Arbeitsfelder: Verhaltenslinguistik

Zusätzlich zum traditionellen Themenkatalog der germanistischen Linguistik haben wir uns eine weitere Perspektive vorgenommen, die uns theoretisches Wissen für eine praktische Germanistik liefern soll, für eine Germanistik, die eine ihrer Kernaufgaben in der sprachpraktischen Ausbildung der Studierenden sieht. Wir nennen diese Perspektive - durchaus in programmatischer Absicht - Verhaltenslinguistik. Dieser Ansatz ist in Österreich einmalig und ist damit für die Universität Innsbruck profilbildend.


Was ist Verhaltenslinguistik?balken-dunkelblau

Gruppenarbeit_01Die Verhaltenslinguistik fragt einerseits - in der Forschung wie in der Ausbildung - nach den Bedingungen und Mechanismen des sprachlichen Tuns. Anderseits geht es - auf der Basis einer langen und erfolgreichen Tradition - um die Beschaffenheit der Sprache, speziell natürlich der deutschen Sprache. Die Sprache ist das soziale Ergebnis der Tätigkeiten SPRECHEN, HÖREN, VERSTEHEN, KOMMUNIZIEREN, SCHREIBEN, LESEN - die deutsche Sprache das historisch gewordene Ergebnis im deutschen Sprachraum. Sprache ist eines der wichtigsten Verhaltensmedien, sozusagen der Bildschirm, auf dem Verhalten erscheint und wahrgenommen wird.

Im Zentrum des verhaltenslinguistischen Ansatzes steht der Zusammenhang zwischen Wissen und Sprache:

  • Wissensbe-, -ver- und -erarbeitung durch sprachliche Tätigkeiten
  • Erwerb und Verlust sprachlichen Wissens.

Diese theoretische und interdisziplinäre Perspektive beziehen wir auf eine breite empirische Basis.


Warum Verhaltenslinguistik?balken-dunkelblau

Die Verhaltenslinguistik hat zwei Anliegen:

  • Sie will dort ansetzen, wo die behavioristische Bewegung angesetzt hat - aber ohne deren Mentalphobie. Im Gegenteil: Es soll daraus Nutzen gezogen werden, dass die kognitivistische Wende eine Durchmodellierung menschlichen Verhaltens auf allen Ebenen - der des brains, des minds bis hin zu der des Aktionalverhaltens - möglich gemacht hat. Verhalten, Kognition und Sprache sind die Eckpunkte der verhaltenslinguistischen Analyse. Das Objekt der Analyse ist das Sprachspiel im weitesten Sinn. Die Orientierung auf die sprachlichen Tätigkeiten rückt den sprachhandelnden Menschen in den Mittelpunkt unseres Interesses.
  • Die Verhaltenslinguistik will durch ihren unmittelbaren Bezug auf Verhalten "bürgernah" sein/werden. Sie will z.B. Fragen beantworten können, die Sprachteilhaber wirklich bewegen: Wie kann ich wirkungsvoll sprechen/schreiben? Kann wirklich jeder schreiben oder ist das doch eine Talentfrage?


Innsbrucker Fragestellungen zum Verhältnis Sprache und Wissenbalken-dunkelblau

  • Funktionen der Sprache - aus der Perspektive: aktual- und phylogenetische Wissenser- und -verarbeitung und Sprache
  • Schreiben und Denken - aus der Perspektive: Wissensbe, -ver- und -erarbeitung beim Schreiben
  • Deutsch als Fremdsprache - aus der Perspektive: Erwerb sprachlichen Wissens (Zweitsprache) auf der Basis schon vorhandenen sprachlichen Wissens in der Erstsprache. Hier steht die Synchronisationsfrage im Vordergrund (Interferenzen)
  • Sprachliches und parasprachliches Verhalten im Gespräch - aus der Perspektive: synchrone Wissensbe- und -verarbeitung auf mehreren Ebenen, das Zusammenwirken von Syntax, Lexikosemantik, Prosodie, Gestik und Blickverhalten in der Face-to-face-Interaktion
  • Das Stereotyp - aus der Perspektive: Wissensverarbeitung im Benennungs- und Aussagerahmen
  • Nomination - aus der Perspektive: Wissensaufbereitung und -verfügbarmachung im Benennungsinventar und in der Benennungspraxis einer Sprache; Benennungsreflexion durch Benennungskommentare