1804 unspektakulär aus der Taufe gehobene Kaisertum Österreich war einerseits die Antwort auf das geschwundene Vertrauen in ein funktionierendes "Heiliges Römisches Reich" und auf den Anspruch Napoleon Bonapartes, über Europa zu herrschen. Andererseits bildete es einen weiteren Schritt in der Entwicklung vom mehr oder weniger losen Geflecht der verschiedenen habsburgischen Länder hin zu einem angestrebten Gesamtstaat.

Die Anfänge der "österreichischen" Geschichtsschreibung im Sinne des modernen "Territorialstaates" lassen sich ins 18. Jahrhundert zurückverfolgen; Mitte des 19. Jahrhunderts bekam diese Geschichtsschreibung im Zuge der Universitätsreform eine neue Intensität. Kurz nach der Einführung des Faches wurde 1854 in Wien das "Institut für Österreichische Geschichtsforschung" gegründet, das demselben Zweck dienen sollte. Durch die Konzentration auf die Edition von mittelalterlichen Quellen wie beispielsweise Papst- und Kaiserurkunden verlor dieses Institut jedoch das ursprüngliche Ziel, für die heterogenen Bestandteile des Vielvölkerstaates eine gemeinsame "Nationalgeschichte" zu konstruieren, bald aus den Augen.


Warum immer noch Österreichische Geschichte?

Nach wie vor gibt es „Österreichische Geschichte“ als "Kernfach", verbunden mit Habilitation und Professur an den meisten österreichischen Universitäten, obwohl sich der habsburgische Vielvölkerstaat 1918 aufgelöst und damit das Anliegen, dem Konglomerat an verschiedenen „Volksstämmen“ eine gemeinsame – österreichische – Identität zu vermitteln, überholt hat. Dieser ambitionierte Anspruch, identitätsstiftend im Sinne einer gemeinsamen österreichischen (multiethnischen) Nation zu wirken, war nach dem Ersten Weltkrieg obsolet geworden. Dennoch geht die Perspektive des Faches über eine Regional- oder Landesgeschichte hinaus. "Österreichische Geschichte" bietet im Kontext der anderen historischen Fächer an der Universität zwei wesentliche Vorteile:

Zum einen lässt sie sich als Modellstudie für die heute so präsenten supranationalen Gebilde, wie etwa die Europäische Union, begreifen, erforschen und lehren. Viele der Probleme, die sich im Miteinander der europäischen Staaten unter einem gemeinsamen Dach ergeben, können auch an der Habsburgermonarchie studiert werden. Zudem wird in einer oberflächlichen Geschichtsbetrachtung Österreichs meist vergessen, wie eng verflochten die Geschichte Österreichs mit dem bis 1806 existierenden Heiligen Römischen Reich gewesen war, dessen Geschicke die Regenten und Regentinnen der österreichischen Länder – zum überwiegenden Teil als Kaiser des Reichs – vom Spätmittelalter bis zum Ende sehr intensiv mitbestimmten. So wird aus Österreichischer Geschichte eine europäische Geschichte, an der sich die Herausbildung der modernen Staatenwelt im Einzelnen und in ihrer Wechselwirkung erkennen lässt.

Indem "Österreichische Geschichte" an unserem Institut in der Zeitspanne vom zehnten bis zum 20. Jahrhundert gelehrt wird, bietet sie zum anderen für Studierende die Möglichkeit, innerhalb der mittelalterlichen, neuzeitlichen und zeitgeschichtlichen wie auch sozial- und wirtschaftshistorischen Kernfächer an einem repräsentativen Beispiel die jeweiligen Kenntnisse vertieft kennenzulernen und anzuwenden.


Forschungsschwerpunkte am Kernfach Österreichische Geschichte

  • MitarbeiterInnen der Österreichischen Geschichte sind integrativer Teil des am Institut seit 2004 angesiedelten Internationalen Graduiertenkollegs „Politische Kommunikation von der Antike zur Gegenwart“ (in Zusammenarbeit mit den Universitäten Frankfurt/Main, Trient, Bologna und Pavia). [IGK Innsbruck; IGK Frankfurt]

  • Mitglieder des Kernfachs sind an den Forschungsplattformen „Politik – Religion – Kunst. Plattform für Konflikt- und Kommunikationsforschung“ sowie an „CEnT – Cultural Encounters and Transfers“ beteiligt. [Forschungsplattformen an der Uni Innsbruck]

  • Bereits seit 1997 bildet die Forschung und Lehre zum Ersten Weltkrieg einen Schwerpunkt des Faches, der nicht nur an angebotenen Vorlesungen, Proseminaren und Seminaren sichtbar wird, sondern auch an kontinuierlichen Exkursionen und Tagungen zum Thema.

