Forschungsprojekt: Flurnamenerhebung in Südtirol

Abgeschlossenes Projekt zur Erfassung des dialektalen Sprachguts in Südtirolbalken-dunkelblau

Inn_06"Wenn aber die uralte Zeit noch irgendwo haftet in der neuen, so ist es in der Benennung der Dorffluren, weil der einfache Landmann lange Jahrhunderte hindurch kein Bedürfnis fühlt, sie zu verändern. Wie sich Waldstege und Pfade durch die Getreidefelder unverrückt bei den wechselnden Geschlechtern der Menschen erhalten, und da kaum ein Fuß hintreten kann wo nicht schon vor vielen Jahrhunderten gewandelt worden wäre, weil der Lauf des Wassers und die Bequemlichkeit des Ackerbaus oder die Viehtrift dafür notwendige Bestimmungen gab; ebenso getreu pflegt auch das Landvolk die alten Namen seiner stillen Feldmark zu bewahren [...]." (Jacob Grimm 1840; zit. nach: Kleiber in: Reader zur Namenkunde S. 405)

Wussten Sie...?balken-dunkelblau

  • dass eine Hölle keinen Eingang zur Unterwelt verbirgt, sondern ein enges, finsteres Gelände benennt?
  • dass der Rammboden und der Rammelstein alte "Rabennamen" sind und weder mit rammen noch Rammln etwas zu tun haben?
  • dass sich auf dem Läusekopf keine Schar von Ungeziefer tummelt, sondern einst die Jäger dem Wild auflauerten (zu mhd. lûsen = lauern)?
  • dass weiters der Ameisbichl zwar u.U. von Ameisen bevölkert wird, im Grunde jedoch ein alter Rodungsname ist (zu mhd. meisen = hauen, schneiden)?
  • dass es noch Tausende solcher Namen in Südtirol zu entdecken und erforschen gibt?

Schnellzugriffbalken-dunkelblau

Bedeutung der Flurnamen
Projektidee
Ziele des Projekts
Realisierung
Verwaltung der Daten
MitarbeiterInnen
Umfang der Sammlungen
Literaturhinweise
Ansprechpartnerinnen

Bedeutung der Flurnamenbalken-dunkelblau

Namen sind überaus wertvolle Informationsträger, die für viele Wissenschaftszweige von Bedeutung sind: So etwa für die Siedlungsgeographie, die Aussagen über die Besiedlungsschichten und -stufen sowie über die Dichte und Art der Besiedlung und kulturellen Nutzung eines Gebiets gewinnt, oder für die Volkskunde, die über die Namen einerseits direkten Einblick in das dörfliche Leben und seine Organisation, zum anderen aber auch Informationen über Brauchtum, Aberglaube und Sagen erhält. Für die Geschichtswissenschaft insgesamt sind die Namen gerade dort, wo schriftliche Quellen fehlen, wichtige Informationsträger, die Auskunft geben über die Geschichte des Dorfes: So lassen sich aufgrund der Namen Aussagen über Rodungstätigkeit, landwirtschaftliche Nutzungsformen, historische Gewerbezweige, Abgabeverhältnisse, Gerichtsbarkeit, Grenzverhältnisse etc. machen. Über die Etymologie können die Sprachschichten ermittelt werden, in denen die Namen gebildet wurden. Die Onyme geben Auskunft über die Sprache der Siedler, die das Land nutzbar gemacht haben, lassen ältere und neuere Besiedlungsschichten unterscheiden. Besonders etwa die Frage der Eindeutschung, bzw. die Frage, wie lange sich das Romanische in einem Gebiet hielt, kann durch die Flurnamen und die Art ihrer Eindeutschung erklärt werden. Hiermit ist natürlich bereits das Interessensgebiet der Sprachgeschichte angerissen sowie jenes der Dialektologie, die in den Flurnamen viel altmundartliches Wortmaterial erhalten findet, das aus dem Dialekt schon völlig verschwunden ist. Für die allgemeine Sprachwissenschaft ist vor allem das Namennetz als mentale Landkarte von Interesse: welche Namensformen dominieren, gibt es eine gewisse Systematik der Benennung, die etwa mit der Lage der Flur – nahe am Dorf oder weiter weg – zusammenhängt, wie dicht ist dieses Namennetz, welche Unklarheiten werden toleriert, welche individuellen Namennetze gibt es in einem Dorfgebiet...
Darüber hinaus funktionieren geographische Namen nach wie vor als äußerst effiziente Orientierungshilfe, die es Namenkennern ermöglicht, sich im Gelände wesentlich schneller zu orientieren und Örtlichkeiten zu lokalisieren, als dies mit Hilfe einer Landkarte geschehen könnte.

"Es darf deshalb nicht verwundern, wenn Namenzeichen einzel- und übereinzelsprachlich, langlebig oder gar zeitlos und doch historisch bedingt sind und wenn sie viele Plätze und Funktionen im menschlichen Leben in Beschlag nehmen. Wie in kaum einer anderen Wissenschaft stellt sich das Objektfeld der Namenforschung als eine fast grenzenlose Welt dar, die es zu erforschen gilt." ( Eichler u.a. 1995, Vorwort , in: Namenforschung, S. V)

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Projektideebalken-dunkelblau

Nous n'avons pas perdu seulement des moyens d'expression, comme on dit, mais aussi certainement une structure mentale, car la langue, c'est une structure mentale.

(Wir haben nicht nur Ausdrucksmittel verloren, wie man sagt, sondern sicher auch eine mentale Struktur, denn die Sprache ist eine mentale Struktur.)
Roland Barthes

Im Zuge der Veränderungen der modernen Welt – durch steigende Mobilität, Technisierung, geringere Verwachsenheit des Menschen mit der Natur – geraten zunehmend Dialektwörter sowie auch Dialektnamen in Vergessenheit. Damit geht wertvolles, über die Jahrhunderte gewachsenes Sprachgut verloren und zugleich auch das Wissen, das mit der Sprache verbunden ist. Besonders bei den Namen kommt es öfters vor, dass sie in amtlichen, teilweise künstlichen und verfälschenden Schreibungen in die hochdeutsche Schriftsprache transponiert wurden. Die ursprüngliche Bedeutung lässt sich deshalb häufig nicht mehr aus den verschriftlichten Formen rekonstruieren; sie kann jedoch aus der mundartlichen Lautung erschlossen werden. In diesem Projekt ging es somit darum, die dialektalen Toponyme von Südtirol flächendeckend zu erfassen und sie damit vor dem Vergessen zu bewahren.

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Ziele des Projektsbalken-dunkelblau

Im Rahmen dieses Projektes geht es in erster Linie um die exakte Erfassung der mundartlichen Namensformen. Zu diesem Zweck werden die Namen mit Hilfe der Lautschrift des Südwestdeutschen Sprachatlas erfasst. Bislang ist der Südtiroler Flurnamenbestand noch nicht flächendeckend aufgenommen worden. In den 30er Jahren wurde zwar von Carlo Battisti und seinen Mitarbeitern das DTA (Dizionario Toponomastico Atesino) erstellt; darin ist jedoch nur eine sehr geringe Zahl von Flurnamen erfasst, die zudem oft falsch verschriftlicht wurden. Außerdem werden kaum Zusatzinformationen (z.B. über die genaue Lokalisierung) gegeben. Deshalb ist es das Anliegen dieses Projekts, den dialektalen Flurnamenbestand Südtirols flächendeckend so zu erfassen, wie er in der Bevölkerung noch bekannt und in Gebrauch ist, und damit eine solide Grundlage für weitere Forschungen zu schaffen. Es ist zugleich ein Wettlauf gegen die Zeit, da die meisten Namen nur im Gedächtnis der Menschen festgehalten und somit vom Vergessen bedroht sind.

Die Exploratorinnen und Exploratoren ziehen in die einzelnen Dörfer und ermitteln dort mit Hilfe einer Gruppe ausgewählter Gewährspersonen (besonders Förster, Jäger, Bauern, Hirten aber auch Dorfchronisten, die zum Teil schon über Jahre die alten Namen erheben) die Mikrotoponymie des Gebiets. Dabei werden nicht nur Flurnamen im engeren Sinn, sondern auch Hof-, Weg-, Berg- und Gewässernamen sowie weitere für die Bevölkerung wichtige dialektale Onyme (wie Namen von Bänken, Wegkreuzen, Zäunen, Gattern etc.) erhoben. Weiters wird die genaue Lage der Örtlichkeit, die der Name bezeichnet, aufgenommen sowie Informationen über Art und Aussehen der Fluren, Geschichten, die mit den Namen verbunden sind, und Namenserklärungen der Bevölkerung.

Die erfassten Daten werden in einer Datenbank gespeichert, die nach Abschluss des Projekts im Südtiroler Landesarchiv (Bozen) zugänglich sein wird. Zur Lokalisierung der Namen werden digitalisierte Kartensysteme des Amts für überörtliche Raumordnung (Autonome Provinz Bozen-Südtirol) verwendet.

Als langfristiges Ziel ist die Erstellung von Flurnamenkarten anzusehen. Nur wenn die Namen wieder in die Kommunikation integriert werden, wenn sie die Bevölkerung aktiv verwendet, kann dieses Kulturerbe erhalten werden. Dies ist nicht nur von kulturellem Interesse: Namen erleichtern die Orientierung in der Landschaft wesentlich und sind das effizienteste Orientierungssystem überhaupt. Örtlichkeiten lassen sich viel schneller und leichter lokalisieren, wenn man ihre Namen kennt. Zudem erhalten alle Landkarten erst ein Gesicht, wenn sie zu sprechen beginnen, und das geschieht dann, wenn die Örtlichkeiten Namen tragen und nicht nur als Punkte und Linien auf einem Blatt Papier erscheinen.

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Realisierungbalken-dunkelblau

Die Flurnamenerhebung ist Teil des Forschungsprojekts zur Erfassung des dialektalen Sprachguts in Südtirol, in dessen Rahmen auch die Aufnahme der Südtiroler Ortsmundarten erfolgt. Es startete im Jänner 1998 und wurde Ende Dezember 2002 abgeschlossen. Auftraggeber ist die Autonome Provinz Bozen-Südtirol.

Die Durchführung erfolgte am Institut für deutsche Sprache, Literatur und Literaturkritik der Universität Innsbruck unter der Leitung von Univ.-Prof. Dr. Hans Moser. Hier wurden Studentinnen und Studenten für die Exploration der Namen ausgebildet. Die Gemeinden des Gader- und Grödnertales werden vom ladinischen Kulturinstitut in Zusammenarbeit mit der lokalen Bevölkerung erhoben. Die Realisierung des Projektes geschah in Zusammenarbeit mit dem Südtiroler Landesarchiv, in dem das gesammelte Material mittlerweile archiviert und bearbeitet wird.

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Verwaltung der Datenbalken-dunkelblau

Die erhobenen Daten werden in einer Datenbank gespeichert.

Für die Lokalisierung der Daten wird die technische Grundkarte von Südtirol verwendet, die im Massstab 1:10.000 und 1:5.000 (für die dichter besiedelten Gebiete) zur Verfügung steht. Hier werden die Daten im Feld händisch eingetragen. Die Flurnamenpunkte werden derzeit von einem technischen Büro digitalisiert. Damit stehen in Zukunft digitale Flurnamenkarten zur Verfügung, die mit der Datenbank verknüpft werden können und die Weiterverarbeitung der Sammlung in Richtung digitaler Flurnamenatlas sowie das Ausdrucken von Flurnamenkarten ermöglichen.

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MitarbeiterInnenbalken-dunkelblau

Leitung: Univ.-Prof. Dr. Hans Moser

Wissenschaftliche Durchführung und Koordination: MMag. Christina Antenhofer, Mag. Doris Schwienbacher, Mag. Thea Götsch

ExploratorInnen: Mag. Silke Altstätter, MMag. Christina Antenhofer, Mag. Paul Bertagnolli, Mag. Elisabeth Dagostin, Mag. Sabine Eschgfäller, Monika Feierabend, Mag. Edith Furggler, Mag. Thea Götsch, Mag. Ingrid Hasler, Mag. Beatrix Innerbichler, Dr. Stefan Jocher, Verena Kiebacher, Mag. Barbara Kofler, Mag. Martina Mantinger, Mag. Rudolf Nöckler, Mag. Johannes Ortner, Ursula Paulmichl, Christine Pertoll, Barbara Pixner, Dr. Karl Plunger, Mag. Leni Plunger, Mag. Irmgard Pörnbacher, Gisela Preindl, Mag. Thea Reichegger, Elisabeth Reider, Dr. Frieda Resch, Mag. Gabriele Schiefer, Mag. Doris Schwienbacher, Mag. Petra Steger, Dr. Joseph Sulzenbacher, Andreas Terragnolo, Mag. Stefan Tilg, Heidi Trenkwalder, Mag. Karin Valorz, Sigrid Wisthaler, Daniel Weger

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Umfang der Sammlungenbalken-dunkelblau

Die Flurnamen aller 116 Südtiroler Gemeinden sind im Rahmen des Projektes erhoben worden. Insgesamt wurden 128.867 Namen in einer Datenbank erfasst.

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Literaturhinweisebalken-dunkelblau

Literatur im Rahmen des Projektes

  • Antenhofer, Christina: Bericht aus der Praxis des Flurnamensammelns. "Wenn aber die uralte Zeit noch irgendwo haftet in der neuen, so ist es in der Benennung der Dorffluren."(Jacob Grimm). In: Tiroler Chronist (75) Juni 1999. S. 10 - 12.
  • Antenhofer, Christina: Ameisbichl und Läusekopf, Todsündenwinkel und Pfaffensteig: Die Erfassung der Mikrotoponymie in Südtirol – ein Projektbericht. In: Denkmalpflege in Südtirol – Tutela dei beni culturali in Alto Adige 1998. Hrsg. vom Landesdenkmalamt Bozen. Bozen 2000. S. 297 – 299.
  • Antenhofer Christina: Schnattertür und Läusekopf, Todsündenwinkel und Lauterfresserloch: Die Erfassung der Mikrotoponyme in Südtirol. (erscheint demnächst in der wissenschaftlichen Zeitschrift „Österreichische Namenforschung“, hrsg. Von Heinz Pohl / Klagenfurt).
  • Götsch, Thea: Namennetze und mentale Landkarte: Das Beispiel Naturns. Vorstellung der Diplomarbeit. (erscheint demnächst in der wissenschaftlichen Zeitschrift „Österreichische Namenforschung“, hrsg. Von Heinz Pohl / Klagenfurt).


Diplomarbeiten / Dissertationen

  • Antenhofer, Christina: Die Mikrotoponymie der Gemeinde Pfalzen. Sammlung, Systematisierung, etymologische Deutung. Diplomarbeit am Institut für Germanistik (Bereich germanistische Linguistik) der Universität Innsbruck 1998.
  • Antenhofer, Christina: Die Mikrotoponymie der Gemeinde Pfalzen als Spiegel ihrer sozioökonomischen Verhältnisse. Diplomarbeit am Institut für Geschichte (Bereich Wirtschafts- und Sozialgeschichte) der Universität Innsbruck 1999.
  • Furggler, Edith: Flurnamen als Elemente der Feldgliederung. Die Mikortoponyme der Gemeinde Sand in Taufers. Innsbruck, Diplomarbeit am Institut für deutsche Sprache, Literatur und Literaturkritik 2001.
  • Götsch, Thea: Namennetze und mentale Landkarte. Das Beispiel Naturns. Innsbruck, Diplomarbeit am Institut für deutsche Sprache, Literatur und Literaturkritik 2001.
  • Jocher, Stefan: La microtoponomastica dei communi di Sant Andrea in Monte e di Eores.Tesi di laurea (Dissertation) am dipartimento di linguistica (Abteilung für Linguistik) der Universität Florenz 1999.
  • Nöckler, Rudolf: Sozial- und wirtschaftsgeschichtliche Aspekte der Gemeinde Prettau anhand ihrer Flurnamen. Innsbruck, Diplomarbeit am Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte 2002.
  • Steger, Petra: Soziale und wirtschaftliche Aspekte der Gemeinde St. Lorenzen anhand ihrer Mikrotoponyme. Innsbruck, Diplomarbeit am Institut für Geschichte 2001.


Monographien

  • Antenhofer, Christina: Flurnamenbuch der Gemeinde Pfalzen. Eine historische Landschaft im Spiegel ihrer Namen. Innsbruck, Universitätsverlag Wagner 2001. (Schlern-Schriften 316)
  • Jocher, Stefan: Die Flurnamen des Plosebergs. Sprach- und Kulturgeschichte im Lichte der Flurnamenforschung. Brixen, Weger 2002.
  • Antenhofer, Christina / Thea Götsch: Südtiroler Flurnameng’schichten. (In Zusammenarbeit mit dem Südtiroler Kulturinstitut; soll im Jahr 2003 erscheinen)

 

Allgemeine Literatur zum Thema

  • Battisti, Carlo: Dizionario Toponomastico Atesino.
  • Debus, Friedhelm / Seibicke, Wilfried (Hg.) (1996): Reader zur Namenkunde III, 2 Toponymie. Hildesheim–Zürich–New York (= Germanistische Linguistik 131–133).
  • Eichler, Ernst u.a. (Hg.) (1995): Namenforschung. Ein internationales Handbuch zur Onomastik. 3 Bände. Berlin–New York (= HSK 11; 11.1; 11.2).
  • Finsterwalder, Karl (1990): Tiroler Ortsnamenkunde. 3 Bände. Innsbruck (= Forschungen zur Rechts- und Kulturgeschichte 15–17; Schlern-Schriften 285–287).
  • Kühebacher, Egon (1991): Die Ortsnamen Südtirols und ihre Geschichte. Band 1: Die geschichtlich gewachsenen Namen der Gemeinden, Fraktionen und Weiler. Bozen.
  • Kühebacher, Egon (1995): Die Ortsnamen Südtirols und ihre Geschichte. Band 2: Die geschichtlich gewachsenen Namen der Täler, Flüsse, Bäche und Seen. Bozen.

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Ansprechpartnerinnenbalken-dunkelblau

Mit Abschluss des Projektes wurde die Datenbank an das Südtiroler Landesarchiv übergeben. Richten Sie bitte alle Anfragen an:

Landesarchiv
Armando-Diaz-Straße 8
39100 Bozen

Tel.: 0471 411940
Fax: 0471 411959

E-Mail: landesarchiv@provinz.bz.it
Homepage
: http://www.provinz.bz.it/denkmalpflege/1303/index_d.asp

 

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