Forschungsschwerpunkt: Linguistische Gesprächsforschung

Kommunizieren mit allen Sinnenbalken-dunkelblau

UBI ChatKommunikation in Face-to-Face-Situationen ist ein Geschehen, das auf mehreren Ebenen gleichzeitig abläuft und dabei mehrere Sinne anspricht: Auditiv wird neben der sprachlich-verbalen Dimension auch prosodisch-vokal Information vermittelt, dazu kommen noch die visuell wahrnehmbaren körperlichen Verhaltensweisen und bei räumlich naher Kommunikation auch haptische und olfaktorische Komponenten. Wie in vielen komplexen Situationen ist auch bei diesem Zusammenspiel das Ganze mehr als die Summe der Teile. Die einzelnen "Kanäle" senden nicht einfach jeweils einzelne "Programme", die dann in der Rezeption gesondert wahrgenommen und interpretiert werden, sondern zwischen den einzelnen Signal- bzw. Wahrnehmungsebenen herrschen enge Verflechtungen und gegenseitige Beeinflussungen. Über das exakte Zusammenspiel dieser verschiedenen Ebenen (z.B. gegenseitige Verstärkung oder aber Abschwächung bzw. Modifikation der einzelnen Informationen) wissen wir noch immer sehr wenig.

Der Ton macht die Musikbalken-dunkelblau

In der linguistischen Gesprächsforschung ist in den letzten Jahren der Einbezug der Prosodie (Intonation, Akzente, Sprechgeschwindigkeit, Lautstärke, globale Tonhöhe) in die Analyse allmählich selbstverständlich geworden und kann mittlerweise als etabliert gelten. Dass es sehr lange gedauert hat, hängt einerseits mit der besonderen Forschungstradition insbesondere der ethnomethodologischen Konversationsanalyse zusammen (Ursprung in der soziologischen Forschung), andererseits und wohl nicht weniger mit besonderen Schwierigkeiten beim Einbezug der Prosodie (aufwändige Transkription, schwierige Wahl der Untersuchungskategorien bzw. prosodischen Theorien u.a.).

"Multimodale Wende" in der Gesprächsforschungbalken-dunkelblau

Im Gegensatz zur Prosodie wurde das sogenannte "nonverbale" Verhalten erst in der jüngsten Vergangenheit in der Gesprächslinguistik von einer breiteren ForscherInnengemeinde als relevant erkannt. Es wird unter dem Stichwort "Multimodalität" thematisiert. Zu den wenigen Vorreitern auf diesem Gebiet zählen auch Forschungsprojekte zu Fernsehdiskussionssendungen, die in den 1990er-Jahren am Innsbrucker Institut für Germanistik durchgeführt worden sind (vgl. u.a. Schönherr 1993, 1997, 2001). Den theoretischen Hintergrund für die Interpretation der gegenseitigen Beeinflussungen der verschiedenen Verhaltensebenen bildeten dabei einerseits das Kontextualisierungsverfahren nach Gumperz (1982), andererseits eine Auffassung von Sprechstil im Rahmen der (später so benannten) interaktionalen Linguistik (Selting 2001). Wichtig waren und sind auch die Einbeziehung von Forschungsergebnissen und Methoden anderer Disziplinen (Psychologie, Ethnologie, Soziologie u.a.).

"Wie viel Gestik braucht eine Fernsehmoderatorin?"balken-dunkelblau

Später wurden diese Innsbrucker Forschungen auch auf nicht-spontane, monologische Sprechsituationen ausgedehnt, konkret auf den Sprechstil von FernsehnachrichtenmoderatorInnen (vgl. Schönherr 2005).

Wozu sprechen wir Dialekt? Und wie "natürlich" ist Theater-Gestik?balken-dunkelblau

Derzeit stehen einerseits Untersuchungen im Mittelpunkt, die eine weitere Dimension, nämlich die Wahl der Varietät (Dialekt vs. Standard), und die daraus resultierenden komplexen Wechselwirkungen mit verbaler, prosodischer und nonverbaler Ebene einbeziehen. Andererseits wird mit der Untersuchung von Theateraufführungen eine weitere, artifizielle "Gesprächssituation" in die Forschungsinteressen einbezogen (auch aufbauend auf eigenen Vorarbeiten zur Bühnendarstellung, vgl. Schönherr 1999).

 

Transkript2

Beispiel für ein Transkript mit prosodischen und gestischen Informationen

 

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