  • Im Fokus der Forschung steht seit einigen Jahren die Zeit um 1800, der Übergang von der ständisch gestuften Gesellschaft im 18. zur vermehrt demokratischen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts – mit dem Blick auf zentrale Ereignisse wie etwa die Erhebung von 1809 und den Wiener Kongress. In diesem Kontext sind mehrere Projekte angesiedelt (vgl. Projektübersicht).

  • Forschungen zur Bildungs- und Universitätspolitik (einschließlich ihrer Relevanz für die Geschlechtergeschichte) sind in Forschung und Lehre seit langem vertreten, zur Zeit wird an der Edition der Korrespondenz des österreichischen Ministers für Kultus und Unterricht, Graf Leo Thun-Hohenstein gearbeitet (vgl. Projektübersicht).

  • Der Fokus der Geschlechtergeschichte spielt in allen Forschungsschwerpunkten eine Rolle, insbesondere besteht jedoch im Bereich der Rechtsgeschichte eine enge Kooperation mit dem Internationalen Forschungsnetzwerk "Gender Difference in the History of European Legal Cultures" (Gründungsmitglieder im Jahr 2000) [Link zum Forschungsnetzwerk]

  • Im Rahmen der Frühneuzeit konzentriert sich die Forschung auf die spanischen und burgundischen Länder der "Casa Austria".

  • Ein weiterer Schwerpunkt des Kernfachs liegt in der Geschichte der (österreichischen) Geschichtswissenschaft.

  • An der Österreichischen Geschichte ist zudem das „Zentrum für Erinnerungskultur und Geschichtsforschung (ZEG)“ angesiedelt, das sich mit wichtigen identitätsstiftenden Ereignissen der Geschichte im Alpenraum beschäftigt. [ZEG]

  • Vor kurzem ist die traditionsreiche Kommission für Neuere Geschichte Österreichs mit ihrer Reihe (Veröffentlichungen der Kommission für Neuere Geschichte Österreichs) an das Kernfach des Instituts angebunden worden, in Kooperation mit ihr sind weitere Quelleneditionen und Tagungen geplant. [Kommission für Neuere Geschichte Österreichs].


Einstiegslektüren

  • Hye, Hans Peter/Mazohl, Brigitte/Niederkorn, Jan Paul (Hg.), Nationalgeschichte als Artefakt. Zum Paradigma "Nationalstaat" in den Historiographien Deutschlands, Italiens und Österreichs (Zentraleuropa-Studien 12), Wien 2009.

  • Kuprian, Hermann (Hg.), Ostarrichi-Österreich. 1000 Jahre - 1000 Welten. Innsbrucker Historikergespräche 1996, Innsbruck/Wien 1997.

  • Mazohl-Wallnig, Brigitte, Von Ostarrichi zu Österreich. Ein historischer Bilderreigen, Salzburg 1995.

  • Mazohl-Wallnig, Brigitte, Zeitenwende 1806. Das Heilige Römische Reich und die Geburt des modernen Europa, Wien 2005.

  • Plaschka, Richard (Hg.), Was heißt Österreich? Inhalt und Umfang des Österreichbegriffs vom 10. Jahrhundert bis heute, Wien 1996.

  • Scheutz, Martin (Hg.), Was heißt „österreichische Geschichte“? Probleme, Perspektiven und Räume der Neuzeitforschung (Wiener Schriften zur Geschichte der Neuzeit 6), Innsbruck 2008.

  • Stourzh, Gerald, Der Umfang der Österreichischen Geschichte. Ausgewählte Studien 1990 – 2010 (Studien zu Politik und Verwaltung 99), Wien/Graz 2011.

  • Vocelka, Karl, Geschichte Österreichs. Kultur-Gesellschaft- Politik, Wien/Graz 2000.


Laufende und abgeschlossene Drittmittelprojekte an der Österreichischen Geschichte

Forschungsbereich

Projekttitel

Leitung

MitarbeiterInnen

Bildungs- und Universitätspolitik


Thun-Hohenstein´sche Bildungsreform in Österreich 1849-60 (FWF, 2010-2013)

Brigitte Mazohl

Tanja Kraler, Christof Aichner, Christian Eugster

Universitätsreform und Bildungspolitik 1849-1860 (OeNB, 2003/2004)

Brigitte Mazohl

Andreas Bösche

Österreichische Geschichtsschreibung in Tirol zwischen gesamtstaatlichem Auftrag und landesgeschichtlichem Interesse. Die historischen Fächer an der Philosophischen und Juridischen Fakultät der Innsbrucker Universität 1816 – 1919 (TWF/Schemfil-Verein, 2010)

Ellinor Forster

Tanja Kraler

Zeit um 1800

















Der Wiener Kongress und die politische Presse. Zeitungen als Medien politischer Kommunikation (FWF, 2008-2012)

