Deutsche Wortbildung

Anjetten, entspröden, kellnerieren – monokelig, snoboid, isodynamisch, pedalfreudig, generalstäbelnd, karteikastentief – Schmähbold, Playboytum, Lenkstangenschnurrbart oder Wer-mit-wem-im-Nachtklub-Tratsch – im Universum der Wortbildungsmöglichkeiten herrscht immer Bewegung und es entstehen ständig neue, schillernde Produkte.

Projektbeschreibungbalken-dunkelblau

Wortbildung ist ein Schnittstellenphänomen; sie steht zwischen benennender Referenz und paradigmatisch wie syntagmatisch konstituierter Bedeutung. Sie kann dem Objektbereich der Lexikologie, der Morphologie wie auch dem der Syntax zugerechnet oder als selbstständiges Phänomen behandelt werden.

Diesem faszinierenden Grenzgängerphänomen war das Projekt "Deutsche Wortbildung" gewidmet, das – von der Deutschen Forschungsgemeinschaft und vom Institut für deutsche Sprache, Mannheim (IdS) gefördert – von 1966 bis 1991 an der Innsbrucker Außenstelle des IdS durchgeführt wurde.

Die Aufgabe des Projekts war eine möglichst vollständige Erfassung, vieldimensionale Beschreibung und Erklärung aller Möglichkeiten der Wortbildung - in der Sprache der Gegenwart und kontrastierend mit älteren Sprachständen. Deshalb wurde ein Korpus von weit über 200.000 Belegen angelegt (nicht EDV-unterstützt). Die systematische (nicht selektive) Auswertung sollte einen Überblick geben

  • über die grundsätzlich im Deutschen möglichen Wortbildungen; dabei sollten auch selten genutzte Formen angemessen berücksichtigt werden;
  • über den Nutzungsgrad der einzelnen Möglichkeiten, d.h. auch einen Überblick über das Zusammenspiel paralleler oder konkurrierender Muster, über ihre Häufigkeit in den verschiedenen Funktionsbereichen und Textarten und über Tendenzen in der Gegenwartssprache.

Projektergebnissebalken-dunkelblau

Ergebnis des Projekts sind neben zahlreichen kleineren Publikationen mehrere, z. T. sehr umfangreiche Monographien: drei Bände zur Ableitung sowie ein Registerband, weiters zwei Bände zur Komposition und ein Begleitbuch zur Theorie und Praxis der Kompositaforschung:

  • Kühnhold, Ingeburg/Wellmann, Hans (1973): Deutsche Wortbildung. Typen und Tendenzen in der Gegenwartssprache. Erster Hauptteil: Das Verb. Walter de Gruyter (früher: Pädagogischer Verlag Schwann Düsseldorf). Berlin – New York (= Sprache der Gegenwart, Band 29).
  • Wellmann, Hans (1975): Deutsche Wortbildung. Typen und Tendenzen in der Gegenwartssprache. Zweiter Hauptteil: Das Substantiv. Walter de Gruyter Berlin – New York (früher: Pädagogischer Verlag Schwann Düsseldorf). Berlin – New York (= Sprache der Gegenwart, Band 32).
  • Kühnhold, Ingeburg/Putzer, Oskar/Wellmann, Hans, unter Mitwirkung von Fahrmaier, Anna Maria/Moser, Artur/Müller, Elgin/Ortner, Lorelies (1978): Deutsche Wortbildung. Typen und Tendenzen in der Gegenwartssprache. Dritter Hauptteil: Das Adjektiv. Walter de Gruyter (früher: Pädagogischer Verlag Schwann Düsseldorf). Berlin – New York (= Sprache der Gegenwart, Band 43).
  • Kühnhold, Ingeburg/Prell, Heinz-Peter (1984): Deutsche Wortbildung. Typen und Tendenzen in der Gegenwartssprache. Morphem- und Sachregister zu Band 1-3. Walter de Gruyter (früher: Pädagogischer Verlag Schwann Düsseldorf). Berlin – New York (= Sprache der Gegenwart, Band 62).
  • Ortner, Lorelies/Müller-Bollhagen, Elgin/Ortner, Hanspeter/Wellmann, Hans/Pümpel-Mader, Maria/Gärtner, Hildegard (1991): Deutsche Wortbildung. Typen und Tendenzen in der Gegenwartssprache. Vierter Hauptteil: Substantivkomposita (Komposita und kompositionsähnliche Strukturen 1). Walter de Gruyter. Berlin – New York (= Sprache der Gegenwart, Band 79).
  • Pümpel-Mader, Maria/Gassner-Koch, Elsbeth/Wellmann, Hans, unter Mitarbeit von Lorelies Ortner (1992): Deutsche Wortbildung. Typen und Tendenzen in der Gegenwartssprache. Fünfter Hauptteil: Adjektivkomposita (Komposita und kompositionsähnliche Strukturen 2). Walter de Gruyter. Berlin - New York (= Sprache der Gegenwart, Band 80).
  • Ortner, Hanspeter/Ortner, Lorelies (1984): Zur Theorie und Praxis der Kompositaforschung. Mit einer ausführlichen Bibliographie. Gunter Narr. Tübingen (= Forschungsberichte des Instituts für deutsche Sprache, Band 55).
  • Erben, Johannes (2006): Einführung in die deutsche Wortbildungslehre. 5., durchgesehene Auflage. Berlin (= Grundlagen der Germanistik 17).

 

Jesusechse

Jesusechse

 

Ausführlich zur wissenschaftsgeschichtlichen Position der Innsbrucker Wortbildungsforschung vgl.

  • Ortner, Lorelies/Ortner, Hanspeter/Wellmann, Hans (2007): Das Projekt "Deutsche Wortbildung": Werkgeschichte und wissenschaftsgeschichtliche Position. In: Sprach-Perspektiven. Germanistische Linguistik und das Institut für Deutsche Sprache. Tübingen (= Studien zur Deutschen Sprache. Forschungen des Instituts für deutsche Sprache 40). S. 91-131.