Brigitte Mazohl

Eva M. Werner

Musik und Lied in der Gesellschaft und Politik Tirols 1796-1848 (FWF, 2010-2012)

Brigitte Mazohl, Thomas Nussbaumer

Silva M. Erber, Sandra Hupfauf

Lieder der "Freiheit" 1796-1848 in Tiroler Volkstradition (TWF/Schemfil-Verein, 2008)

Brigitte Mazohl

Silvia M. Erber, Sandra Hupfauf

Politische Lieder in Tirol 1796-1848 (TWF, 2009)

Silvia M. Erber, Sandra Hupfauf

"Krieg, Religion und Erinnerung" - Aufbau einer Quellensammlung zur historiographischen Aufarbeitung der Erinnerungskultur in Tirol zu den Ereignissen um das Jahr 1809 und zum Ersten Weltkrieg (TWF/Schemfil-Verein, 2005-2009)

Brigitte Mazohl

Bernhard Mertelseder

Andreas-Hofer-Biographie (Südtiroler Kulturinstitut, 2007-2010)

Brigitte Mazohl, Andreas Oberhofer

Andreas Oberhofer

In Farbe und Form gegossene „Tiroler Identität“. Bilder als Mittel der politischen Kommunikation - die Verarbeitung der „Freiheits“kämpfe (Universität Innsbruck, 2008)

Brigitte Mazohl

Tanja Kraler, Manfred Schwarz

Städtische Netzwerke im Umbruch - Innsbruck 1780-1840 (TWF, 2008)

Gunda Barth-Scalmani/Ellinor Forster

Ellinor Forster

Von der politischen Aktion zur letzten Ruhestätte. Einäscherungen von VorarlbergerInnen im Krematorium St. Gallen zwischen 1903 und 1938 (Inst. f. sozialwiss. Regionalforschung, 2009-2011)

Karin Schneider

Silvia M. Erber

Veränderung der Gesellschaft durch Regieren und Verwalten. Politische Kommunikation in den Territorien Ferdinands III. – Toskana, Salzburg und Würzburg 1790-1824 (FWF – Elise-Richter-Programm, 2011-2015)

Ellinor Forster

Poltisches Verwaltungshandeln in der Toskana 1790-1824 (Universität Innsbruck, 2011/2012)

Ellinor Forster

Korrespondenz und Tagebücher Maria Carolinas (1752-1814), Königin von Neapel-Sizilien (Universität Innsbruck/Kommission für Neuere Geschichte Österreichs, 2010-2012)

Ellinor Forster

Giovanni Merola

InterregIV Alte Städte - Neues Leben (Hall AG/Gemeinde Klausen, 2011/2012)

Ellinor Forster, Helmut Alexander, Kurt Scharr

Peter Andorfer, Walter Liebhart

Die "Millinger-Chronik". Einem "Weltbild" auf der Spur. Eine kritische Edition der Weltbeschreibung des Leonhard Millingers, Tiroler Bauer an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert (TWF, 2011/2012)

Peter Andorfer

Der „Franziszeische Kataster“ (1817) Kärnten/Bukowina (FWF, 2008-2011)

Johann Stötter, Brigitte Mazohl, Kurt Scharr

 

Ricerche per il Riallestimento del Museo del Risorgimento di Torino nell´area dell´ex-monarchia austro-ungarica (Museo del Risorgimento, 2003-2005)

Brigitte Mazohl

Gunda Barth-Scalmani, Kurt Scharr, Astrid von Schlachta, Eva M. Werner

Siedlungs- und Staatsorganisation der Bukowina 1774-1918 (FWF, 2002-2005)

Brigitte Mazohl

Kurt Scharr

Erster Weltkrieg



Gekämpft, gefangen und vergessen? Die k.u.k. Regierung und die österreichisch-ungarischen Kriegsgefangenen in Russland und Italien (1914-1918) (TWF, 2012)

Matthias Egger

1914-2014 Tirol - Galizien - Tirol. Der Erste Weltkrieg in Tiroler Photographien. Wahrnehmung und Erinnerung (TWF, 2005/2006)

Gunda Barth-Scalmani, Kurt Scharr

Kurt Scharr

Katholizismus und Kirche in Tirol im Ersten Weltkrieg (FWF, 2000-2002)

Richard Schober

Matthias Rettenwander

Rechts- und Geschlechter-geschichte


Damenstifte im Spannungsfeld zwischen Adel, Fürst und Landeskirche (OeNB, 2005-2007)

Margret Friedrich

Ellinor Forster

Frauen zwischen gesetztem Recht und Rechtstatsächlichkeit. Eine geschlechtsspezifische Sozialgeschichte der Rechtsentwicklung im 19. Jahrhundert, am Beispiel Tirols und Vorarlbergs (FWF, 2000-2003)

Brigitte Mazohl

Ursula Stanek, Ellinor Forster


MitarbeiterInnen: